Wie der Odenwald zu einer bunten Seifenblase wird
Beim Sound of the Forest verschmelzen Fans und Künstler zu einer Gemeinschaft, die auch 2026 wieder ganz besondere Momente kreiert.
Odenwald. Es ist Samstagnachmittag in einem der Shuttlebusse, die im Stundentakt zwischen dem großen Bienenmarktparkplatz in Michelstadt und dem Festivalgelände am Marbachstausee verkehren. Drei junge Frauen aus dem Osten der Republik sind auf dem Weg zum Sound of the Forest – zum ersten Mal. Und sie staunen nicht schlecht, als der Bus sie vom noch vergleichsweise urbanen Michelstadt immer tiefer hinein ins bewaldete Mittelgebirge transportiert. „Hier soll ein Festival stattfinden?“, fragen sie ungläubig. Noch dazu eines mit internationalem Line-up und Renommee?
Umso größer sind die Augen des Trios, als nach rund 20 Minuten Fahrt das „Odenwälder Auenland“ erreicht ist. Vor ihnen und den anderen Mitfahrenden breitet sich diese wunderbare Festivalkulisse aus, die das Sound of the Forest allein schon zu etwas ganz Besonderem macht. Und kaum aus dem Bus ausgestiegen, werden alle unwillkürlich aufgesogen von dieser bunten Parallelwelt, in der sich Tausende andere bereits seit Donnerstag tummeln.
„Wir brauchen solche Räume“
Zwischen See und Wald wachsen die „Forestpeople“ zu einer Gemeinschaft zusammen, in der für ein paar Stunden und Tage jeder einfach so sein kann, wie er oder sie will. Alles scheint möglich, solange gegenseitiger Respekt und Achtsamkeit bewahrt werden. Ein „Safe Space“, der wie eine Seifenblase wirkt in einer Welt, die aktuell so wenig von dieser Sicherheit zu bieten hat.
Dieser Geist dringt bis zu den Künstlern auf den drei Festivalbühnen durch. „Wir brauchen solche Räume, gerade weil aktuell einige versuchen, unsere Gesellschaft zu spalten“, meinte eine spürbar beeindruckte Soffie, die am Samstagnachmittag mit ihrer Band ein gefeiertes Set auf der Hauptbühne, bereits mit einigen Verweisen auf ihr anstehendes erstes Album, lieferte. Ihr Hit „Für immer Frühling“ stand dabei deutlich für Mut und Hoffnung.
Womit – rückwirkend – der Bogen zu Yunus gespannt war: Der Berliner Indie-Rapper hatte kurz zuvor bei seinem Set im „Unterholz“ (der Nebenbühne unter einem Zeltdach) bekannt, von eben diesem Soffie-Song zu seinem inhaltlichen Gegenentwurf „Aufgehört zu Träumen“ inspiriert worden zu sein. Wobei dieser Pessimismus keinesfalls die Grundstimmung beim Yunus-Auftritt widerspiegelte – im Gegenteil. Der sympathische Hip-Hop-Poet sammelte einige Humorpunkte und sicher auch neue Fans.
Ivo Martins erster Moshpit
Bei den Acts schimmert immer wieder durch, dass ein Auftritt beim Sound of the Forest auch für Künstler und Bands etwas Spezielles ist. Unter anderem auch wegen der „Forestpeople“, die so völlig losgelöst von allen Alltagsfesseln scheinen, dass sie selbst zur eher ruhigen Liedermacher-Musik von Ivo Martin einen Moshpit vor der Hauptbühne lostreten. „Ich schwöre, so etwas hat es bei meinen Konzerten noch nicht gegeben“, staunt der Indie-Popper – und wirft mit seiner Band kurzerhand den Set um, um dieses Spektakel zu „Tanz“ bei der Zugabe noch mal erleben zu können.
Wie sehr offenkundig auch die Künstler die besondere Atmosphäre mitten im Odenwald schätzen, zeigte sich, als am Freitag der „Worst Case“ eintrat und beim Headliner-Set von Majan auf der Hauptbühne urplötzlich der Strom ausfiel (siehe auch Seite 5). In einer „abenteuerlichen Aktion“, wie es Jo Megow vom Verein Sound of the Forest schildert, wurde das defekte Aggregat durch eines von der Nebenbühne ersetzt, sodass Majan mit einiger Verzögerung weiterspielen konnte. „Er hat mir gesagt, bei jedem anderen Festival hätte er komplett abgebrochen – und das glaube ich ihm“, erzählt ein dankbarer Megow.
Schleppender Vorvrkauf
Es war wohl vor allem auch die Reaktion der Menschen vor der Bühne, die nicht ungeduldig wurden, sondern die Zeit gelassen und mit Gesang überbrückten, die auch den Rapper beeindruckte. „Mich hat das Gemeinschaftsgefühl, das in diesem Moment zum Tragen kam, bewegt“, gesteht auch Megow. Alles „Friede, Freude“ also? Ein gehöriger Wermutstropfen bleibt in diesem Jahr: Der Vorverkauf sei „katastrophal“ gelaufen für den Verein, redet Jo Megow Klartext. Vor zwei Wochen war mit 2.700 Tickets gerade einmal die Hälfte der Kapazität erschöpft. Am Sonntagnachmittag hatte der Vereinssprecher zwar noch keine endgültigen Zahlen, es schien aber, als sei über die Tageskasse am Samstag eventuell doch noch die 4.000er-Marke erreicht worden. Gleichwohl blieb das Festival deutlich unter den Höchstzahlen vergangener Jahre.
Vom kleinen Bruder überholt
Damit ist das Sound of the Forest von seinem „kleinen Bruder“, dem Circle of Leaves – das am kommenden Wochenende an gleicher Stätte stattfindet –, inzwischen überholt worden. „Wir steuern auf ausverkauft zu“, verrät Megow, dessen Verein auch dieses Elektro-Happening organisiert. Wer dabei sein will, vom 7. bis 9. August, sollte dringend den Vorverkauf nutzen.
Und das „Sound“? Das wurde mit rund 40 Acts auf drei Bühnen seinem „Open Minded“-Anspruch wieder vollauf gerecht. Für den rockigen Part sorgte in seiner unvergleichlichen Art am Samstag unter anderem Gringo Mayer mit seiner Kegelband. Der Ludwigshafener läuft ebenso wenig mit einem Blatt vor dem Mund durch die Gegend wie die Punker von Team Scheisse, welche die Hauptbühne am späten Samstagabend noch mal in einen echten Hexenkessel verwandelten, während ein paar Meter unterhalb auf der Seebühne bei Headliner Philipp Poisel Candlelight-Atmosphäre angekündigt war. Im Odenwälder Auenland findet eben jeder seinen Platz.