Der Bundeskanzler kommt nach Weinheim
Bundeskanzler Olaf Scholz kommt am 2. November nach Weinheim, wenn auch nur für gut eine Stunde. Wir haben (nicht nur) beim Bundespresseamt nachgefragt, was auf seinem Besuchsprogramm steht.
Seine Beliebtheitswerte sind zwar im Keller - im Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen liegt er bei der Frage nach Sympathie und Leistung deutscher Politiker auf der Skala von plus 5 bis minus 5 aktuell bei minus 0,2 und damit sogar hinter Markus Söder (plus 0,1). Aber für Aufsehen und Neugierde dürfte die Nachricht trotzdem sorgen: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) kommt am 2. November nach Weinheim.
Allerdings wird er nur gut eine Stunde in der Stadt sein, wie das Bundespresseamt auf WN/OZ-Nachfrage bestätigte. Auf dem Programm des 65-jährigen SPD-Politikers steht ausschließlich der Besuch der Firma Freudenberg. Zeit für einen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt oder eine Begegnung mit den Bürgern bleibt demnach nicht, auch wenn man sich im Rathaus darüber gefreut hätte. Wer in Weinheim – außerhalb des Werksgeländes von Freudenberg – einen Blick auf den Bundeskanzler erhaschen will, muss sich also aller Voraussicht nach mit einer vorbeihuschenden Karawane dunkler Limousinen begnügen. Genaue Uhrzeiten will unter Verweis auf die erhöhten Sicherheitsanforderungen an eine solche Stippvisite niemand nennen.
Vonseiten der Pressestelle der Firma Freudenberg ist zumindest zu erfahren, dass Scholz einen kurzen Rundgang durch die Produktion für sogenannte Gasdiffusionslagen machen wird. Außerdem stehen Gespräche mit dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Mohsen Sohi und mit Auszubildenden im hochmodernen Bildungszentrum auf dem Programm. Dazu wurden in den vergangenen Tagen Freiwillige gesucht, wie aus den Reihen der Belegschaft zu hören ist. Ob sich mehr Freiwillige gemeldet haben als es „freie Plätze" gab, ist bisher nicht durchgesickert. Aber dass der Kanzler kommt, hat sich bei vielen „Freudenbergern" schon herumgesprochen. Schließlich musste in den vergangenen Tagen alles minutiös vorbereitet und mit dem Bundeskanzleramt abgestimmt werden. Jeder Laufweg und jeder Zwischenstopp soll dem Vernehmen nach auf die Minute genau geplant sein.
Im Prinzip absolviert Scholz dasselbe Programm wie Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der Mitte März zu Besuch war. Kein Wunder: Gasdiffusionslagen gelten als eine der Schlüsselkomponenten für die Brennstoffzelle. Also eine der oft zitierten Zukunftstechnologien, die ganz oben auf der Agenda vieler Politiker stehen. Freudenberg forscht und entwickelt seit mehr als 20 Jahren Lösungen für diesen Bereich.
Unerlässlicher Bestandteil von Brennstoffzellen ist der unscheinbare, schwarze Vliesstoff, der in Weinheim produziert wird. Die „Gasdiffusionslage“ besteht auf der einen Seite aus Karbonfasern und auf der anderen aus leitfähigen Kohlenstoffen wie Ruß und Graphit, die wasserabweisend wirken. Sie sorgt für die Effizienz, indem sie die Energielieferanten Wasserstoff und Luftsauerstoff gleichmäßig dem Reaktionsprozess zuführt.
500 000 Quadratmeter der Komponenten werden pro Jahr am Standort Weinheim von rund 120 Mitarbeitern hergestellt, die Menge soll sich in Zukunft mehr als verdoppeln. Für die Erweiterung der Anlagen wurden 30 Millionen Euro investiert. Die Marktchancen sind groß: Kreuzfahrtschiffe könnten mit Brennstoffzellen zumindest die Energieversorgung des Hotelbetriebs der vielen tausend Menschen sicherstellen. Auch aus dem Schwerlastverkehr kommen Kunden. Zusammen mit Flixbus will Freudenberg bis 2024 den ersten mit Brennstoffzellen betriebenen Fernbus Europas entwickeln, hieß es damals beim Kretschmann-Besuch.
Mal schauen, wie weit das Projekt inzwischen gediehen ist und was der Bundeskanzler über Freudenberg sagt. Denn ein Zitat über den Gastgeber darf bei solchen Besuchen nicht fehlen. Ministerpräsident Kretschmann nannte Freudenberg ein "altehrwürdiges Unternehmen", was beim Gastgeber, der mit dem Leitspruch „Innovating Together" (gemeinsam innovativ sein) wirbt, auf einer Skala von plus 5 bis minus 5 wohl eher auch mit minus 0,2 bewertet worden sein dürfte. Und Kretschmanns Fazit – „es ist spannend, zu sehen, wie alte Technologien neue beflügeln“ - hätte die Marketingabteilung wahrscheinlich etwas anders formuliert. Mal schauen, was dem Bundeskanzler zu Freudenberg einfällt.
Lokalgeschichte
Wer sich für Lokalgeschichte interessiert: Scholz ist übrigens der fünfte amtierende Bundeskanzler, der Weinheim besucht. Vor ihm waren Konrad Adenauer (Bundeskanzler 1949 - 1963), Kurt Georg Kiesinger (1966 - 1969), Willy Brandt (1969 - 1974) und Helmut Kohl (1982 - 1998) in der Zweiburgenstadt.
Hinweis:
Der letzte Absatz des Textes wurde nach einem Hinweis eines Lesers und der Weinheimer Feuerwehr (vielen Dank dafür!) korrigiert. Willy Brandt war 1972 als amtierender Bundeskanzler in Weinheim, Kurt Georg Kiesinger 1969. Helmut Kohl war 1986 in Weinheim.