Nach Streit mit Chor: Schon wieder SEK-Einsatz in Weinheim
Was mit einem Streit wegen Ruhestörung begann, artete später derart aus, dass SEK-Kräfte ein Haus in der Weststadt stürmten.
Als Pfarrer Detlev Schilling hört, was sich Montagnacht noch nach einer friedlichen Chorprobe ereignet hat, ist er schockiert. Ja, es habe Streit mit einem Anwohner gegeben, weil er sich über die Lautstärke aufgeregt habe. Aber nein, bedroht worden sei von ihm niemand. Warum also stürmte das Spezialeinsatzkommando (SEK) das Wohnhaus des 40-jährigen Anwohners aus Weinheim?
Der Reihe nach: Die evangelische Singgemeinde der Weststadt traf sich, wie immer montagabends, zur Probe. Diesmal wartete im Anschluss eine Überraschung auf die Sänger: Pfarrer Detlev Schilling und Diakonin Heike zur Brügge tauchten auf - und hatten Eis im Gepäck. Weil das Wetter schön und die Stimmung gut war, verweilte die Gruppe also im Vorhof des Markuskirchen-Areals und plauderte dort.
"Er hat nur geschrien"
Ein 40-Jähriger aus der Nachbarschaft fühlte sich durch die sommerliche Veranstaltung um circa 21.30 Uhr jedoch massiv gestört. Er kam aus dem Haus und konfrontierte die Menschen wutentbrannt. "Er hat nur geschrien. Was genau er gesagt hat, hat man gar nicht verstanden", sagt eine Sängerin, die namentlich nicht genannt werden will. Weil ihr solche Situationen Angst bereiten, sei sie sofort gegangen.
Der Chorleiter und Pfarrer Schilling versuchten also, beruhigend auf den 40-Jährigen einzuwirken. Der Geistliche kannte den Mann, wenn auch anders: "Ich habe ihn schön öfter gesehen, wenn er mit seinen Hunden unterwegs ist. Er grüßte immer freundlich."
So gelang es auch, den 40-Jährigen runterzubringen. Er ging wieder nach Hause, die Veranstaltung löste sich auf. Große Verwunderung herrschte also, als es hieß, dass die Polizei anrücke. Ein Nachbar hatte sie gerufen. Nicht wegen der Chorsänger, sondern wegen des 40-Jährigen. "Der Nachbar kam auf uns zu und ermutigte uns, Anzeige zu erstatten. Mir kam das unverhältnismäßig vor. Ich glaube, da gab es eine Vorgeschichte."
Mit Eisenstange und Messer bedroht
Auf jeden Fall gab es ein Nachspiel. Denn im weiteren Verlauf des Abends entwickelte sich eine Bedrohungslage zwischen dem 40-Jährigen und einem weiteren Anwohner. Ob es sich dabei um besagten Nachbarn gehandelt hatte, war gestern nicht zu erfahren. Wie die Pressestelle des Polizeipräsidiums Mannheim aber auf WN/OZ-Anfrage erklärte, bedrohte der 40-Jährigen einen Anwohner mit einer Eisenstange und einem Messer.
Nachdem der Mann die Polizei anrücken gesehen hatte, so erklärt Sprecher Stefan Wilhelm, hat er die Flucht zurück in seine Wohnung ergriffen. Es handelte sich um eine Vielzahl von Beamten, die gemeinsam mit der Hundestaffel im Einsatz waren. Die Ordnungshüter haben daraufhin eine "statische Lage" hergestellt. "Das heißt, dass wir versuchen, die Situation einzufrieren. Das Objekt wird umstellt, die Person abgeriegelt, sodass sie nicht flüchten kann."
Wegen der vorangegangenen Bedrohungslage wurde die Polizei-Spezialeinheit "Verhandlungsgruppe" (VG) angefordert. Die Verhandlungsgruppe kann immer dann eingesetzt werden, wenn Menschen sich zumindest temporär in einer psychischen Ausnahmesituation befinden. Dass sich der 40-Jährige in einer solchen befand, hatten die Einsatzkräfte zu diesem Zeitpunkt bereits durch Vernehmung der Anwohner herausgefunden.
Unterstützung vom SEK
Doch die Spezialisten konnten nicht zu ihm durchdringen. Die Polizei hat sich also schließlich dazu entschieden, das SEK aus Göppingen anzufordern. Die Spezialeinheit stürmte die Wohnung und konnte den 40-Jährigen unbeschadet festnehmen. "Leider hat er auf dem Weg zwischen Wohnung und Fahrzeug so stark Widerstand geleistet, dass ein Kollege verletzt wurde", erklärt Wilhelm. Mittlerweile befinde der Mann sich in einer psychiatrischen Einrichtung.
Für Weinheim war es der zweite SEK-Einsatz innerhalb eines Monats. Bereits Ende Juni rückte die Spezialeinheit aus, um einen Flüchtigen festzunehmen. Damals handelte es sich um einen 21-Jährigen, dem vorgeworfen wird, einen Mann aus München erschossen zu haben. In Weinheim tauchte der mutmaßliche Todesschütze bei einem alten Freund unter, der angibt, nichts von der Tat gewusst zu haben.