100 Jahre Sportschützen: Der lange Weg zum Vereinsheim
Die Geschichte des SSV Hemsbach verlief alles andere als geradlinig. Unter den Nazis wurden sie als „marxistisch“ verboten.
Hemsbach. Waren es lauter Männer? Oder machte eine Frau mit? Sehr präzise sind die Angaben zu den Menschen nicht, die vor 100 Jahren den Schützenverein aus der Taufe hoben. Auch die Namen derer, die sich unter Leitung von Georg Adam Brauch zusammenschlossen, sind nicht alle erhalten. Doch nennt die Vereinschronik Josef Braxmeier, Franz Eck, Paul Grimm, Mathias Grünewald, Adam Gülch, Josef Hallermeier, Alfred Höhn, Adam Nischwitz, Aristide Schreiber, Friedrich Strauß und Ludwig Weis. Die Jubiläums-Festschrift berichtet, wie es weiterging. Die Schützen begannen recht schnell mit dem Bau eines Schießstands und bekamen von Grimm kostenlos Land; das Gelände oberhalb des einstigen Waldschwimmbads lag, und das hätte sich niemand schöner ausdenken können, an der heutigen Straße „Auf der Au“. Schon wenig sammelte Mitglied Ludwig Weis Pokale wie die „Hindenburg-Plakette“. 1932 gehörten 32 Mitglieder zum Verein, der auf dem Zeilberg einen größeren Schießstand einrichtete, wo besonders mit Kleinkaliberwaffen trainiert wurde.
Aus „Republik“ wird „marxistisch“
Mit der Machtübernahme der Nazis wurde der Verein verboten – er hatte sich nämlich unter dem Namen „Schützenverein Republik“ gegründet, und das wurde jetzt als „marxistisch“ ausgelegt. Die Mitglieder fanden sich jetzt in der Sportgemeinde zusammen, die als eine Art Auffangbecken für alle möglichen, missliebigen Vereinigungen diente.
Geschossen wurde in Hemsbach weiter, eine Jugendmannschaft wurde Zweiter bei den „Großdeutschen Meisterschaften“ 1938 in Berlin; über das Vereinsleben während des Kriegs ist wenig erhalten außer Mitgliederzahlen. Ab 1947 versuchte der Gründungsvorsitzende Brauch, das von den Nazis eingezogene Grundstück am Mühlweg 6 zurückzubekommen, und 1949 stellte er bei der US-Armee den Antrag, den Verein wieder gründen zu dürfen – die Nachkriegsjahre waren geprägt von behördlichen Einschränkungen, Rückschlägen, Umzügen und immer wieder Neubeginnen.
Suche nach einem Quartier
Ab 1950 ging der Schießbetrieb unter dem Dach der Sportgemeinde weiter, und nach längerer Auseinandersetzung bekamen die Schützen nun auch ihr Vereinsvermögen zurück. Auf dem Gelände um die heutige Hans-Michel-Halle entstand eine Schießanlage, die aber schon wenige Jahre später geänderten Bauvorschriften zum Opfer fiel. Die Sportgemeinde verkaufte 1959 die alte Anlage und verwendete den Erlös für die Fußballabteilung. Nach einigen Jahren wurde die Abteilung unter Hans-Werner Thron wiederbelebt. Ausweichquartiere waren immer wieder Gasthäuser, zunächst die „Bergstraße“, dann die „Krone“, bevor im Keller der Sportgemeinde und später im Sportcenter Schießstände eingerichtet wurden. Die Mitgliederzahlen schwankten; 1971 wagten die Schützen den Weg in die Selbstständigkeit, traten bei der Sportgemeinde aus und nannten sich ab sofort „Sportschützenverein Hemsbach 1926“ (SSV). Die Selbstständigkeit begann mit einer Enttäuschung. Eine von der Sportgemeinde versprochene „Starthilfe“, die zugleich eine Entschädigung für das Vereinsvermögen gewesen wäre, wurde nie bezahlt: So fehlten 1.000 Mark.
Wieder stand die Suche nach einem geeigneten Vereinsgelände an; 1979 rückte ein sechs Jahre zuvor stillgelegtes Klärwerk in den Fokus, doch standen Baukosten von 550.000 Mark im Raum. Zwar gab es Zuschüsse, doch für den Verein bedeutete das Projekt vor allem viel Eigenleistung. Die Mitgliederzahl stieg, eine Bogen-Abteilung wurde gegründet, 31 Titel bei der Kreismeisterschaft errungen, und auch Frauen verzeichneten Erfolge: Ingrid Klebingat wurde Badische Meisterin der Juniorinnen.
1982 wurde ein Erbpachtvertrag – Laufzeit 50 Jahre – mit der Stadt unterzeichnet. Im selben Jahr ging es los mit den Bauarbeiten: Fundamente wurden gebaut, Leitungen verlegt, die Schießstände vorbereitet. 1984 wurde das Gebäude mit einem Dach versehen. 1986 bekam der Verein eine „Halbpfünder“-Kanone von Vorstand Manfred Gärtner geschenkt. Sie kam nur ein einziges Mal zum Einsatz – als bei der Kerwe in diesem Jahr jemand einen Gehörschaden erlitt, wurde auf das Abfeuern verzichtet, doch bis heute kann man den Nachbau eines historischen Stücks im Schützenhaus bewundern.
Einweihung nach acht Jahren
1989 wurde die neue Luftgewehr-Anlage eröffnet, den ersten Schuss durfte Bürgermeister Volker Pauli abfeuern. Im Folgejahr stand noch das Verputzen an, das Mitglied Rainer Böhm übernahm, und am 20. Oktober 1990 wurde Einweihung gefeiert – aller Unkenrufe zum Trotz, die das Vorhaben als „zehn Schuhnummern zu groß“ für den Verein bezeichnet hatten. Am Ende kamen 30.000 Arbeitsstunden zusammen, eine Bauzeit von acht Jahren und acht Monaten. Wer mehr als 1.000 Arbeitsstunden gesammelt hatte, wurde Ehrenmitglied: Unter anderem waren das Christel und Reinhold Eberhard.
Um die Jahrtausendwende hatte der SSV 243 Mitglieder; Martin Kloke wurde Deutscher Meister mit der Steinschlosspistole – ein Titel, an den er 2006 den des Weltmeisters dranhängte – 2008 wiederholte er diese Leistung, 2010 noch einmal mit der Mannschaft.Ab 2018 wurde Ute Gretz mehrfach Weltmeisterin, mal mit dem Perkussionsgewehr, mal mit einer Replika-Muskete, mal mit Steinschloss-Waffen. In den Folgejahren holte der Verein EM-Medaillen und fügte Silber- und Bronzemedaillen von Weltmeisterschaften hinzu.
Elektronische Messanlagen
Schlachtfeste, Jahresausflüge und Vatertagsfeste wurden organisiert, ebenso der Königsball mit Tombola oder Bayerische Abende. In späteren Jahren etablierte sich das Neujahrsschießen, während das Vereinsturnier eine feste Größe blieb. Auch gebaut wurde immer wieder: Das Vereinsheim erhielt einen neuen Heizkessel, eine Photovoltaik-Anlage und eine neue Küche.
Nach einem Stillstand im Gefolge der Corona-Beschränkungen ging es 2022 gesellig und sportlich weiter – und auch mit Modernisierungen. 2025 war ein weiteres Großprojekt abgeschlossen: Sämtliche Schießstände waren jetzt mit elektronischen Messanlagen ausgestattet, und schon im Vorjahr zogen die Landesmeisterschaften ganz offiziell in Hemsbach ein.
Im Jubiläumsjahr hat der Verein 233 Mitglieder. Die Landesmeisterschaften des Vorjahrs endeten mit 24 Goldmedaillen, auf Kreisebene gab es 107 Medaillen, darunter 54 Mal Gold, außerdem kamen die Hemsacher bei den Deutschen Meisterschaften gleich mehrfach aufs Treppchen – in der Festschrift sind den Siegern und ihren Titeln insgesamt elf Seiten gewidmet.