Neustart der Weinheimer Nachrichten vor 75 Jahren
Am 1. Juli 1949 erhält Weinheim nach sechs Jahren Zwangspause seine Zeitung zurück. Wir haben mal nachgeschaut, welche Themen damals Schlagzeilen machten.
„Ein langer Weg zum schönen Ziel“ – so überschrieb Oberbürgermeister Rolf Engelbrecht am 1. Juli 1949 sein Geleitwort zum Wiedererscheinen der Weinheimer Nachrichten (WN). Sechs Jahre nach der Zwangsschließung der WN zum 30. April 1943 – die Parteizeitung „Hakenkreuzbanner“ (HB) war fortan und bis Kriegsende die einzige Tageszeitung –, erhielt Weinheim wieder seine eigene Zeitung.
Mit einem Plakat in den Stadtfarben Weiß und Blau, dem Stadtwappen und den Silhouetten der beiden Burgen – von Adolf Gertenbach in einem Linolschnitt zusammengefasst – hatte der Verlag Gebrüder Diesbach das Wiedererscheinen der WN als „Unabhängige Tageszeitung für Bergstraße und Odenwald“ angekündigt. Ab dem 20. Oktober 1949 erschien dann als zweite Lokalausgabe auch die Odenwälder Zeitung.
Der Heimat verbunden
Die Meldungen vom 1. Juli 1949
40 Häuser in Planung
Auf der Stadtseite der ersten Nachkriegsausgabe wurde zum Beispiel über die Ernennung von Ratsschreiber Karl Ebert zum Vorsitzenden des neu geschaffenen Friedensgerichts berichtet, über den Verzicht des ehemaligen Oberbürgermeisters Wilhelm Brück (CDU) auf eine Bundestagskandidatur im Wahlkreis Mannheim-Land und über die Planung von 40 Häusern am Nächstenbacher Berg.
1000 Fahrzeuge am Postknoten
Interessant war auch der Bericht über das Ergebnis einer Verkehrszählung auf der Postkreuzung, die innerhalb einer Stunde über 1000 Fahrzeuge passierten: 416 Kraftwagen, über 500 Fahrräder und 114 Fuhrwerke.
Kulturgemeinde im Saalbau
In einem ausführlichen Vorbericht führte Dr. Fritz Hammes, vor seiner Berufung zum WN-Chefredakteur Mitbegründer und erster hauptamtlicher Geschäftsführer der jungen Kulturgemeinde Weinheim, in die im „Saalbau“, der heutigen Stadthalle, anstehende Weinheimer Erstaufführung von Beethovens „Neunter“ durch das Pfalzorchester ein.
Basar für Kirchenuhr
Als Heimatzeitung berichteten die WN natürlich auch aus Weinheims Nachbargemeinden: von der Wiedereröffnung des durch späte Kriegseinwirkungen stark beschädigten Lützelsachsener Traditionsgasthauses „Zur Bergstraße“ (heute La Mozzarella), von einem Basar der evangelischen Kirchengemeinde Hemsbach-Sulzbach zugunsten einer Kirchenuhr für Hemsbach und eines Kindergarten-Neubaus in Sulzbach.
Hohensachsener Sorgen
Von Hohensachsens Hauptsorgen, dem Wassermangel und der Wohnungsnot, wurde ebenso berichtet wie von der Erweiterung der Wasserleitung in Unter-Flockenbach und vom starken Auftreten des Rüsselkäfers im Schriesheimer Wald.
Paul Hörbiger im Kino
Im Modernen Theater lief „Zirkus Barney“, im Apollo gastierte Paul Hörbiger mit „Heut spielt der Strauß“.
„Kurszettel der Hausfrau“
Die aktuellen Preise vom Wochenmarkt – zum Beispiel 10 bis 20 Pfennige pro Salatkopf und 50 bis 80 Pfennige für Blumenkohl – wurden unter der Rubrik „Kurszettel der Hausfrau“ veröffentlicht.
Alte Weinheimer Firmen
Im mehrseitigen Anzeigenteil warben Firmen und Geschäfte, die es heute nicht mehr gibt: Textilhaus Jacob, Kaufhaus Bräunche, Fischhaus Wilhelm, Foto Wendel, Auto-Sebastian mit einer Sonderschau der neuen VW-Modelle im Hof der Dürreschule, Bekleidungshaus Carl Wild, Damenhüte Frieda Voos, Porzellan Willy Wedertz, Drogerie Pohl, Bekleidungshaus Fritz Delert, Herrenartikel Georg Heeger, Thams-und-Garfs-Niederlage Gustav Schulz, Wäscherei Sonne und Schuhhaus Rohr. Und natürlich Kukirol mit seinen Angeboten zur Behandlung der Hühneraugen: „Kukirolen Sie!“
Fortsetzungsroman
Was damals ebenfalls nicht fehlen durfte: der Fortsetzungsroman. Zum Neustart war dies der „Roman einer Leidenschaft“ von Margaretha Anders mit dem Titel: Wohin gehst du, Sibylle?“ Dabei ging es um „eine schöne Frau in liebeleerer Ehe, ermüdet von dem Gleichmaß ihrer Tage“, die Mann und Kind verlässt, um ein neues Glück zu finden. -ell
Mit dem Chefredakteur Dr. Fritz Hammes, verantwortlich für Lokales, Kulturelles und Feuilleton, seinem Stellvertreter Dr. Theodor Nebelung, verantwortlich für Politik und Wirtschaft, Sportredakteur Wilhelm Gärtner und Anzeigenleiter Ernst Klump nahmen die Weinheimer Nachrichten unter der Verlagsleitung von Hugo Diesbach und mit einem Einzelpreis von 15 Pfennigen den Wettstreit um die Zeitungsleser im Weinheimer Wirtschaftsraum auf – und gewannen ihn gegen die Weinheimer Bezirksausgaben der Rhein-Neckar-Zeitung und des Mannheimer Morgen – „der Tradition von Stadt und Heimat verbunden“, wie Dr. Nebelung in seinem ersten Kommentar für die neue Aufgabe formuliert hatte. „Von dieser Plattform aus gilt es, die Strömungen der modernen Zeit zu sichten – aufzunehmen oder abzulehnen.“
Bonn oder Frankfurt?
Die Wiederbelebung der bis ins Jahr 1863 zurückreichenden Weinheimer Zeitungsgeschichte fiel in die Tage, als die US-Armee den amerikanischen Senat um Bewilligung von einer Milliarde Dollar für ihr „Verwaltungs-, Unterstützungs- und Wiederaufbauprogramm in den besetzten Gebieten“ der deutschen Bizone und Japan bat, und die Ministerpräsidenten der deutschen Westzonen mit den Gouverneuren der Besatzungsmächte über den zukünftigen Bundessitz verhandelten: Bonn oder Frankfurt.
Darüber berichtete die neue, alte Heimatzeitung in ihrer ersten Ausgabe ebenso wie über die Lebensmittelrationen für Juli 1949 und die neuen Devisenbestimmungen.
Lokale Themen dominieren
Schon damals aber dominierten lokale Themen. Die Haushaltsrede von Landrat Dr. Valentin Gaa bei der Verabschiedung des mit 5,8 Millionen D-Mark ausgeglichenen Etats für den Landkreis Mannheim war den WN eine ganze Seite wert, denn dabei wurden auch drei Fragen angesprochen, die Weinheim berührten: die Bestrebungen der Stadt, kreisunmittelbar zu werden, die Verhandlungen über eine Eingemeindung von Lützelsachsen nach Weinheim, und die Diskussionen über eine Angliederung des Birkenauer- und des Gorxheimer Tals an den Landkreis Mannheim.
Auf einer anderen der insgesamt zehn Seiten umfassenden, komplett in Weinheim hergestellten Zeitung beschäftigte sich Stadtrat Bruno Fritsch, Heimatvertriebener aus Schlesien und seit 1947 Mitglied des Weinheimer Gemeinderats, mit dem Flüchtlingsthema, einem der vordringlichsten und schwierigsten Nachkriegsprobleme. Wenn die Vertriebenen trotz ihres mehrjährigen Zusammenlebens aufs Ganze gesehen fremd und unverstanden geblieben seien, meinte Fritsch, dann liege das auch daran, dass den Einheimischen die Erfahrungen des Flüchtlingsschicksals fehlten und der Heimatvertriebene von Staat, Kirche, Parteien und Wohlfahrtsorganisationen vorrangig als Objekt betreuerischer Maßnahmen angesehen werde.
Aus dem Objekt der Betreuung müsse ein Subjekt eigener Verantwortung werden, forderte Stadtrat Fritsch, gleichgestellt auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Erwerbs- und Wirtschaftslebens. Ein Lastenausgleich zugunsten der Flüchtlinge sei deshalb mehr als eine sittliche Pflicht, er sei „ein elementarer Rechtsanspruch derer, die nichts mehr einzusetzen haben als Arbeit und Elend“. -ell
Die Reproduktion der kompletten Ausgabe vom 1. Juli 1949 ist übrigens auch im ePaper der heutigen Ausgabe zu finden.