Brauchtum

Der Schneemann für den Sommertagszug in Weinheim wird fit gemacht

Der Termin für die Weinheimer Veranstaltung naht – Jasmin Gutzeit und Christina Eitenmüller machen den Schneemann schick.


Bettina Wolf
von Bettina Wolf

07.03.2023


Christina Eitenmüller fertigt den Hut für den Schneemann beim Weinheimer Sommertagszug. Foto: Marco Schilling
Christina Eitenmüller fertigt den Hut für den Schneemann beim Weinheimer Sommertagszug.

Für besondere Anlässe muss man sich auch besonders anziehen. Mal so richtig gediegen einkleiden. Sich Festtagskleidung für die Party des Jahres bestellen, auch wenn es die erste und letzte Party im Leben ist. Das denkt sich der Sommertags-Schneemann von Weinheim Jahr für Jahr. Und er wird nicht enttäuscht. Jedes Jahr bekommt er immer wieder ein wunderschönes, handgenähtes weißes Kleid aus zarter Baumwolle. Dazu den geschmackvollen schwarzen Umhang und einen stolzen Hut. Und natürlich zarten Tüll um den Hals – perfekt für den Mann von Welt.

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Großer Ballen schwarzen Stoffes

„Im ersten Jahr tat er mir richtig leid, als er in Flammen aufging, und so richtig gewöhnt habe ich mich immer noch nicht daran.“ Christina Eitenmüller, ehemalige Rektorin und engagierte Lokalpolitikerin, steht im Gewölbekeller ihres Hauses. Heute wird der Umhang des Schneemanns genäht, auch die Krempe und der Hut sind an der Reihe. Sorgfältig wird abgesteckt, mit Kreide werden die Umrisse aufgezeichnet, und es wird ausgeschnitten. Gar nicht so leicht, denn die Stadt Weinheim hat es diesmal besonders gut gemeint und einen exorbitanten Ballen schwarzen Stoffes geschickt. Und jetzt ist auch noch die Nähmaschine kaputtgegangen, natürlich genau dann, als sich die Zeitung angekündigt hatte.

Konzentration an der Nähmaschine: Jasmin Gutzeit ist in ihrem Element. Foto: Marco Schilling
Konzentration an der Nähmaschine: Jasmin Gutzeit ist in ihrem Element.

Die Rettung: die Nähmaschine vom Hans

„Zuerst wollte mir mein Schwiegersohn seine Nähmaschine leihen, aber die war mir zu modern“, erzählt Christina Eitenmüller. „Zum Glück hatte der Hans noch eine Maschine zu Hause. Die hat er mir schnell gebracht.“ Hans Schröder war stellvertretender Schulleiter des Werner-Heisenberg-Gymnasiums und die Maschine heißt passenderweise „Zickzack Premium“.Als der Fotograf kommt, wird er gleich zum Stoffhalten eingespannt. „Um 12 Uhr müsst ihr aber gehen“, erklärt die fünffache Großmutter und gebürtige Österreicherin. „Denn dann kommen meine Enkelinnen aus der Schule, und ich muss noch kochen.“ Eierpfannkuchen mit Erbsen wird es heute geben. Und natürlich Rohkost.

Christina Eitenmüller näht das Gewand seit 15 Jahren

Seit 15 Jahren näht die ehemalige Rektorin der Friedrich-Grundschule das Festtagsgewand. „Das erste Mal dachte ich, ich werde gar nicht mehr fertig“, erzählt sie. Zum Glück hat sie seit einigen Jahren Unterstützung von Jasmin Gutzeit. Die junge Lehrerin der Friedrich-Grundschule kam eines Tages den Schulflur entlang und wurde neugierig, warum ihre damalige Chefin dort ballenweise weißen Stoff ausrollte und mithilfe des Hausmeisters mehr oder weniger umständlich zusammenschnitt. „Ich nähe selbst sehr gern und wollte eigentlich nur wissen, wofür der ganze Stoff ist. Schwups hatte ich den Job“, erzählt Jasmin Gutzeit und lächelt fröhlich.

Die Details müssen stimmen bei der Kostüm-Herstellung für den Weinheimer Schneemann. Foto: Marco Schilling
Die Details müssen stimmen bei der Kostüm-Herstellung für den Weinheimer Schneemann.

Zuvor hatte die Stadt eine Firma mit der Näharbeit beauftragt. Aber das war der Lokalpolitikerin Eitenmüller zu teuer. „Das Geld sparen wir uns!“, sagt sie bestimmt und beginnt sorgfältig die Krempe des Schneemanns zu nähen. „Hach, hier fehlt jetzt ein Stück. Na ja, das füge ich später ein.“ Schnell werden Nadeln umgesteckt und neu gezeichnet und geschnitten. Die Krempe muss sorgfältig an den Umhang genäht werden, das sei etwas komplizierter. „Einmal waren die Nähte plötzlich außen statt innen fein verborgen. Das ging gar nicht. Da habe ich alles wieder aufgetrennt und neu genäht.“ So, jetzt noch der Hut, dann ist erst einmal Mittagspause.

Drei bis vier Stunden Arbeit

„Wie schön er wieder ist.“ Jasmin Gutzeit, Grundschullehrerin und dreifache Mutter, hat in ihrem hellen und freundlichen Hausflur den weißen Stoff ausgerollt. Es ist früher Morgen und die Kinder sind in der Schule oder in der Universität. Und die beliebte Lehrerin muss heute erst mittags in die Schule, zur „Hausaufgabenbetreuung“. Also ein perfekter, ruhiger Moment für die aufwendige Näharbeit. Wobei, „Moment“ passt hier nicht ganz. Drei bis vier Stunden wird die Pädagogin am Kleid des Schneemanns nähen. Mindestens.

Im ersten Stock des Hauses steht der Nähtisch direkt am Fenster, das Tageslicht ist wichtig für die feine Näharbeit. Zehn Meter weißen Baumwollstoff hat die Stadt Weinheim geliefert, drei Wochen vor dem Umzug beginnt Jasmin Gutzeit zu nähen. „Es macht mir großen Spaß“, erzählt sie in einer Nähpause. „Ich schneidere auch privat viel, früher die Kleider für meine Kinder, jetzt Kleinigkeiten für Freunde.“ In einer Ecke steht eine antike Nähmaschine. „Die gehörte meiner Großmutter“, erklärt die dreifache Mutter. „Sie war Schneiderin und von ihr habe ich die Freude am Nähen gelernt.“

Anprobe auf der Leiter

Der Schneemann kann sich glücklich schätzen, dass er jedes Jahr aufs Neue so liebevoll und sorgfältig eingekleidet wird. Einfach ist es nicht, er ist ja nicht gerade klein und besonders schlank ist er auch nicht. „Der Körper ist 3,20 Meter hoch, dann noch der Kopf. Also insgesamt misst er um die fünf Meter Höhe.“ Das erklärt den vielen Stoff.

Aber wie klappt es mit der Anprobe? „Wenn wir beide mit Nähen fertig sind, dann wird der Schneemann im Bauhof angezogen, ich klettere mit einer Leiter ganz nach oben, ziehe das Gewand über das inzwischen schon etwas verbogene Gestell und nähe ganz zum Schluss noch die Nase fest“, erzählt sie. Wenn dann alles passt, der Hut sitzt und der Umhang zurechtgezupft ist, sei die Erleichterung bei allen groß. „,Wie schön er doch wieder ist’, sagen wir dann und freuen uns.“ Und etwas stolz sind die beiden dann auch. Völlig zu Recht, finden wir.

Da steht er noch ganz unbeschadet: Der Schneemann wartet im Weinheimer Schlosspark darauf, verbrannt zu werden. Foto: Thomas Rittelmann
Da steht er noch ganz unbeschadet: Der Schneemann wartet im Weinheimer Schlosspark darauf, verbrannt zu werden.

Schwarz ist der Hut des Schneemanns, um den sich Christina Eitenmüller kümmert.

Da braucht man schon einen langen Flur: Jasmin Gutzeit schneidet den Stoff für das Schneemann-Gewand zurecht, damit dieser beim Sommertagsumzug auch wieder gut gekleidet ist.