Weinheim/Bergstraße

Höherer Krankenstand: hartnäckige Atemwegserkrankungen sind schuld

Der Herbst hat begonnen und parallel dazu auch die Erkältungssaison. Volle Arztpraxen und lange Wartezeiten sind ein Resultat davon. Sind mehr Leute krank als sonst?

Die dunkle Jahreszeit bringt eine erhöhte Auslastung in der Praxis von Astrid Larsen mit sich. Die häufigsten Symptome, die sie in dieser Zeit beobachtet, sind Husten, Schnupfen und Heiserkeit. Foto: Philipp Reimer Fotografie
Die dunkle Jahreszeit bringt eine erhöhte Auslastung in der Praxis von Astrid Larsen mit sich. Die häufigsten Symptome, die sie in dieser Zeit beobachtet, sind Husten, Schnupfen und Heiserkeit.

Eine herbstliche Krankheitswelle rollt über Deutschland und macht auch vor der Region nicht Halt. In seinem aktuellen Wochenbericht spricht das Robert-Koch-Institut mit Blick auf akute Atemwegserkrankungen und grippeähnliche Erkrankungen von einem vergleichsweise hohen Niveau. Auch Corona spielt bei einer geschätzten Inzidenz von 900 Erkrankungen pro 100 000 Einwohnern wieder eine Rolle. Aber wie ist die Situation in der Region? Und welche Krankheiten plagen momentan die badische Bergstraße?

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Einschätzung des Ärztevereins

Der Ärzteverein regiomed, ein Zusammenschluss von 150 Ärzten in Weinheim sowie den Bergstraßen- und Odenwaldgemeinden, spricht von einer höheren Infektionsrate. „Schon seit diesem Sommer ist sie kontinuierlich gestiegen“, erläutert Sprecher Dr. Friedrich-Karl Schmidt. Vor allem Kinder und Jugendliche seien von sonst eher unüblichen Infektionen mit Bakterien, die zu Lungenentzündungen führen, betroffen. Allgemein beobachteten viele Hausärzte, dass insbesondere Hustensymptome auch nach überstandener Krankheit noch viele Wochen anhalten können.

Lungenentzündungen bereiten Sorge

Dr. Mußotter erkennt die Krankheitswelle schon seit mehr als einem Monat. Foto: Philipp Reimer Fotografie
Dr. Mußotter erkennt die Krankheitswelle schon seit mehr als einem Monat.

Die Hirschberger Praxis von Dr. Andreas Mußotter ist derzeit mehr als ausgelastet. Der Mediziner beobachtet bei seinen Patienten einen Anstieg von viralen Infekten und Corona-Erkrankungen. „Das sieht man seit vier bis sechs Wochen“, so Mußotter. Bei seinen Patienten sei die Altersgruppe der 20- bis 50-Jährigen am stärksten von der Krankheitswelle betroffen. Sorge bereiten aktuell Lungenentzündungen, ausgelöst durch Mykoplasmen – also Bakterien.

In den vergangenen Jahren traten durch „Mycoplasma pneumoniae“ verursachte Lungenentzündungen eher selten auf. Dieses Jahr ist das anders: Meistens ist der Verlauf mild, so der Hausarzt. Doch einige seiner Patienten mussten bereits im Krankenhaus weiterbehandelt werden.

Leute gehen nicht mehr krank zur Arbeit

Dr. Katrin Illmann von der „Hausarztpraxis Lützelsachsen“ erklärt, dass Atemwegserkrankungen und grippale Infekte die häufigsten Diagnosen sind, die sie stellt. Die Krankheitswelle beginne in ihrer Praxis erst. „Es wird alles nachgeholt, was wir in den letzten vier Jahren verpasst haben“, sagt sie mit Blick auf die Pandemiezeit, in der sich viele Menschen isolierten, um sich nicht mit Coronaviren zu infizieren. Dadurch war das Immunsystem aber auch anderen Erregern weniger ausgesetzt.

Die Zunahme an Krankschreibungen, von der die Krankenkassen derzeit berichten, erklärt sich die Medizinerin aber auch durch den häufigeren Gang zum Arzt. „Die Leute gehen nicht mehr erkältet arbeiten“, fasst sie ihre Beobachtungen der vergangenen Jahre zusammen. Die echte Grippe, ausgelöst durch Influenzaviren, werde erst im Januar auf uns zukommen, so die Prognose der Ärztin.

Erkältungen sind Hartnäckiger

Auch die Praxis von Astrid Larsen ist in der dunklen Jahreszeit stärker ausgelastet. „Husten, Schnupfen und Heiserkeit sind nach wie vor die häufigsten Symptome, die aktuell auftreten“, sagt die Ärztin. Die Unterscheidung zwischen Grippe, Erkältung und Corona fällt den Patienten oft schwer, da sich die Symptome ähneln können.

Typische Merkmale einer Corona-Erkrankung sind Fieber, Husten, Halsschmerzen und Atembeschwerden, während eine Grippe oft abrupt einsetzt und mit hohem Fieber sowie einem ausgeprägten Krankheitsgefühl einhergeht. „Die Krankheitsverläufe sind teilweise unspezifisch, vielfältig und variieren stark“, fügt Larsen hinzu. „Festzustellen ist, dass die Erkältungskrankheiten momentan länger andauern und hartnäckiger sind.“

Um laufende Nasen vorzubeugen, empfiehlt sie allgemein eine gesunde Lebensweise. Dazu gehöre zum Beispiel tägliche Bewegung an der frischen Luft. „Ich persönlich bin ein großer Fan pflanzlicher Nahrungsergänzungsmittel aus biologischem Anbau“, erklärt die Allgemeinmedizinerin. Aber auch eine gute „Psychohygiene“ sei wichtig. „Man sollte mit seinem Umfeld möglichst in Frieden leben“, betont Larsen.

Medikamentenknappheit

Jutta Karallus von der Stern-Apotheke erklärt, dass die Krankheitswelle früher eingesetzt hat als üblich. Die Apothekerin merkt das unter anderem an der gestiegenen Nachfrage nach verschreibungspflichtigen Antibiotika. Das Problem: „Es gab das ganze Jahr über schon Medikamente, die nicht lieferbar waren“, so Karallus.

Hierbei handelt es sich um Blutdruckmittel, Insulin und verschiedene Antibiotika. Eine große Knappheit von erkältungstypischen Medikamenten befürchtet sie jedoch nicht. Nur Kinderhustensäfte könnten schneller von einem Mangel betroffen sein, so die Apothekerin.

Auch Kinder betroffen

Dabei, so regiomed-Sprecher Schmidt, treffe die Krankheitswelle auch bei den Kleinen auf ein während der Corona-Zeit schwächer trainiertes Immunsystem. „Kinder erlangen durch die üblichen Infekte im Kindergarten und in der Schule eine generelle Immunität.“ Was aufgrund der Schließung von Bildungseinrichtungen ausgeblieben war, werde jetzt an Infektionen nachgeholt. „Zudem sind wir aufmerksamer, wir testen mehr“, erklärt Schmidt die erhöhte Feststellung eher untypischer Krankheitserreger.

Risiko für schwere Krankheitsverläufe

Friedrich-Karl Schmidt beruhigt: „Es ist noch keine Panik ausgebrochen. Bisher hat kein Arzt gesagt: ‚Wir schaffen das nicht mehr.‘“ Doch es sei festzustellen, dass einige Arztpraxen bereits an ihre Grenzen kommen. Die Empfehlung des Ärzteverbands: Grippe- und Corona-Impfungen auffrischen. Beide Impfstoffe bieten keinen Langzeitschutz, weswegen eine jährliche Erneuerung wichtig ist. So könne das Risiko für schwere Krankheitsverläufe gesenkt werden.