Weinheim

Fastnachtssitzung der Weinheimer Blüten in der Stadthalle

Die Karnevalsgesellschaft der Weinheimer Blüten feiert in der Stadthalle ein rauschendes Fest.

Die Fastnachtssitzung der Weinheimer Blüten fand in der Stadthalle statt. Foto: Gian-Luca Heiser
Die Fastnachtssitzung der Weinheimer Blüten fand in der Stadthalle statt.

Der Ruf der Märchentanten und -onkel aus dem Elferrat hatte sie alle erreicht – und alle waren gekommen. Das galt auch für Robin Hood alias Oberbürgermeister Manuel Just und seine Maid Marian Stefanie aus dem Woinemer Sherwood Forest (Exotenwald) ebenso wie für seinen Amtsvorgänger Heiner Bernhard als Lederhosen und Filzhut tragenden Holzmichl samt Gattin Gudrun Tichy-Bernhard. Gesichtet wurden Schneewittchen und die sieben Zwerge gleich in mehrfacher ein- und zweieiiger Ausführung. Aladin rieb an seiner Wunderlampe und König Drosselbart seinen Bart.

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Spitzzüngig und pointenreich

„Märchen, Sagen und Legenden“ lautete das diesjährige Motto der großen Blüten-Fastnachtssitzung. Die hatte mit Sven Schneider als „tapferem Schneiderlein“ einen souveränen Begleiter durch den Abend und mit Prinzessin Sabrina II. und ihrer Vorgängerin Christina I. in ihrer neuen Rolle als Hofdame zugleich zwei blaublütige Repräsentantinnen auf dem Blütenthron. Viel spitzzüngige und pointenreiche Reime und mit Lokalkolorit versehene Reden gab es aus der Bütt zu hören. Die „Orgelpfeifen“ der Kadetten-, die Könner aus der Hof- und die Spitzen der Blütengarde der Prinzessin, das Elferratsballett und die Blütenshowtanzgruppe hinterließen in der ausverkauften Stadthalle vor allem optisch nachhaltige Eindrücke. Jede Menge Musikalisches auf die Ohren gab es nicht zuletzt durch „Tobbmaster Fitsch and the fabulous Fernando Horns“, den „Tal Ötzi“, das Quartett „Stimmalarm“, Thomas Krug und die Guggenmusiker der „Stobblhobblä“ aus Forst.

Thomas Krug als Hofnarr Till

Was aber wäre eine Fastnachtssitzung ohne Büttenredner. Hier setzte Thomas Krug als „Hofnarr Till“ in seinem traditionellen Jahresrückblick die ersten Akzente. Er machte dabei auf der „Reise vom Märchenland an die Grenze des Verstandes“ seine Kritik an den Klimaklebern ebenso fest, wie er seine persönliche Brandmauer gegenüber dem „braunen Pack“ der AfD errichtete. Auf dem Weg zur intellektuellen Barrierefreiheit sei der Weg zur AfD nicht weit, so Krugs Menetekel. Lokale Sp(r)itzen injizierte der Protokoller mit der sommerlangen Bundesgartenschau in Mannheim („Sag mir, wo die Blumen sind?“) und sparte auch nicht mit Piksern gegenüber dem monatelangen Baustellenverkehr auf der B 38, der „Sitzplan-Reorganisation“ im Weinheimer Gemeinderat sowie den unsäglichen Geschichten der „Hinteren Mult“ und am Waidsee.

Aber auch OB Manuel Just, der keine Wohnung in der Zweiburgenstadt findet, kam angesichts der Leerstände im 3-Glocken-Center, im Martin-Luther-Haus und in den Allmendäckern nicht ungeimpft davon. „Ist da wirklich nichts für Sie dabei?“, so Tills rhetorische Frage. Kopfschütteln beim Protokoller schließlich auch beim Blick nach Lützelsachsen, wo die Ampeln zum Leidwesen von Ortsvorsteherin Doris Falter immer noch nicht rot, gelb und grün für die Winzerkönigin blinken. Stuttgart habe doch auch sein Äffle und Pferdle, Hameln seinen Rattenfänger und Bremen seine Stadtmusikanten.

„Heut’ Nacht hab’ ich die Elwedritsche Schlittschuh fahre gseh’“: Als „Pälzer Grott“ übte Lisa Stein von den Ludwigshafener Huddelschnuddlern Kritik an den Saarländern. Die unter anderem angeblich zum Marmelademachen „Berliner“ ausquetschen: „Hauptsach gut gess’“. Als Klimakleber hatten Nina, Kathi, Jana und Yvonne von „Stimmalarm“ Uhu- und Pritt-Klebestifte mitgebracht. „Um länger auf der Bühne bleiben zu können“, wie sie erklärten. Wobei das Festkleben, wie sich schnell herausstellte, unnötig gewesen wäre. Das Quartett ließ mit seinem Auftritt die Stadthalle in Schräglage geraten. Was wenig später in ähnlicher Weise auch den „Drei Woinemer Märchenfeen“ Helga Eibel, Christiane Bylitza und Ivonne Fels mit ihrer „Woinemer Lästergosch“ gelang.

Kurzbesuch vom Kanzler

Dass der OB Bundeskanzler Olaf Scholz bei dessen „kürzlichem Kurzbesuch“ bei Freudenberg das Mundart-Märchenbuch von Weinheims Literaturpapst Markus Weber geschenkt habe, sei ja noch in Ordnung gewesen. Wie kurz der Weinheim-Trip aber tatsächlich gewesen sei, könne man daran ablesen, dass sich der Chef der Berliner Bundesampel ins Goldene Buch der Stadt nur mit Olaf Sch… eintragen konnte: „Und weg war er!“ Grund zum Zungewetzen hatte das Trio aber auch für die Großbaustelle B 38, die die Zweiburgenstadt von der Außenwelt wie eine Dornröschenhecke abgeriegelt habe. 100 Jahre schlafen gelegt hätten sich offensichtlich auch die Arbeiten am Martin-Luther-Haus und der Hildebrand’schen Mühle. An anderer Stelle wiederum hätten die Anwohner von Waid und Ofling wegen des geplanten Parkhauses am Waidsee wohl zu voreilig schon die Sektkorken knallen lassen. Schon tags zuvor mit dem Flixbus angereist und in der Alten Pfalz am Marktplatz eingecheckt hatte „Frau Wääber“ alias Hansy Vogt. Und sie flirtete ungeniert mit Manuel „Robin“ Just, der wie Gesundheitsminister Karl Lauterbach ebenfalls „manchmal den Bogen überspannt“. Lauterbach plane bekanntlich eine 50-prozentige Einsparung beim Zahnersatz für Senioren, so „Deutschlands bekannteste Landfrau“. Mit dem Ergebnis, dass in den Weinheimer Nachrichten demnächst wohl Anzeigen zu lesen sind wie „Mann aus Viernheim mit Oberkiefergebiss sucht Frau aus Weinheim mit Unterkiefergebiss, um gemeinsam in der Alten Pfalz zu frühstücken“. „Echte Freunde, die stehen zusammen“: Mit dem Lied der Kölner Kultband „Höhner“ folgte das Elferratsballett dem Rattenfänger von Hameln. „Ich trank Weißwein, das erste Mal in meinem Leben“: Autobiografisches ließ Thomas Krug in seine Liedvorträge einfließen.

Werner Beidinger setzte in seinem verbalen und musikalischen Rundumschlag bei King Charles III. an und hörte bei Robert Habeck und dem Karl-Lauterbach-Hit „Ich kenne 1000 Virologen“ noch lange nicht auf. Und auch Außenministerin Baerbock sei schon sechsmal in New York und neunmal in Paris, aber noch niemals in der Kurpfalz gewesen, rügte der Musikprofessor. „Who the F… Is Alice?“, stimmte der Chor der Stadthallenbesucher schließlich in Beidingers Anti-AfD-Song „Es geht immer mehr um alles“ ein.

Für den Hingucker des Abends in Glitzerkostümen und mit Knalleffekt am Ende sorgte die gemischte Showtanzgruppe. Dem die Männerballetttruppe der Herxheimer „Windboys“ zu noch späterer Stunde mit ihrem getanzten Ausbruch aus Alcatraz mittels Fesselballon das Sahnehäubchen aufsetzte. Mit dem höchsten Fastnachtsorden, den die Blüten zu vergeben haben, dem Orden „Pour le Mérite“, wurden Laura Dalichow, Ivonne Fels und Patrick Müller geehrt. emi