Weinheimer Märchenbuch für den Bundeskanzler
Bundeskanzler Olaf Scholz besuchte heute die Firma Freudenberg in Weinheim. Das Medieninteresse war groß, die Zeit knapp gemessen. Wir fassen zusammen.
Mit stoischer Miene absolvierte Bundeskanzler Olaf Scholz am Donnerstag sein 90-minütiges Besuchsprogramm bei der Firma Freudenberg in Weinheim. Mal ein zustimmendes Nicken, mal ein kurzes Lächeln – Scholz war vor allem gekommen, um zuzuhören. Politische Versprechen für die deutsche Industrie hatte er jedenfalls nicht mitgebracht zum Treffen mit dem Vorstandsvorsitzenden von Freudenberg, Dr. Mohsen Sohi.
Scholz nahm sich auch Zeit für Fragen der Auszubildenden, die sich im Bildungszentrum versammelt hatten. Das Protokoll des Bundespresseamts sah drei Minuten für eine Präsentation der Ausbildungsmöglichkeiten bei Freudenberg vor. Die Azubis Simon Stadler und Sebahattin Yildiz meisterten diese Aufgabe ebenso souverän wie sympathisch.
Die erste Frage stellte dann Nathalie Erb. Sie wollte wissen, wie die Bundesregierung noch mehr junge Menschen für eine handwerkliche Ausbildung begeistern könne. „Eine gute Frage“, lobte der Kanzler. Man müsse immer wieder darüber reden, was für tolle Möglichkeiten es im Handwerk gibt. Er würde sich wünschen, dass dies auch in „Film und Fernsehen“ häufiger zu sehen sei. Vor allem aber müsse man die Bemühungen verstärken, den Übergang von der Schule zum Berufsleben zu unterstützen. Da gebe es auch an vielen Schulen noch Nachholbedarf, meinte Scholz.
Die Gespräche mit den Azubis hätten ihn berührt, sagte der Kanzler anschließend. Denn die jungen Leute hätten sich für die Zukunft des Standorts Deutschland sehr interessiert. Beeindruckt habe ihn auch das Unternehmen selbst. Freudenberg sei „ein Musterbeispiel für das, was Deutschland stark macht“. Das gelte insbesondere für innovative Produkte im Bereich der Brennstoffzelle, die bei Weinheims größten Arbeitgeber zum Beispiel mit speziellen Vliesstoffen (Gasdiffusionslagen) bereits im industriellen Maßstab hergestellt werden.
Strenge Sicherheitsvorkehrungen
Begonnen hatte das Programm unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und begleitet von großem Medieninteresse um 13.20 Uhr. Wer gehofft hatte, zumindest schwarze Limousinen zu sehen, die über die Viernheimer Straße zu Tor 1 oder Tor 2 der Firma Freudenberg fahren, wurde enttäuscht. Der Kanzler landete mit dem Hubschrauber direkt auf dem Werksgelände, wo Werkfeuerwehr und Werkschutz – unter der Regie des Bundeskriminalamtes – den Medientross eskortierten. Menschenansammlungen blieben sowohl vor den Werkstoren als auch auf dem Firmengelände aus.
Das Programm hatte das Team der Unternehmenskommunikation von Freudenberg in den vergangenen zehn Tagen in enger Abstimmung mit dem Bundespresseamt vorbereitet. Jede Wegstrecke und jeder Zwischenstopp waren minutiös geplant und vorbereitet. Medienvertreter mussten sich eine Woche vorher akkreditieren; vor Ort wurden die Taschen durchsucht. An der Seite des Kanzlers waren mehrere Personenschützer, deren Blicke die Umgebung unablässig „scannten“. Was die Sicherheitsvorkehrungen und die Vorbereitungszeit angeht, sei im Vergleich dazu der Weinheim-Besuch des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann im März „fast ein Kindergeburtstag“ gewesen, spottete ein Beobachter. Doch in Zeiten weltweiter Krisen und innenpolitischer Kritik an der Ampelregierung ist dieser Aufwand anscheinend unvermeidlich.
In 60 Ländern aktiv
Erste Station des Besuchsprogramms war um 13.25 Uhr die Unternehmensausstellung von Freudenberg in Bau 22, wo schon mehrere Kamerateams warteten. Freudenbergchef Sohi erklärte kurz den Werdegang des 1849 in Weinheim gegründeten Unternehmens, das heute in rund 60 Ländern mit mehr als 51 000 Mitarbeitern tätig ist. Freudenberg entwickelt und produziert für 40 verschiedene Märkte Dichtungen und schwingungstechnische Produkte, Komponenten für Batterien und Brennstoffzellen, technische Textilien, Filter und Spezialchemie sowie Reinigungs- und medizintechnische Produkte.
Dr. Michael Horchler, der Leiter des Firmenarchivs, lieferte dem Kanzler weitere Informationen zu dem Traditionsunternehmen, wobei Olaf Scholz vor allem dies beeindruckte: Dass rund ein Drittel aller Produkte jünger als vier Jahre ist, sei im globalen Wettbewerb „der Schlüssel zum Erfolg“, lobte er die Innovationskraft der Mitarbeiter von Freudenberg.
Zwei Minuten für den OB
Nach dem zweiten Stopp um 13.40 Uhr im Bildungszentrum folgte ein kurzer Rundgang durch die Produktion von Gasdiffusionslagen in Bau 197. Ein kleiner Bereich in dieser Halle war für das Abschlussstatement des Kanzlers freigeräumt worden. Dort stieß dann Weinheims Oberbürgermeister Manuel Just offiziell dazu. Denn das Bundespresseamt hatte kurzfristig noch zwei Minuten bewilligt für eine Unterschrift von Olaf Scholz im Goldenen Buch der Stadt Weinheim.
Er freue sich auf die Begegnung, hatte Just zuvor erklärt. Schließlich begegne er zum ersten Mal dem Bundeskanzler persönlich. Wenn mehr Zeit wäre, hätte er gern mit ihm über die Flüchtlingskrise und die Folgen für die Kommunen, über die finanziellen Sorgen der Städte und Gemeinden sowie über die Krankenhausreform gesprochen, die mit der GRN-Klinik ja auch Weinheim direkt betrifft.
Doch dafür fehlte – diesmal – die Zeit. Trotzdem zeigte sich der Oberbürgermeister hinterher sehr angetan: „Das war schon ein sehr professionelles Setting des Kanzlers, wichtige Themen miteinander zu verbinden – moderne Zukunftstechnologien wie Brennstoffzellentechnik mit dem Thema Berufsausbildung als bestes Mittel gegen den Fachkräftemangel. Und das bei einem der wichtigsten Unternehmen der Region“, erklärte Just und fügte hinzu: „Dass das Kanzleramt neben Mannheim nur noch Weinheim als Standort des Besuchs in der Metropolregion gewählt hat, erfüllt uns natürlich mit Stolz, ebenso der Eintrag ins Goldene Buch.“ Das habe er Olaf Scholz bei dem kurzen Gespräch auch gesagt und ihn zum Wiederholungsbesuch nach Weinheim eingeladen.
Originelles Gastgeschenk
Der Eintrag ins Goldene Buch ist freilich – abgesehen von dem Autogramm – gänzlich unspektakulär: „Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz bei der Freudenberg-Gruppe am 2. November 2023.“
Deutlich origineller war da das Gastgeschenk, das OB Just dem Bundeskanzler überreichte: die „Weinheimer Märchen“ frei nach den Brüdern Grimm in der zweisprachigen Ausgabe Woinemerisch-Deutsch“ von Dr. Markus Weber. Und ganz nebenbei konnte der Oberbürgermeister auch noch einen direkten Kontakt zum Referentenstab des Kanzlers knüpfen. Einer der Mitarbeiter von Olaf Scholz ist nämlich Dr. David Diehl, der ursprünglich aus Weinheim stammt.
Anschließend nach Mannheim
Um 14.45 Uhr war der Besuch des Bundeskanzlers dann auch schon wieder vorbei. Anschließend reiste Scholz direkt weiter nach Mannheim. Dort war am Nachmittag die Besichtigung des Familienunternehmens Suntat geplant, das seit über 30 Jahren mit türkisch-mediterranen Lebensmitteln handelt. Am Donnerstagabend fand dann in Mannheim das nächste „Kanzlergespräch“ mit Bürgern statt. Diese Veranstaltungsreihe führt Olaf Scholz in alle 16 Bundesländer. Baden-Württemberg ist die elfte Station.
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