Weschnitztal: Wenn Demenz-Patienten verschwinden - GPS-Tracker "ein schwieriges Thema"
Vorsorge: Wie geht man in Einrichtungen im Weschnitztal mit dem Problem des „Weglaufens“ von Demenz-Kranken um? Sind GPS-Tracker eine Lösung?
Weschnitztal. Immer wieder werden Menschen als vermisst gemeldet, unter ihnen auch viele alte und an Demenz leidende. Erst Ende vergangenen Jahres verschwand in den frühen Morgenstunden eine 82-Jährige aus dem Johanniter-Haus in Rimbach, wurde aber nur Stunden später wiedergefunden (siehe weiteren Bericht).
Die OZ will nun wissen, welche technischen Möglichkeiten es gibt, um verschwundene Personen zu orten. Bei der Polizei verweist Pressesprecher Bernd Hochstädter an die Altenheime: „Zu Geräten mit Ortungsfunktion für Demente können wir keine Aussagen treffen, weil uns diesbezüglich die Erfahrungswerte fehlen.“ Er ergänzt aber, dass es Ortungschips gebe, die beim Überschreiten eines bestimmten Bereichs ein Signal abgeben und damit die Aufmerksamkeit von Angehörigen oder Pflegepersonal wecken.
Eingriff in Persönlichkeitsrechte
„Es ist ein schwieriges Thema“, sagt Matthias Schmid. Der stellvertretende Einrichtungsleiter im Mörlenbacher „SenVital“ gibt zu bedenken, dass auch Uhren mit GPS-Sendern niemanden am Weglaufen hindern würden. GPS steht für „Global Positioning System“, zu Deutsch „Globales Positionsbestimmungssystem“. Weil eine Ortung über die Signale einen Eingriff in die Rechte des Betroffenen darstellt, müssen die Angehörigen oder Betreuer eine Regelung finden.
In dem Haus leben 76 Menschen, zwölf davon in einer Demenzstation. Zwar hätten noch mehr Bewohner Erkrankungen wie Alzheimer: „Doch sagt die Diagnose Demenz nicht aus, dass jetzt jemand total orientierungslos ist.“ In der Einrichtung könne man das aber abschätzen. Weshalb die Demenzstation mit einer speziellen Tür ausgestattet ist, die bei jedem Öffnen ein Signal gibt.
Im „Haus Anna“ im Mörlenbacher Ortsteil Klein-Breitenbach ist die Entscheidung für einen GPS-Sender ebenfalls Sache der Angehörigen oder des Patienten. „Jeder Mensch ist frei. Auch ein dementer Mensch ist frei“, betont Heimleiter Jörg Wehrle. Das gerne verwendete Wort von der „Weglauftendenz“ vieler Alzheimerpatienten formuliert er um in „Hinlauftendenz“. Denn seiner Erfahrung nach wollten die Betroffenen weniger davonlaufen, als vielmehr bestimmte Orte aus ihrer Vergangenheit aufsuchen, entweder die Arbeitsstelle oder das Zuhause, das einst gewohnte Umfeld.
Davon könne man sie nur schwer abhalten: „Die Leute können sich noch bewegen, haben aber oft keine Orientierung.“ Wenn man sie nun mittels der Technik orten könne, was sei dann zu tun? „Ich kann nicht einfach jemanden mitnehmen“, gibt Wehrle zu bedenken und weist darauf hin, dass das durchaus den Charakter einer freiheitsentziehenden Maßnahme haben könne, und erklärt wie sein Kollege: „Dafür braucht es einen richterlichen Beschluss des Amtsgerichts.“
Gerät als Fremdkörper
Doch könnten die Angehörigen durchaus ein GPS-Gerät anschaffen und den „Tracker“ überwachen: „Wir als Institution können das nicht.“ Eben aus rechtlichen Gründen. Derzeit leben im „Haus Anna“ 44 Senioren, von denen zwei „viel unterwegs“ sind. In einem Fall hätten Angehörige ein Ortungsgerät angeschafft, doch sieht er auch hier einige Tücken: „Viele Leute nehmen so eine Uhr ab, weil sie sie als Fremdkörper empfinden. Sie wird nicht angenommen, und wir finden sie dann irgendwo in der Ecke.“ Andere Sender seien in Handtaschen eingearbeitet, könnten aber auch weggelegt oder ausgepackt werden: „Das ist nicht die Ultima Ratio.“
Weshalb er versuche, im Vorfeld mehr über den Menschen zu erfahren, der bald einziehen soll: Passt er zu einem möglichen Zimmergenossen? Ist er lebhaft oder ruhig? „Wir haben in Hessen ja noch Doppelzimmer, da muss das harmonieren“, sagt er. Wenn es Bedenken gibt, empfiehlt er „behütete“ Einrichtungen, die Barrieren oder eingezäunte Außenbereiche haben. Oft könnten auch Elemente aus der Biografie der Menschen helfen; in größeren Häusern gibt es etwa spezielle Bushaltestellen, Büros oder Flure, die auf die Bedürfnisse von dementen Bewohnern angepasst sind.
Eine Einrichtung, in der GPS-Tracker nicht zum Einsatz kommen, ist das Wohnheim Wiesental. Cordula Konstroffer, Stellvertretende Leiterin in dem Haus für Menschen mit seelischer Erkrankung, erklärt, warum diese Technik im Falle psychisch Kranker nicht zielführend ist: „Manche von ihnen haben zwar eine hohe Weglauftendenz. Aber sie lehnen die Geräte ab, denn sie wollen ja gerade nicht verfolgt werden.“
Konstroffer war 47 Jahre lang Leiterin, bis ihre Tochter Alexandra Schreiber übernahm. Derzeit leben 35 Menschen ab 18 Jahren im Wiesental, außerdem betreut das Team auch noch Patienten daheim, denn das Ziel ist ein selbstständiges Leben. Sofern es ältere Menschen betrifft, glaubt Konstroffer, dass auch sie ein Problem damit haben könnten, eine Uhr oder ein Handy mit Sender zu akzeptieren. Dass aber eine Halskette vielleicht eher angenommen werde: „Wenn sie unter der Kleidung getragen wird und derjenige sie nicht ständig sieht, wäre das unter Umständen besser.“
Vermisstenfälle im Weschnitztal
Am 4. Mai 2023 verschwand Hannelore Mootz spurlos. Die 69-Jährige verließ ihre Wohnung in Mörlenbach, und kurz darauf begann eine groß angelegte Suchaktion. Mit Mantrailer-Suchhunden und Drohnen wurde nach der an Demenz erkrankten Frau gesucht; Unterstützung kam von der Freiwilligen Feuerwehr. Gegen Ende des Monats fanden die Bewohner eines Aussiedlerhofs Kleidungsstücke der Vermissten, eine schwarze Jacke und einen auffallenden, orangefarbenen Schal.
Unklar blieb, wie die Sachen dorthin gelangten. Hatte die Frau sie ausgezogen? Hatte sie in der angrenzenden Maschinenhalle geschlafen? War sie den anliegenden Hammelbacher Weg weiter- gegangen?
Die Polizei weiß es nicht, bedauert Pressesprecher Bernd Hochstädter und teilt mit: „Zu Frau Mootz gingen verschiedene Hinweise ein, die uns allerdings allesamt leider nicht weitergebracht haben.“
Fast auf den Tag ein Jahr später, am 1. Mai 2024, wurde Marianne Benkel-Eberle als vermisst gemeldet. Die 87-Jährige, die im Altenheim Johanniter-Haus in Rimbach lebte, verließ die Einrichtung gegen 10 Uhr. Auch sie leidet an Demenz, und auch nach ihr wurde mit Mantrailern, Drohnen und Hubschraubern gefahndet, darüber hinaus auch im Rahmen einer privaten Aktion, die die Familie organisierte.
Doch auch hier: Jeder Versuch, sie zu finden, scheiterte. Hochstädter erklärt: „Auch im Vermisstenfall Benkel-Eberle gab es noch Hinweise, die jedoch nach Abklärung keine weiteren Ergebnisse erbrachten. Nach einer Meldung wegen verdächtigen Geruchs wurde durch die Polizei eine erneute Suchmaßnahme, ebenfalls mit Hunden, eingeleitet.“ Das war mehrere Wochen nach Benkel-Eberles Verschwinden; der Geruch wurde im Bereich des Lörzenbacher Parks gemeldet. Auch dieser Hinweis brachte aber kein Ergebnis.
Ein weiterer Vermisstenfall im November vergangenen Jahres ging dagegen glücklich aus: Eine 82-Jährige, die ebenfalls im Johanniter-Haus in der Rimbacher Erikastraße lebte, wurde frühmorgens als vermisst gemeldet; weil es kalt war, machten sich sofort Beamte mit Suchhunden und eine Hubschrauberbesatzung der Polizeifliegerstaffel auf die Suche. Letztere entdeckten die alte Frau schließlich im Gleisbett bei Zotzenbach; mit einer Unterkühlung, ansonsten aber wohlauf, kam die 82-Jährige ins Krankenhaus.