Hoftheater Tromm

Vom Großstadtbühnenprofi zum Visionär im Überwald - Interview mit Jürgen Flügge

Künstlerischer Leiter, Hausherr und Chef des Hoftheaters Tromm. Jürgen Flügge blickt zurück und gibt Ausblicke auf die kommende Theatersaison.

Eröffnung Trommer Sommer im Jahr 2022: Jürgen Flügge in seinem Element (Archivbild: Marco Schilling).
Eröffnung Trommer Sommer im Jahr 2022: Jürgen Flügge in seinem Element (Archivbild: Marco Schilling).

Tromm. In seiner aktiven Zeit bei seiner Arbeit in großen Häusern in Braunschweig, Stuttgart und München durfte er sich guten Gewissens noch als Intendant bezeichnen: Jürgen Flügge. Seit geraumer Zeit, insbesondere als Hausherr und Chef des Hoftheaters Tromm, erachtet er sich eher als „Künstlerischer Leiter“. Darüber hinaus ist er Regisseur, Autor, aber auch Mitspieler. Im Jahr 1996 rief er im Rahmen des gleichnamigen Vereins das viertägige Kunst- und Kulturfestival Trommer Sommer ins Leben. Im Jahr 2002 wurde nach Umbau der Scheune und Anbau des prägenden Kubus das Hoftheater Tromm eröffnet. Im Jahr 2009 war er Mitbegründer der überaus erfolgreichen Theatergruppe Sommerspiele Überwald. Anlässlich der gerade beendeten Herbst/Winter-Spielzeit im Hoftheater unterhielt sich die OZ mit ihm.

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Herr Flügge, wie blicken Sie als Künstlerischer Leiter auf das vergangene Jahr zurück. Was waren aus Ihrer Sicht die größten Erfolge des Hoftheaters?

Jürgen Flügge: Sehr gut angekommen sind vor allem die Eigen- und Coproduktionen. Zu nennen sind von der stimmungsvollen Resonanz her dabei die Opern-Gala in Zusammenarbeit mit dem Nationaltheater Mannheim, die Eigenproduktion „Geknitter – Gewitter“ für Kinder, die wir über das Hoftheater hinaus etwa 50-mal gespielt haben, in Kindergärten in der Region und an der Bergstraße, sowie die Produktionen mit der begnadeten Schauspielerin Astrid Sacher, „Hashtag Faust, Hashtag Gretchen“. Deren Produktionen werden schon von privater Seite aus gebucht.

Wie hat sich das Publikum im vergangenen Jahr entwickelt? Gab es bestimme Veranstaltungen, die besonders viele Besucher angezogen haben?

Wir leiden noch ein wenig unter den Nachwirkungen der Corona-Pandemie. Das Theater ist nicht immer so gut besucht wie in den Jahren zuvor. Kompensiert wird dies durch Gastspiele unserer Eigenproduktionen in Theatern wie dem Pfalzbautheater Ludwigshafen oder dem Parktheater Bensheim. Zudem haben wir schon wieder Einladungen zu dem großen Kinder- und Jugendtheaterfestival in Marburg erhalten.

Das Hoftheater bietet eine Bandbreite von Kabarett bis Schauspiel und Märchensonntagen. Welche dieser Sparten haben sich als Publikumsmagneten erwiesen?

Wir bedienen alle Sparten. Als besonders erfolgreich hat sich das Kindertheater erwiesen. Aus meiner Zeit als Dozent an der Theaterakademie Mannheim habe ich die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler rekrutiert, mit denen ich heute noch zusammenarbeite. Lina Zimmer, Lena Ritthaler, Ann-Kathrin Kuppel, Rouven Honnef und Moritz Hahn, um nur einige zu nennen.

Die Märchensonntage sind ein echtes Markenzeichen Ihres Hauses. Was macht sie aus Ihrer Sicht so besonders?

Es liegt daran, dass die jungen engagierten Schauspielerinnen und Schauspieler dies nicht nur als Nebenbeschäftigung betrachten, sondern professionell an die Sache herangehen, mit Herz, Seele und Verstand.

Der Trommer Sommer ist ein wichtiger Bestandteil Ihres kulturellen Angebotes. Welche Momente waren für Sie prägend?

Da fällt mir vor allem der spektakuläre Straßentheater-Auftritt von dem italienischen Theater „Teatro Due Mondi“ ein. Erwähnenswert ist dabei auch der folgende Erfahrungs- und Wissensaustausch mit dem Publikum und anderen Künstlern. Daraus ergeben sich Freundschaften und Kontakte. Wir haben schon eine Gegeneinladung erhalten. So ist und war es auch bei allen anderen Trommer-Sommer-Ereignissen. Oft wird auch zum Trommer Sommer etwas produziert, was dann über die Spielzeit läuft oder auf Gastspielreise geht.

Spektakulär! Der Auftritt der italienischen Theatergruppe "Teatro Due Mondi" im Sommer 2024. Foto: Gian-Luca Heiser
Spektakulär! Der Auftritt der italienischen Theatergruppe "Teatro Due Mondi" im Sommer 2024.

Gibt es Programmpunkte, die Sie aufgrund von Erfahrungen überdenken oder nicht mehr anbieten würden?

Grundsätzlich: Alles und alle, die wir einladen, laden wir aus Überzeugung ein. Wenn es von der Resonanz her nicht so läuft, evaluieren wir, ob es am künstlerischen Angebot oder an der schlecht gemachten Werbung liegt. Bisweilen bedarf es einfach der Geduld. Beharrlichkeit zahlt sich aus. Dann läuft es eben beim zweiten oder dritten Mal.

Können Sie schon einen kleinen Einblick in neue künstlerische Projekte oder besondere Schwerpunkte in dieser Saison geben?

Derzeit erarbeiten wir ein neues Kinderstück. Der Arbeitstitel lautet „Sand-Land“. Dabei werden wir zu einem Grobgerüst erste Erfahrungen und Feedbacks bei Auftritten in Kindergärten und Ferienheimen sammeln und dann das Stück weiterentwickeln. Mit Astrid Sacher und einer Kollegin wird ein weiteres Stück zum Thema „Alter“ und „Altern“ erarbeitet. Und dann nimmt natürlich ab Februar die neue Produktion der Sommerspiele Überwald nicht nur bei mir Raum und Zeit ein. Der Arbeitstitel, so viel sei verraten, ist „Der erotische Hotspot Wald-Michelbach in den 1970er-Jahren“.

Wie sehen Sie die Rolle des Hoftheaters Tromm in der regionalen Kulturlandschaft?

Das Hoftheater, der Trommer Sommer und die Sommerspiele Überwald – das darf ich sagen – sind professionell geführte kulturelle Einrichtungen. Hier arbeiten Profis (auch Danilo Fioriti und Anja Hahn beispielsweise) mit Amateuren zusammen, sind für die Menschen da und spielen für Menschen. Wir fördern den Austausch, die Debatten, die Meinungsbildung. Hierzu möchte ich den verstorbenen Politiker Lothar Späth, damals in der Rolle des Landesvaters von Baden-Württemberg, zitieren: „Alles, was ich jetzt in Kinder- und Jugendtheater investiere, brauche ich später nicht für aufwendige Präventions- oder Reparaturarbeit auszugeben.“ Ich denke dabei auch an Eigenproduktionen wie vor Jahren mit Jan Gebauer, „Ich bin nicht Siegfried“, die zu großen Gastspielreisen, bis hin zur damaligen Europäischen Kulturhauptstadt Luxemburg geführt hat, oder an die Produktion mit Marion La Marché in ihrer Glanzrolle als Janis Joplin. Die Sommerspiele gastierten bereits in der damaligen Europäischen Kulturhauptstadt Graz/Austria.

Generalprobe im Sommer 2021 für den "Kleinen Muck". Foto: Philipp Reimer
Generalprobe im Sommer 2021 für den "Kleinen Muck".

Wenn Sie an das vergangene Jahr zurückdenken. Gibt es ein Ereignis, ein Zusammentreffen, das Sie persönlich bewegt hat?

Was soll ich sagen? Die Reaktionen der Kinder in den Kindergärten auf unsere Stücke sind bewegend, herzerwärmend. Die fragen uns nach den Vorstellungen Löcher in den Bauch. Da sieht man, welches Potenzial in Kindern steckt. Daraus können Künstler noch etwas lernen. Mehr unter www.hof-theater-tromm.de