Hirschberg an der Bergstraße

Nazivergangenheit der Namensgeber: Straßen werden trotzdem nicht umbenannt 

Dr. Walter-Schmitt-Anlage und Carl-Diem-Weg in Leutershausen erhalten wegen Nazivergangenheit der zwei Personen jeweils ein Zusatzschild. GLH pocht weiterhin auf Namensänderung.

Die Dr.-Walter-Schmitt-Anlage an der Heinrich-Beck-Halle soll wegen der NS-Vergangenheit des Namensgebers ein Zusatzschild mit QR-Code erhalten. Foto: Thomas Rittelmann
Die Dr.-Walter-Schmitt-Anlage an der Heinrich-Beck-Halle soll wegen der NS-Vergangenheit des Namensgebers ein Zusatzschild mit QR-Code erhalten.

Update aus der Gemeinderatssitzung vom 17. Dezember:

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Nur Bürgermeister Ralf Gänshirt und die GLH-Gemeinderätin Manju Ludwig meldeten sich bei diesem heiklen Thema zu Wort: Es ging um die Dr.-Walter-Schmitt-Anlage an der Heinrich-Beck-Halle und um den Carl-Diem-Weg Großsachsen. Beide Personen gelten als überzeugte Nationalsozialisten. Daher stand eine Umbenennung im Raum. Die Mehrheit von Bürgermeister, Freien Wählern (FW), CDU, SPD und FDP folgte dem Verwaltungsvorschlag. Dieser sieht vor, die Namen zu belassen und die Stellen mit einer Hinweistafel mit Kurztext und einem QR-Code als Link zum Langtext auszustatten. Im Falle von Carl Diem folgte die Grüne Liste Hirschberg dem Verwaltungsvorschlag. Die Dr.-Walter-Schmitt-Anlage hätte hingegen umbenannt werden sollen. „Es ist klar nachgewiesen, dass bei Dr. Schmitt als SS-Obersturmführer und aktivem Parteimitglied eine schwerwiegende Belastung vorliegt und nicht von Mitläufertum gesprochen werden kann“, argumentierte Ludwig. Die GLH konnte sich aber nicht durchsetzen.

Kontakt zu Historikern

Sowohl der Rathauschef als auch die Gemeinderätin bestätigten eine intensive, sachliche und konstruktive Auseinandersetzung im Vorfeld mit dem Thema. Wie der Bürgermeister mitteilte, hatte das Rathaus durch eine Presseanfrage von einem Buch über Dr. Walter Schmitt aus Leutershausen erfahren (wir berichteten). Der Name des Buches lautet „Vom SS-Obersturmführer zum Handballdoktor – die zwei Leben des Dr. Walter Schmitt (1909 bis 1971)“. In diesem Werk belegt der Autor Marc Zirlewagen anhand verschiedener Quellen, dass Schmitt ein überzeugter Nationalsozialist gewesen ist. Die Verwaltung nahm daraufhin Kontakt mit der Familie, aber auch mit dem Heidelberger Professor Dr. Frank Engehausen auf. Er ist Historiker und unter anderem Mitglied der Heidelberger Kommission für Straßenbenennungen. „Auf der einen Seite hatten wir das öffentliche Interesse, auf der anderen Seite eine schützenswerte Familie“, erläuterte Gänshirt die weitere Vorgehensweise.

Hirschberger Erinnerungskultur

Der Gemeinderat hatte nun abzuwägen zwischen der Bewertung der Verdienste und den Verfehlungen der beiden Personen. „Wir wollten die Verdienste Schmitts für den Handballsport nach 1945 würdigen, gleichwohl die anderen Lebensstationen nicht unter den Tisch fallen lassen“, ergänzte der Bürgermeister. Der Gemeinderat setzte sich intensiv mit allen Facetten dieses Themas auseinander, und Gänshirt fügte hinzu, dass dies kein einfacher Weg gewesen sei. „Ich persönlich denke, wir haben eine ausgewogene, sachgerechte und verantwortungsvolle Lösung gefunden“, betonte er und erinnerte an die Hirschberger Erinnerungskultur und den Umgang mit der Geschichte. Folglich schlug die Verwaltung den oben erwähnten Beschluss vor, wonach es keine Umbenennung gibt, sondern Hinweistafeln angebracht werden. Auf diesen wird ausdrücklich auf die Nazi-Vergangenheit beider Personen hingewiesen.

GLH will neuen Namen

Laut Ludwig kommt die GLH-Fraktion in der Bewertung der Abwägung zu einem anderen Ergebnis. Die Frage nach einer angemessenen Erinnerungskultur in Deutschland sei eine kontroverse und umstrittene und sicherlich keine leichte: „Aufgrund des gegenwärtigen Erstarkens von rechtsradikalen politischen Haltungen in Deutschland und der leider immer weiter ansteigenden antisemitischen Übergriffe muss man sich die Frage stellen, ob unsere bisherigen Formen der Erinnerungskultur ausreichend sind“, sagte die GLH-Gemeinderätin. Die Benennung eines Platzes oder einer Straße im öffentlichen Raum sei mit die höchste Ehre, die eine Kommune verleihen könne. Dies habe auch der Deutsche Städtetag in einer Handreichung zum Thema „Straßennamen im Fokus einer veränderten Wertediskussion“ festgehalten. Ein Einsatz von Erläuterungstafeln mit QR-Codes werde für sogenannte „Grenzfälle des Erinnerns“ empfohlen, wenn beispielsweise über die betroffene Person „kein vorherrschendes Urteil gebildet oder sich keine eindeutige wissenschaftliche Meinung ausprägen konnte“.

Dies treffe nach Einschätzung der GLH für Dr. Schmitt nicht zu, für Carl Diem hingegen schon: „Eine kritische Betrachtung der Person sollte unserer Meinung nach durchaus erfolgen können, nur eben nicht unbedingt in exponierter Lage im öffentlichen Raum in der Mitte von Leutershausen zwischen Kindergarten, Schule und Sporthalle.“ Eine weitere Dimension der Diskussion besitze die Lage und die Nutzung der Anlage. Es handle sich erstens um keine Straße, bei der durch eine Umbenennung Anwohner möglicherweise negativ betroffen wären. Weiterhin werde die Anlage durch die Bevölkerung nicht unbedingt intensiv genutzt. Eine Umwidmung und neue Form der Nutzung, einhergehend mit einer Umbenennung, wäre also problemlos denkbar gewesen. Eventuell sei dies ja auch in der Zukunft noch umsetzbar. Folglich stimmten die vier GLH-Gemeinderäte gegen den Verwaltungsvorschlag in Sachen Dr.-Walter-Schmitt-Anlage. Beim Sportfunktionär Diem folgte man der Verwaltung.

Der Großsachsener Carl-Diem-Weg erhält ebenfalls einen Zusatz zur Nazi-Vergangenheit. Foto: Marcus Schwetasch
Der Großsachsener Carl-Diem-Weg erhält ebenfalls einen Zusatz zur Nazi-Vergangenheit.

Die Dr.-Walter-Schmitt-Anlage an der Heinrich-Beck-Halle und der Carl-Diem-Weg in Großsachsen werden nicht umbenannt, sondern erhalten ein Zusatzschild. Darauf wird auf die Nazi-Vergangenheit der beiden Personen hingewiesen. Darüber entscheidet der Hirschberger Gemeinderat in seiner letzten Sitzung in diesem Jahr.

Wie die Verwaltung in ihrer Sitzungsvorlage anmerkt, hatte das Rathaus durch eine Presseanfrage von einem Buch über Dr. Walter Schmitt aus Leutershausen erfahren. Der Name des Buches lautet „Vom SS-Obersturmführer zum Handballdoktor – die zwei Leben des Dr. Walter Schmitt (1909 bis 1971)“. In diesem Werk belegt der Autor anhand verschiedener Quellen, dass Schmitt ein überzeugter Nationalsozialist gewesen ist. Dieser Sachverhalt war der Verwaltung bis zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt. Sicherlich auch aus dieser Unkenntnis heraus wurde laut Verwaltung in Leutershausen die Grünfläche nach ihm benannt. Entsprechend einem Antrag aus der Mitte des Gemeinderates sollte im Jahr 1983 zunächst die Hölderlinstraße von der Fenchel- bis zur Goethestraße aufgrund der Verdienste um die SG Leutershausen in Dr.-Walter-Schmitt-Straße umbenannt werden. Dieser Antrag wurde mehrheitlich durch den Gemeinderat abgelehnt. Alternativ wurde die Benennung der Grünanlage an der Halle in Dr.-Walter-Schmitt-Anlage vorgeschlagen und beschlossen. Wegen der neuen Erkenntnisse über die Vergangenheit von Schmitt als Soldat und Nationalsozialist sollte eine Neubewertung der Würdigung seiner Person als Namensgeber einer öffentlichen Grünanlage vorgenommen werden.

Kontakt zur Familie

Die Verwaltung nahm hierzu auch Kontakt mit der Familie von Schmitt auf. In seinen Beratungen kam der Gemeinderat zu der Auffassung, dass die Zeiträume vor und nach 1945 nicht isoliert betrachtet werden sollten. Sowohl das Verhalten während der NS-Zeit als auch die Verdienste um die SGL müssten bei der Entscheidungsfindung beachtet werden. Die Verwaltung ließ sich in der Vorbereitung der Beschlussvorlage durch Prof. Dr. Frank Engehausen beraten. Er ist Historiker und unter anderem Mitglied der Heidelberger Kommission für Straßenbenennungen. Im Vorfeld beschäftigte sich Engehausen mit der Arbeit von Marc Zirlewagen, dem Autor des Buches „Vom SS-Obersturmführer zum Handballdoktor: Die zwei Leben des Dr. Walter Schmitt (1909–1971)“.

Konflikt im öffentlichen Raum

Engehausen sah dabei durchaus einen Konflikt im öffentlichen Raum, an Schmitt zu erinnern. Er sei zwar mit großer Wahrscheinlichkeit kein Kriegsverbrecher, habe aber die Nähe der Nationalsozialisten gesucht und deren Ideologie vertreten, vermutlich um Karriere zu machen. Es hänge nun davon ab, welche Beurteilungszeiträume zur Bewertung herangezogen werden. Wäre in Heidelberg eine Straße nach Dr. Walter Schmitt benannt worden, hätte er die Umbenennung empfohlen. Allerdings werde in Heidelberg ausschließlich das Verhalten während der NS-Zeit zur Beurteilung herangezogen und nicht das Verhalten/die Verdienste in der Zeit danach. Der Hirschberger Gemeinderat setzte sich anschließend sehr intensiv mit der Frage auseinander, ob im Kontext der heutigen Werte und der Sensibilität gegenüber historischen Ereignissen eine Trennung der Beurteilungszeiträume vor und nach 1945 überhaupt in Betracht gezogen werden kann.

QR-Code mit Erklärungen

Das Gremium kam dann zur Entscheidung, dass unter Berücksichtigung aller Perspektiven eine ausgewogene Lösung anzustreben sei. Diese sollte sowohl die Bedeutung von Dr. Schmitt für den Handballsport in der Gemeinde widerspiegeln als auch sein Verhalten während der NS-Zeit beschreiben. Statt einer vollständigen Umbenennung beschloss der Gemeinderat, eine alternative Lösung umzusetzen. Hierzu wurde die Hinzufügung einer zusätzlichen Texttafel oder eines QR-Codes, mit Erklärungen der historischen Fakten und Kontroversen um Schmitt, vorgeschlagen. In diesem Kontext sollte auch das Straßenschild des Carl-Diem-Wegs einen Zusatz sowie einen QR-Code erhalten.

Diem (1882 bis 1962) war Sportfunktionär, Wissenschaftler und Publizist. Er war anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1936 Hauptinitiator der Durchführung von Fackelläufen vor Beginn der Olympischen Spiele und gab mit anderen den Anstoß zur Gründung der ersten Sporthochschule der Welt in Berlin. Seine frühere Funktionärskarriere während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde bei den Benennungen weitgehend unkritisch betrachtet und erst in der jüngeren Vergangenheit kontrovers diskutiert. So wurde Engehausen mit der Erstellung von Entwürfen für Kurz- und Langtexte zu den genannten Personen beauftragt, um deren Rolle, insbesondere während der NS-Zeit, deutlich zu machen.

Weitere Punkte auf der Tagesordnung sind die Einwohnerfragestunde, der vorhabenbezogene Bebauungsplan „Quentelberg, 1. Teiländerung“ (Satzungsbeschluss), Sanierung der Stützwände auf dem Friedhof in Leutershausen, Annahme von Spenden sowie Bekanntgaben, Anfragen und Anträge.