Fanfare Ciocărlia mischt das Weinheimer Café Central auf
Die zwölfköpfige rumänische Blechbläserformation begeistert das Weinheimer Publikum.
Wahrscheinlich hätte der junge Leipziger Toningenieur Henry Ernst, der 1996 in dem kleinen rumänischen Roma-Dorf Zece Prăjini rein zufällig eine blasmusikalische Offenbarung erlebte, nicht gedacht, dass genau diesen zwölf Blechbläsern eine Weltkarriere bevorsteht. „Es war für mich purer Techno auf Blech, extrem schnell mit einer Wucht und einer Klangwand, die der reinste Wahnsinn war“, beschreibt Henry Ernst, der heute der Manager von „Fanfare Ciocărlia“ ist, seine damalige Begegnung mit den sympathischen Roma.
28 Jahre später, nach rund 3000 Konzerten auf allen Kontinenten, legten „Fanfare Ciocărlia“ am Sonntag einen Stopp in Weinheim ein. Sie rockten das Café Central vom ersten hoch rhythmischen Song an. Hausherr Michael Wiegand hatte die Bühne für die 12 Bläser mit Schlagzeug, Perkussion und Pauke durch zusätzliche Elemente vergrößern lassen. Um 19 Uhr ging es los, erst einmal betulich im Walzertakt, dafür umso mitreißender
Unverwechselbarer Stil
Es ist ihr unverwechselbarer Stil und ihre Kunst, mit Folk vom Balkan, Jazz, Rock und Pop diese einzigartige Mischung zu kreieren, der sich wirklich keiner entziehen kann. Sicher, es geht hier „nur“ um Blasmusik. Aber welches der, gerade in unserer Region unzähligen Blasorchester, hat schon diese ans Absurde grenzende Präzision und diese unglaubliche Geschwindigkeit, bei der man einfach tanzen muss und manchmal mit den Schritten nicht hinterherkommt. Nach zehn Studioalben und internationalen Auftritten ist ihr packender Sound in der Musikszene längst zum Kultstatus geworden. Zu Recht, denn hinter dem Gesamtkunstwerk „Fanfare Ciocărlia“ stehen versierte Musiker.
Schwerelos schwebende Klarinettentöne
Ein Beispiel ist der Saxophonist Dan Ionel Ivancea, dessen wunderbar weicher Sound und seine fantasiereichen Phrasierungen Begeisterungsschreie hervorrufen. Ebenso verzaubert er mit seinen schwerelos schwebenden Klarinettentönen. Markant und virtuos erlebt man auch die Trompeten, Hörner, Tubas zusammen mit der großen Pauke und den Perkussionen. Bei den „Fanfaren“ gibt es keine Notenblätter, keine Partituren und schon gar keinen Bandleader. Neben ihren eigenen Stücken drücken sie legendären Songs wie „Born To Be Wild“ oder „Summertime“ ihren Blechbläser-Wahnsinns-Stempel auf. Ihre Musik erzählt von Menschen, Sehnsucht, Liebe, Chaos und Suff und davon, dass es sich immer lohnt, zu leben.
Emotionaler Schrei-Gesang
Ihr Sänger Julian Canaf erinnert mit seinem emotionalen Schrei-Gesang an einen Flamenco-Sänger. Sein von tiefer Leidenschaft erfülltes „I Put a Spell On Your Chords“ im Brass-Walzertakt ist ein besonders emotionales Erlebnis. „Fanfare Ciocărlia“ sind eine herrlich sympathische Bande von Hypnotiseuren, denen das Publikum zu Füßen liegt. Ob das nun in Mexiko, Japan oder Australien ist. Sie sind längst eine weltmusikalische Institution geworden.
Wo sie auftauchen, fangen die Menschen an zu tanzen. Und das sind Bäuerinnen mit Kopftüchern und Schürzen in einem kleinen mexikanischen Dorf oder Business-Leute in einer amerikanischen Großstadt, die sich ihrer Straßenmusik nicht entziehen können und spontan anfangen zu tanzen.
Tänzer aus allen Altersgruppen
Die Tänzer im Café Central setzten sich aus allen Altersgruppen zusammen. Sogar Kinder ließen sich von dem ansteckenden Blechbläser-Wahnsinn in Hochgeschwindigkeit infizieren. Doch was sich so leicht und spielerisch anhört, ist harte Arbeit. „Wir wollen keine Partyband sein. Wir versuchen vielmehr, unseren musikalischen Horizont in alle möglichen Richtungen zu erweitern“, sagte der Schlagzeuger Benedikt Stehle, der einzige Deutsche der Gruppe, unlängst in einem Interview. Party ist bei „Fanfare Ciocărlia“ zwar zweifellos angesagt, doch ihr virtuoses musikalisches Können wird zu keinem Zeitpunkt verkannt.