Hält das Netz mit dem PV-Ausbau Schritt?
Der starke Zuwachs von Solaranlagen geht mit Herausforderungen einher. Stadtwerke-Geschäftsführer Alexander Skrobuszynski gibt eine Einschätzung zum Weinheimer Netz.
Weinheim. Immer mehr Photovoltaikanlagen thronen auf Weinheims Dächern. Im Gegensatz zur Windenergie, die in der Region eine untergeordnete Rolle spielt, steigt der Stellenwert von Solar zusehends. Doch hält das hiesige Stromnetz mit dieser Entwicklung Schritt?
E-Mobilität, Wärmepumpen und Klimaanlagen: Der Bedarf nach Strom erhöht sich. Doch nicht nur der Abruf von Elektrizität beansprucht das Netz, sondern auch ihre Einspeisung – vornehmlich durch Solaranlagen. Laut Bundesnetzagentur wurden allein im ersten Quartal 2023 insgesamt 90 neue PV-Anlagen in Weinheim installiert. Stadtwerke-Chef Alexander Skrobuszynski (kleines Foto) befindet das hiesige Stromnetz zwar für gut gerüstet. Einem zu schnellen Wachstum der Solarenergie sieht er jedoch verhaltener entgegen: „Da kann es vor allem mit Blick auf einen möglichen steilen Hochlauf der Freiflächenanlagen irgendwann zu Engpässen kommen.“ Der Stromversorger habe die Entwicklung im Blick und plane „eine mögliche Anschlusserweiterung“.
Etwa zwölf Fußballfelder
Laut Bundesnetzagentur befinden sich mittlerweile 1239 PV-Anlagen im Stadtgebiet. Ihre Fläche entspricht etwa zwölf Fußballfeldern. Nicht nur die Gesamtzahl der Solaranlagen wird immer höher, auch ihr prozentuales Wachstum nimmt zu. So sprang die Anzahl der Installationen von 823 im Jahr 2020 (zwölf Prozent Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr) auf 956 im Jahr 2021 (16,2 Prozent). Ende 2022 waren es bereits 1149 – ein Zuwachs von 20 Prozent.
„Im Netzgebiet der Stadtwerke sind derzeit PV-Anlagen mit einer installierten Leistung von 27 Megawatt und weitere Erzeugungsanlagen mit einer Leistung von sieben Megawatt in Betrieb“, sagt Alexander Skrobuszynski. Diese produzierten im Jahresverlauf bereits 15 Prozent der Energiemenge (Kilowattstunden) aller Stadtwerke-Kunden.
Doch wie sieht es in der Zukunft aus – wo wird Weinheim in fünf Jahren stehen? „Das können wir nicht wirklich prognostizieren, da es in weiten Teilen nicht in unseren Händen liegt“, erläutert der Stadtwerke-Geschäftsführer. Gerade die Freiflächenprojekte (PV) würden hier einen „enormen Einfluss“ haben. Und diese seien vor allem privatwirtschaftlich betrieben. Zusätzliche zehn Megawatt Leistung im Netz seien wahrscheinlich, über 20 Megawatt durchaus denkbar.
Der starke Zuwachs hat auch mit der vom baden-württembergischen Landtag verabschiedeten Photovoltaik-Pflicht zu tun. Wer im Ländle ein Gebäude oder einen Parkplatz mit mehr als 35 Stellplätzen plant und baut, oder wer eine grundlegende Dachsanierung vornimmt, ist zur Realisierung einer Photovoltaikanlage oder entsprechenden Ersatzmaßnahmen verpflichtet. Das richtet sich an private, öffentliche, gewerbliche sowie institutionelle Bauherren.
Im Status quo sei das Weinheimer Stromnetz laut Alexander Skrobuszynski sehr gut gerüstet: „Vor allem mit Blick auf die Verteilung in der Niederspannung. Also auf Ebene der Hausanschlüsse.“ Dennoch seien hier und da Ertüchtigungen im Netz im Blick. Denn einzelne Transformatoren würden derzeit an ihrer Auslastungsgrenze betrieben werden, was jedoch nicht bedenklich sei.
Könnte zu Engpässen führen
Die Entwicklungen bei PV-Anlagen auf den Dächern bereiteten in weiten Teilen des Stadtgebiets kein Kopfzerbrechen. „Interessanter wird es im Bereich des generellen Netzanschlusses an das vorgelagerte Netz außerhalb der Stadt“, erklärt Skrobuszynski mit Blick auf großflächige Photovoltaikanlagen in freier Ebene. Entscheidend sei die Schnelligkeit ihrer Entwicklung. Ein zu rasantes Tempo könnte irgendwann zu Engpässen führen. „Das haben wir aber auch im Blick und planen eine mögliche Anschlusserweiterung.“
Und die Kosten? „Es wäre unseriös, eine Zahl zu nennen“, antwortet der Geschäftsführer der Stadtwerke. Es seien schlicht und einfach zu viele Variablen im Spiel, die heute nicht eindeutig zu greifen seien. Die Ertüchtigung eines Transformators auf der untersten Verteilungsebene koste mittlerweile gerne 150 000 Euro. „Wenn wir über eine Erweiterung des Netzanschlusses an das vorgelagerte Netz denken, sind es schnell zweistellige Millionenbeträge.“
Jährlicher Stromverbrauch
Derzeit liege der Stromverbrauch eines durchschnittlichen Weinheimer Haushalts bei 2000 bis 4000 Kilowattstunden im Jahr. Dieser Wert, so prognostiziert Skrobuszynski, wird in den kommenden Jahren durch den Einsatz von immer mehr Wärmepumpen und Lademöglichkeiten für E-Autos im eigenen Haushalt steigen. Derzeit liegt der Anteil von Fahrzeugen mit E-Kennzeichen im Rhein-Neckar-Kreis nach Angaben des Landratsamtes zwar nur bei 4,6 Prozent. Die vergangenen Jahre zeigten jedoch auch hier einen rasanten Anstieg, der durch das weitgehende Verbrenner-Aus 2035 noch einmal beschleunigt werden dürfte. Anfang 2019 lag die Anzahl der Fahrzeuge mit E-Kennzeichen noch bei 1397. Zum Jahresstart 2023 hat sich diese Zahl mit 16 737 Fahrzeugen bereits verzwölffacht.
Die höchste Nachfrage herrscht laut Skrobuszynski übrigens in den Abendstunden im Winter: „Dort sind gewerbliche Verbrauche wie auch die privaten Haushalte durch die Beleuchtung und den Stromverbrauch für Heizungen besonders aktiv.“ Die Spitzenlast im Stromnetz sei am 27. Januar 2022 um 18 Uhr gemessen worden und betrug 37 Megawatt (MW). In der Tendenz würden die Leistungsspitzen zumindest an den Tagen mit wenig Sonne weiter steigen. Gleichzeitig werden viele Haushalte energieeffizienter. Alte Geräte werden durch stromsparende ersetzt. Und auch bauliche Maßnahmen sorgen für mehr energetische Wirksamkeit.