Grundschulempfehlung für weiterführende Schulen

"Mini-Abitur" mit Kompass 4 schockiert Eltern und Grundschüler in Weinheim

Die neue Grundschulreform startet anders als erwartet. Eltern, Lehrer und Schüler zweifeln am System.

Kompass 4 wurde als zusätzliche Entlastung der Lehrkräfte geplant. Genau die sind mit dem neuen System aber nicht zufrieden und wünschen sich Verbesserungen. Foto: Ann-Kathrin Greinert
Kompass 4 wurde als zusätzliche Entlastung der Lehrkräfte geplant. Genau die sind mit dem neuen System aber nicht zufrieden und wünschen sich Verbesserungen.

Weinheim. Fehlende Vorbereitung, ein zu schwerer Mathe-Test und viele verunsicherte Kinder und Eltern: Einen so schwierigen Auftakt für die neue, verbindlichere Grundschulempfehlung „Kompass 4“ hatte wohl niemand erwartet. Auch nicht Mara* aus Weinheim. Die 39-Jährige ist Mutter einer Viertklässlerin, die den Kompass 4 Test an einer Weinheimer Grundschule mitschreiben musste. Während ihre Tochter noch ziemlich locker durch die zehnseitigen Mini-Prüfungen in Mathe und Deutsch gegangen ist, bricht für viele Mitschüler eine Welt zusammen. Zu groß ist die Angst, doch nicht die ersehnte Gymnasialempfehlung zu erhalten.

Newsletter

Holen Sie sich den WNOZ-Newsletter und verpassen Sie keine Nachrichten aus Ihrer Region und aller Welt.

Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis.

Ende November mussten die rund 2.323 öffentlichen Grundschulen in Baden-Württemberg den Kompetenztest Kompass 4 zum ersten Mal durchführen. Rückmeldungen von Lehrern machen klar, was Eltern wie Mara schon längst vermuteten: Hier lief etwas gewaltig schief!

Besonders ärgert sich die Mutter über die mangelnde Kommunikation der Schule und die Stresssituation, der die Kinder ausgesetzt wurden. „Wir sollten mit den Kindern nicht lernen, damit sie unvorbereitet in den Test gehen und ihr Wissensstand objektiv erfasst wird“, erzählt sie. Doch das funktionierte nicht wie geplant. Knapp 87 Prozent der Schüler erreichen in Mathe nur eine Hauptschulempfehlung und stehen damit im starken Gegensatz zur Einschätzung der Lehrer. Für viele Kinder bedeuten die Tests vor allem Stress und Panik.

Bisher konnten Eltern in Baden-Württemberg frei entscheiden, auf welche weiterführende Schule ihr Kind geht. Zwar geben die Lehrkräfte eine Empfehlung ab, doch das letzte Wort hatten die Eltern. Vor 2012 hingegen lag die Entscheidung vollständig bei den Klassenlehrern. Mit der neuen Regelung soll nun ein Mittelweg geschaffen werden. Ab dem kommenden Schuljahr wird G9 schrittweise wieder flächendeckend eingeführt. Kompass 4 soll nicht nur als zusätzliche Hilfe der Lehrer fungieren, sondern auch die Zahl der Übergänge aufs Gymnasium mit kontrollieren.

„Wir wussten fast nichts über die Tests“

Bei einem Elternabend Ende September erfuhren Mara und die anderen Eltern zum ersten Mal vom Kompass-Test. Noch Monate später wundert sich die Weinheimerin über die spärlichen Informationen, die den Eltern zur Verfügung gestellt wurden: „Die Lehrer wussten fast nichts und konnten uns auch keinen weiteren Hintergrund zu den Tests geben. Wir wussten nur, dass die Arbeiten als dritte Empfehlung mit über die weiterführenden Schulen entscheidet.“ Die Themeninhalte der Arbeiten waren bis zum Prüfungstag weder Eltern noch den Klassenlehrern bekannt. Ein intensives Lernen im Vorhinein ist nicht möglich.

Nicht nur die Weinheimerin ärgert sich über die schlechte Vorbereitung. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte landesweit an ihre Mitglieder an Grundschulen in Baden-Württemberg 22 Fragen zum Kompass-Test geschickt, die innerhalb einer Woche beantwortet wurden. Die kürzlich veröffentlichte Umfrage, an der 1.131 Lehrer teilnahmen, zeigt: 44 Prozent der Befragten geben an, sie seien nicht früh genug über Kompass 4 informiert worden. Bei über 86 Prozent waren die Testunterlagen nicht rechtzeitig abrufbar. Probleme habe es vor allem mit Passwörtern und Servern gegeben.

„Zu anspruchsvolle Aufgaben“

Mit zehn Seiten in gerade einmal 45 Minuten schockierte der Kompetenztest nicht nur Maras Tochter. Laut GEW beklagen viele Lehrkräfte die teilweise zu anspruchsvollen Aufgaben in Mathe und die zu geringe Bearbeitungszeit. Mara ärgert sich noch über einen anderen Punkt: „Im Test gab es keine Teilpunkte. Das heißt, dass vor allem in Mathe der Rechenweg nicht bepunktet wurde. War das Ergebnis einer Aufgabe falsch, war automatisch die ganze Aufgabe falsch.“

Erste Auswertungen der Testergebnisse im Dezember geben den Kritikern recht. Vor allem in Mathematik fallen die Ergebnisse sehr schlecht aus. Rund 86 Prozent der Kinder erreichen nur eine Weiterempfehlung für die Hauptschule. Dagegen stehen 8 Prozent für die Realschule und sogar nur 6 Prozent für das Gymnasium. Zahlen, die auch das Kultusministerium auf den Plan rufen. Theresa Schopper teilte in einer Pressemitteilung mit: Wenn die pädagogische Gesamtwürdigung der Lehrkräfte und Kompass 4 so stark auseinanderfallen, stimme etwas mit dem Test nicht. Es liege nun daran, genau zu schauen, wo die Probleme liegen.

Wurden Testergebnisse totgeschwiegen?

Als Mara über das Empfehlungsgespräch ihrer Tochter spricht, muss sie lachen. „Es war unspektakulär, über die Ergebnisse von Kompass 4 wurde kaum geredet. Ich hatte das Gefühl, die Schule wollte es totschweigen.“ Laut Kompetenztest hätte ihr Kind eine Realschulempfehlung bekommen, doch durch die Lehrerbeurteilung und die Elterneinschätzung wurde es das Gymnasium. „Bei allen Klassenkameraden wurden die Tests wohlwollend bewertet.“ Nachteile brachte Kompass 4 keinem Schüler, doch Mara betont: „Diesen Stress hätten die Kinder nicht gebraucht. Manche haben immer noch damit zu kämpfen.“

„Kompass 4 hat Potenzial – aber nur mit Verbesserungen“

Für die meisten Lehrkräfte in Baden-Württemberg ist der Kompetenztest kein sinnvolles Instrument zur Schulentscheidung. Laut GEW halten 65 Prozent den Test für wenig nutzbar oder überflüssig, 30 Prozent sehen immerhin „zusätzliche Informationen“.

Wenn es nach Mara geht, braucht es Kompass 4 – aber in verbesserter Form. „Nicht jedes Kind ist für das Gymnasium gemacht, und ein Test kann helfen, die Entscheidung objektiver zu gestalten.“ Vor allem könne er überambitionierte Eltern ausbremsen, die ihr Kind auf Biegen und Brechen aufs Gymnasium schicken wollen. „Ein Kind, das dort keine Kindheit mehr hat, weil es nur noch lernen muss, ist nicht auf dem richtigen Weg“, findet Mara. Für sie steht fest: Kompass 4 hat Potenzial – doch es bedarf einiger Änderungen, um für den nächsten Jahrgang gerüstet zu sein.

*Name ist der Redaktion bekannt.