Lützelsachsen

Lützelsachsener kämpfen um ihr Gemeindehaus

Im Ortschaftsrat wurde ein Konzept für den Erhalt des Objekts präsentiert. Die Anwohner haben einige Ideen für die Nutzung ausgetüftelt.

Projektbegleiterin Dorothee Raspel stellte den Bürgern den Plan für das Lützelsachsener Gemeindezentrum im Ortschaftsrat vor. Foto: Gabriel Schwab
Projektbegleiterin Dorothee Raspel stellte den Bürgern den Plan für das Lützelsachsener Gemeindezentrum im Ortschaftsrat vor.

Schließungen sind das bestimmende Motiv im Weinheimer Ortsteil Lützelsachsen. Einzelhandel, Bankenfilialen – und nun auch noch das evangelische Gemeindezentrum? Den Lützelsachsenern ist das zu viel: Unter einer großen Bürgerbeteiligung stemmen sie sich gegen die Aufgabe des kulturellen Ankers und die wachsende Tristesse im Ort.

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Selten sind Sitzungen des Ortschaftsrats so gut besucht, wie die am Donnerstagabend. Die Besucherreihen sind gefüllt, die Blicke erwartungsvoll nach vorne gerichtet. Dort steht Projektbegleiterin Dorothee Raspel und hält einen Vortrag, wie das evangelische Gemeindezentrum gerettet werden könnte. „Die Frage ist: Kann das Gemeindehaus von einer kirchlichen Einrichtung zu einer gemeinschaftlichen werden?“ Raspel glaubt: Ja.

Kirche speckt ab

Der Hintergrund der Misere hat einen Namen. „Ekiba 2032“ wird der Strukturprozess genannt, mit dem die Evangelische Kirche ihren schwindenden Einnahmen durch immer weniger Mitglieder begegnen will. Dafür reduziert sie Personal. Und trennt sich von Immobilien. Wie Dekanin Monika Lehmann-Etzelmüller im WN-Gespräch erklärt, werden sechs der aktuell 21 Pfarrstellen in den 19 Gemeinden in den kommenden Jahren wegfallen. Was die Objekte anbelangt, so gebe es drei Kategorien. Ein Drittel werde sicher von der Badischen Landeskirche weiter finanziert und bleibe erhalten. Sie bekommen einen grünen Punkt. Bei einem weiteren Drittel stehe die Weiterfinanzierung infrage (gelber Punkt). Der Rest bekomme einen roten Punkt und sei finanziell nicht mehr haltbar.

Noch ist nichts in Stein gemeißelt. Aber: „Das Bild wird immer deutlicher. Wir haben nicht genug grüne Punkte, um jeder Gemeinde ein großes Gebäude zu ermöglichen“, sagt Lehmann-Etzelmüller. „Gerade in Lützelsachsen ist die Unruhe groß.“ Für dessen Gemeindezentrum wurde nun ein Plan ausgetüftelt. Daran beteiligten sich rund 50 Bürger, die sich in Arbeitsgruppen organisiert hatten. Demnach würde die evangelische Kirchengemeinde Lützelsachsen Besitzer der Immobilie bleiben. Das Grundstück selbst soll sich in den Händen der Evangelischen Stiftung Pflege Schönau (ESPS) befinden. Und für den Betrieb soll eine Trägerorganisation bestehend aus der Stadt Weinheim, der Evangelischen Kirche, dem Pilgerhaus, Vereinen und Bürgern verantwortlich sein.

Damit dieser Plan aufgeht, müssen zwei Fragen des Geldes geklärt werden. Es braucht ein Startkapital für Umbauten, mediale Ausstattung und Co. Diesen Betrag schätzt Projektbegleiterin Dorothee Raspel auf 97 000 Euro. Er soll zur Hälfte von der Stadt Weinheim kommen, zu einem Drittel aus Förderprogrammen und zu 15 Prozent aus privaten Spenden. Auf der anderen Seite gibt es noch die laufenden Kosten von geschätzten 95 000 Euro im Jahr. Um diese zu stemmen, braucht es ein Konzept für das Gemeindezentrum, das Geld in die Kasse spült. Es braucht vor allem: Mieter.

Bürger sprühen vor Ideen

Glücklicherweise überschlagen sich die sieben Arbeitsgruppen regelrecht mit Ideen. Zum Beispiel ist ein Angebot an Beratungen und Unterstützung gewünscht. Etwa eine Hausaufgabenbetreuung für Kinder, ein Elterncafé für Familien, Pflege- und Gesundheitsberatung für Senioren. Im Bereich der Gastronomie könnten Café und Begegnungsraum mit fester Bewirtung entstehen. Auch Events und Familienfeiern sind angedacht. Und die Jugend wünscht sich einen „Mobilen Döner“, also einen Verkaufswagen, der regelmäßig vor dem Gebäude Halt macht.

Ebenso sollen gemeinsame Freizeitaktionen das Haus mit Leben füllen – Filmabende, Musizieren, Winterspielplatz für die Kleinen. Im kulturellen Bereich sollen die Lützelsachsener Musikgruppen integriert werden und die Räume für Konzerte, Theater und Co. vermietet werden. Auch Kursangebote sind gewünscht.

Zunächst geht es ums Startkapital. Zu diesem Zweck will Raspel auf diverse Fördergeldgeber zugehen: „Es gibt ja verschiedene Töpfe“, sagt sie im WN-Gespräch und nennt Stiftungen und Länderprogramme als Beispiel. Wenn sich konkretisiert hat, welche der Ideen der Arbeitsgruppe tatsächlich umgesetzt werden sollen, geht das Konzept in die Politik. Dorothee Raspel wolle sie den Entwurf in der zweiten Jahreshälfte im Gemeinderat präsentieren.

Fetzner sagt Hilfe zu

Erster Bürgermeister Dr. Torsten Fetzner sagte die grundsätzliche Unterstützung des Rathauses zu. „Es gibt die Absichtserklärung, dass die Stadt mitmacht. Wir müssen aber noch den Gemeinderat ins Boot holen.“ Das sei kein Selbstläufer. Es gebe noch mehr Ortsteile. „Und die Begehrlichkeiten nehmen zu.“ Nichtsdestotrotz: „Die Stadt Weinheim sieht sich in der Pflicht. Die Kirche hat jahrelang das Gebäude finanziert und damit einem Zweck von Weinheim gedient“, sagte Fetzner und erntete den Applaus der Bürger. Laut Raspels Finanzierungsplan müsste das Rathaus 38 000 Euro Starthilfe beisteuern.

Drei Jahre Pilotphase

Sollte das Kapital zusammenkommen, wird das Gemeindezentrum in die Pilotphase starten: „Dabei reden wir von drei Jahren. So viel Zeit, sollte man der Sache geben, um zu sehen, ob das Konzept funktioniert“, erklärt Raspel. Nachdem der Ortschaftsrat am Donnerstag einhellig grünes Licht für die Weiterführung des Projekts gab, werden bereits 2023 zehn bis zwölf Testveranstaltungen im Objekt stattfinden. Mit dem nötigen Kleingeld wären Ende 2023/Anfang 2024 Umbaumaßnahmen und Installation eines Online-Buchungssystems vorgesehen. Dann könne es schon mit der Etablierung einer Gastronomie und eines Beratungsbüros weitergehen. Trotz Pilotphase sei 2025 das Jahr, in dem die Weichen für die Nachhaltigkeit gestellt werden müssten, erzählt Raspel. Das bedeutet vor allem auch, Langzeitmieter zu gewinnen.

Die Projektbegleiterin, die bereits einige ähnliche Vorhaben wie das in Lützelsachsen auf den Weg gebracht hat, ist guter Dinge. „Ich sehe hohe Chancen“, sagt sie den WN. Das habe drei Gründe: Die diverse Trägerstruktur, mit der Stadt an Bord. Außerdem, weil in der Region prinzipiell genügend Gelder vorhanden sind. Und schließlich durch das stimmige Konzept mit hoher Bürgerbeteiligung. Tatsächlich sei es sogar die höchste, die sie je erlebt habe: „Am ersten Veranstaltungsabend waren 97 Menschen anwesend“, sagt Raspel.

Die Lützelsachsener ziehen für den Erhalt ihres Gemeindezentrums an einem Strang. Die Kommunalpolitik gibt ihnen Rückendeckung. Das Rathaus verspricht Unterstützung. Gemeinsam wollen sie sich gegen das große Schließen im Ortsteil stemmen. In der Vergangenheit hieß es immer wieder nur: „Hier macht was zu!“ Nun wird dieser Entwicklung ein Kontrapunkt gesetzt. Der Slogan des Konzepts des Gemeindezentrums lautet nicht umsonst: „Hier macht was auf!“