Gesamte Tat auf Video: Wer ist in Samis Laden in Weinheim eingebrochen?
Sami Saeed hat einen Verdacht, wer bei ihm in das Geschäft eingebrochen sein könnte...
Vor allem Schüler gehen nach ihrem Unterricht gerne zu Sami Saeed in seinen Laden in der Bahnhofstraße. Die sauren Center Shock in allen möglichen Geschmacksrichtungen stehen hoch im Kurs. Auch für eine Dose Eistee oder Sprite schneien die Jugendlichen gerne bei dem Kurden im Dunya Market herein. Auf der Ladentheke, direkt neben der Stelle, wo bis vor kurzem die Kasse gestanden hat, liegt ein Zettel mit Namen. Kleine Geldbeträge sind neben ihnen vermerkt: „Manchmal haben die Leute nicht genug Geld dabei, dann schreibe ich auf“, sagt Saeed. Ausgerechnet der freundliche 46-Jährige wurde nun Opfer eines Verbrechens.
Dienstagnacht spielen sich plötzlich verdächtige Szenen auf den Überwachungsmonitoren des Dunya Markets ab. Ein Trio junger Männer kommt vermummt in schwarzer Kleidung die Treppen, die zum Parkplatz hinter der Post und dem Café Central führen, hinab. Sie lungern vorm Geschäft herum, kundschaften die Lage aus. Plötzlich beginnen sie, auf die Glastüre an der Seite des Geschäfts einzutreten. Der Vorgang dauert eine Weile, zwischendurch schauen die unbekannten Täter sich um, ob die Luft noch rein ist. Schließlich brechen sie eine kreisrunde Öffnung ins Glas. Sie hat keinen Meter Durchmesser.
Verdächtig routiniert ...
Nachdem sie sich durch das Loch gequetscht haben, sieht vieles, was jetzt passiert, verdächtig routiniert aus. Zielsicher greift einer der jungen Männer sofort zum Schalter, der das gesamte Licht in dem Laden regelt, und betätigt ihn. Danach geht er zu den Kühlschränken, deren Neonröhren noch Helligkeit spenden. Ohne zu suchen, weiß er sofort, wo er welches Kabel aus der Steckdose ziehen muss. Es ist dunkel. Zumindest fast: Für die Überwachungskameras ist es noch hell genug, um das Geschehen deutlich einzufangen. Aus neun Perspektiven.
Auf ihrem Handy zeigt Kajin Faki, Ehefrau von Sami Saeed, unserem Reporter am Abend danach die Aufnahmen auf dem Handy. „Sehen Sie, jetzt geht einer zur Kasse und schneidet das Kabel durch.“ Während sich der eine Einbrecher um die Kasse kümmert, packen die anderen alles an Tabakwaren ein, was sie zu greifen bekommen. Zigaretten, Elektrische Vapes, Shishatabak: Am Ende sind es acht oder neun pralle Plastiktüten vollgepackt mit Diebesgut. Selbst den Beutel mit dem Kleingeld, den Faki hinter der Ladentheke stehen hat, heimst das Trio ein. Sie tragen die Kasse und parallel nach und nach die Beutel hinaus. „Und, Achtung, jetzt“, sagt Faki und deutet auf die Aufnahme. Einer der drei jungen Männer dreht noch einmal um und greift sich ein Getränk aus dem Kühlschrank.
Zigaretten, Vapes und Tabak
Alles in allem ist es laut Saeed ein mittlerer vierstelliger Betrag, den die Einbrecher mit Waren und dem Inhalt der Kasse erbeuten. Beim Sichten der Videos fällt auf, dass sich die Geschehnisse nicht mit dem Zeugenaufruf decken, den die Polizei einige Stunden vorher veröffentlichte. Viele relevante Informationen fehlten in der Pressemitteilung. Die Anzahl der Einbrecher etwa. Die Kleidung, die sie zum Tatzeitpunkt trugen. Die Richtung, aus der sie gekommen sind und in die sie schließlich flüchteten. Auch das schätzungsweise junge Alter der Männer. Ob Faki der Polizei die Aufnahmen nicht gegeben hat? „Sie haben sie sich angeschaut. Aber ich konnte ihnen die Aufnahmen nicht mit dem Handy schicken.“ Die Dateien, so hätten die Ordnungshüter erklärt, bräuchten sie auf CD oder USB-Stick. Beides hatte die Frau in dem Moment nicht zur Hand.
Auf Nachfrage, ob es der Polizei tatsächlich nicht möglich ist, Videodateien auf digitalem Weg entgegenzunehmen, erklärt die Mannheimer Pressestelle am Donnerstag, dass sie hierzu keine Angaben machen könne. Demnach gibt es auch keine Angaben zu der Frage, warum es die Hinweise aus dem Überwachungsvideo nicht in den Zeugenaufruf geschafft haben.
Auf Nachfrage, ob es der Polizei tatsächlich nicht möglich ist, Videodateien auf digitalem Weg entgegenzunehmen, erklärt die Mannheimer Pressestelle am Donnerstag, dass sie hierzu keine Angaben machen könne.
Später am Mittwochabend kommt auch Ehemann und Ladenbesitzer Sami Saeed hinzu. Er arbeitet als Lagerist in Mannheim. „Das Geschäft läuft sehr schlecht“, begründet er seinen Zweitjob. Als er 2021 den Laden in der Weinheimer Bahnhofstraße eröffnete, war das anders. Im Zuge von Inflation und Energiekrise wurden die Einnahmen 2022 schon weniger. „Dieses Jahr ist es eine große Katastrophe“, sagt der 46-jährige Kurde, der 1999 vor dem dritten Golfkrieg aus dem Irak nach Deutschland gekommen ist. Die große Katastrophe, das sind die Lebensmittelpreise, die vor kurzem stark gestiegen sind. Mittlerweile kauft Saeed die Produkte für den Verkaufspreis von 2022 ein. Seine Frau Kajin Faki erklärt das Ganze am Beispiel einer großen Dose Milchpulver. „Die haben wir normalerweise für 29 Euro verkauft. Jetzt kaufen wir sie für 29 Euro ein und verlangen 35 Euro.“
Die gestiegenen Preise führten zu einem deutlichen Rückgang bei der ohnehin nicht sonderlich kaufkräftigen Klientel des Dunya Markets – viele davon, wie beschrieben, Schüler. Und nun wächst in Saeed der Verdacht, dass es eben einige der Jugendlichen beziehungsweise jungen Erwachsenen waren, zu denen er doch immer so gut gewesen ist, die in seinen Laden eingebrochen sind. Ein ehemaliger Praktikant womöglich, von denen er schon so viele in seinem Geschäft gehabt habe. „Der eine wusste sofort ganz genau, wo alles ist“, bezieht sich Saeed auf einen der Täter im Video.
Hektik im Markt
Plötzlich wird es hektisch an diesem Mittwochabend im Dunya Market. Kajin Faki steht mit Mitarbeitern am Ladenfenster und ruft ihrem Mann zu, ebenfalls auf die Straße hinauszuschauen. Nach einer kurzen Zeit kommen sie wieder zurück zur Ladentheke. Faki nickt wissend mit dem Kopf: „95 Prozent! Da draußen ist einer der drei Männer vorbeigelaufen.“
Ob das wirklich stimmt, ist freilich fraglich. Klar ist, dass so kurz nach einem Verbrechen bei den Opfern schnell die Alarmglocken klingeln, Skepsis herrscht. Selbst bei einem so freundlichen Ehepaar wie Sami Saeed und Kajin Faki.
Zeugenhinweise gehen an das Polizeirevier Weinheim unter der Telefonnummer 06201/10030.