Warum gute Vorsätze nicht perfekt sein müssen
Im Interview erklärt Ärztin und Gemüsegärtnerin Lara Schneider, was Schokolade mit Stress zu tun hat, wie man mit eigenem Gemüse die Gesundheit stärkt - und für den Kater nach Silvester teilt sie ihr Geheimrezept.
Gesünder leben, mehr Grünzeug auf dem Teller und vor allem weniger Stress – wer kennt sie nicht, die guten Vorsätze fürs neue Jahr, die oft schneller verpuffen als das Silvesterfeuerwerk? Doch statt sich zu viel vorzunehmen oder unrealistische Ziele zu setzen, rät Lara Schneider, Ärztin für Naturheilkunde und Gemüsebäuerin, zu mehr Gelassenheit. Denn oft seien es die kleinen Schritte, die viel bewirken können.
Im Gespräch gibt sie Tipps, wie man gesunden Genuss locker in den Alltag schmuggelt, sie erklärt, warum Gemüseschnippeln sich manchmal wie Yoga mit einem Kochlöffel anfühlt und warum man mit Radieschen beruhigt ins neue Jahr starten kann.
Über Lara Schneider
- Lara Schneider absolvierte ihr Medizinstudium in München.
- Sie lebt heute mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Olfen.
- Die 34-Jährige führt eine Praxis in Oberzent, in der sie sich auf Akupunktur, Traditionelle Chinesische Medizin und ganzheitliche Naturheilkunde spezialisiert hat.
- Seit 2024 bewirtschaftet sie gemeinsam mit ihrem Mann eine Gemüsegärtnerei am Ortseingang von Affolterbach.
- Ab 2026 planen die beiden wieder saisonale Gemüsekisten.
Liebe Frau Schneider, warum greifen viele von uns in stressigen Situationen eher zu Chips oder Schokolade?
Lara Schneider: Das ist ein typisches Verhalten. Wenn der Stress groß genug ist, erwische ich mich selbst dabei (lacht). Im Stress verlangt unser Körper schnell verfügbare Energie, also Zucker oder Fett. Es geht darum, möglichst viel Zucker in die Muskeln zu pumpen. Evolutionsbedingt war das sinnvoll, um in Gefahrensituationen schnell reagieren zu können. Heute ist der Stress oft mental, nicht körperlich, und wir sitzen dann eher am Schreibtisch, statt vor einem Säbelzahntiger wegzurennen. Leider führt dauerhafter Stress zu ungesunden Essgewohnheiten, aber man kann diesen Kreislauf durchbrechen.
Und wie genau kann man das schaffen, besonders weil der Alltag sich nicht so einfach abschalten lässt?
Schneider: Man kann an zwei Stellen ansetzen: Erstens bei der Stressbewältigung. Kleine Pausen, die einem guttun – ein Spaziergang, eine Tasse Tee am Fenster, Sauna, Sport oder ein Gespräch mit Freunden –, helfen enorm. Zweitens bei der Vorbereitung, um Hungerlöcher zu vermeiden. Regelmäßiges Essen, das sättigt und zufrieden macht, beugt Heißhungerattacken vor. Und wenn der Hunger doch kommt, sollten gesunde Alternativen wie Nüsse, Obst oder Datteln griffbereit sein. Gut sind auch Bananen mit Erdnussmus oder gesalzene Erdnüsse. Wichtig ist, sich dabei nicht zu streng zu reglementieren. Je mehr wir uns Verbote auferlegen, desto mehr wollen wir sie brechen.
Warum geben viele ihre Vorsätze nach wenigen Wochen wieder auf?
Schneider: Ganz kurz: Weil sie oft mit dem Gefühl einhergehen, auf etwas verzichten zu müssen.
Klingt ehrlich gesagt ziemlich schwierig. Wie können wir das verhindern, ohne uns mächtig anzustrengen?
Schneider: Der Schlüssel liegt darin, eine Ernährung zu finden, die einem wirklich Freude macht. Das heißt: Ausprobieren, mit verschiedenen Zutaten experimentieren und für sich herausfinden, was einem schmeckt und guttut. Es darf kein Zwang sein, sondern eine positive Erfahrung. Man sollte dabei einfach nicht so furchtbar streng mit sich sein.
Sie sind auch Biogärtnerin. Es wird oft empfohlen, saisonales Biogemüse zu essen. Aber nicht jeder hat einen eigenen Garten. Wie erkennt man gute Qualität im Supermarkt oder auf dem Wochenmarkt?
Schneider: Das ist eine gute Frage. Meiner Erfahrung nach erkennt man gute Qualität, wenn an dem Gemüse noch Erde hängt, sich das Gemüse frisch anfühlt und frisch riecht und nicht zu perfekt aussieht. (lacht). Also nicht zu prall, zu glatt und glänzend oder zu groß.
Welches Gemüse ist besonders einfach und gesund – auch für Anfänger oder Menschen ohne grünen Daumen?
Schneider: Ich finde, selbst angebautes Gemüse wie Radieschen, Rucola, Cocktailtomaten oder Kräuter macht viel Spaß. Das kann man sogar auf dem Balkon oder der Fensterbank ziehen. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass selbst angebautes Gemüse ein Mikrobiom hat, das sich positiv auf unsere Gesundheit auswirken könnte. Dazu gibt es zwar bisher nur wenig Forschung, aber ich finde den Gedanken äußerst interessant. Während die Gesundheitsvorteile eines gut funktionierenden Darmmikrobioms mittlerweile umfassender erforscht sind, entwickelt sich auch die Forschung zum Mikrobiom von Gemüse stetig weiter.
Das ultimative Gemüse für alle gesundheitlichen Fälle gibt es also nicht?
Schneider: Nein, leider nicht. Außerdem muss das jeder für sich selbst herausfinden, da Geschmäcker bekanntlich verschieden sind. Es ist jedoch mittlerweile gut belegt, dass eine vielfältige Ernährung entscheidend für die Gesundheit ist. Momentan genieße ich zum Beispiel ein frisches Sauerteigbrot mit veganer Butter, darauf eine in der Pfanne angebratene Scheibe Sellerie, verfeinert mit Kräutersalz – einfach köstlich!
Slow Food ist beliebt. Viele Menschen betrachten Kochen als eine sinnliche Aktivität, die sie zu innerer Ruhe, Ausgeglichenheit und Achtsamkeit führt. Kann das tatsächlich helfen, Stress abzubauen, oder ist das eher realitätsfern? Wie sehen Sie das?
Schneider: Absolut! Wenn man sich Zeit dafür nimmt, kann Kochen eine Art „Entspannungsinsel“ im Alltag sein. Das Schnippeln von Gemüse oder das Zubereiten eines Gerichts für andere kann sehr beruhigend wirken. Allerdings darf es nicht zum zusätzlichen Stressfaktor werden. Es geht nicht darum, immer jedes Salatblatt achtsam zu waschen – sondern darum, Freude am Prozess zu finden.
An Silvester lassen viele es noch einmal krachen. Haben Sie Tipps gegen den Kater am nächsten Tag?
Schneider: Für die Feierwütigen würde ich am nächsten Tag vor allem Ruhe empfehlen. Der Körper weiß, was er braucht, auf ihn sollte man hören. Aber auch viel Flüssigkeit! Ein grüner Smoothie mit Orangensaft, Gurke, Karotte, Apfel und Petersilie kann helfen, da er Elektrolyte liefert und rehydriert. Auch bittere Lebensmittel unterstützen die Leber beim Entgiften. Aus medizinischer Sicht aber gilt natürlich: Bitte übertreiben Sie es nicht!
Zum Schluss: Was sind Ihre persönlichen Vorsätze für 2025?
Schneider: Ich bin kein Fan davon, auf ein bestimmtes Datum zu warten, um etwas zu ändern. Wenn ich das Gefühl habe etwas ändern zu müssen, mache ich es sofort. Also sollte man einfach mal damit anfangen. Aber für das nächste Jahr wünsche ich mir, weiterhin Freude an meiner Arbeit in der Praxis zu haben und dass unser Boden in der Gemüsegärtnerei noch vitaler wird. Ich bin dankbar, wenn ich wieder viel frisches Gemüse zum Kochen habe.
Herzlichen Dank für das Gespräch und einen guten Rutsch ins neue Jahr!