Weinheim

Heinz Keller (94) - Erzähler der Weinheimer Geschichte

Der ehemalige Chefredakteur der Weinheimer Nachrichten begeistert mit seinen historischen Artikeln zum Multzentrum oder zur Fußgängerzone auch junge Leser.

Das Team hinter den historischen Artikeln auf wnoz.de: Sandra Hoffmann, die das Archiv der DiesbachMedien betreut, und Heinz Keller, ehemaliger Chefredakteur. Foto: Thomas Rittelmann
Das Team hinter den historischen Artikeln auf wnoz.de: Sandra Hoffmann, die das Archiv der DiesbachMedien betreut, und Heinz Keller, ehemaliger Chefredakteur.

Den Begriff des Stadtschreibers kann man in Weinheim neu definieren. Wahrscheinlich ahnte Heinz Keller selbst nicht, wie umfangreich die Sammlung seiner stadtgeschichtlichen Texte zu Personen, Orte und Ereignisse von Weinheim werden würde, als er Ende der 70er-Jahre in den Weinheimer Nachrichten seine Serie „Erinnern Sie sich?“ startete, die er ab 1994 im Ruhestand fortsetzte. 104 Beiträge sind es geworden, und der Förderkreis hat sie auf der Homepage des Museums der Stadt Weinheim zu einem lesenswerten, bebilderten Archiv zusammengefasst. Bei der Präsentation des Heinz Keller-Zeitungsarchivs am Dienstag im Museum saß der Autor vor Plakaten mit seinen Texten an der Wand und stellte am Ende seines Gesprächs mit Förderkreis-Vorsitzendem Götz Diesbach fest: „Ich bin ein Erzähler, kein Historiker.“

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Oft unter den Top 3

Im Grunde verhält es sich mit Heinz Kellers Texten wie mit einem guten Wein: Je älter sie werden, umso kostbarer werden sie. Der 1930 geborene, ehemalige Chefredakteur der WN, erlebte ab 1950 als Volontär und in der Folge als Lokalredakteur die Entwicklung der Stadt in der Nachkriegszeit hautnah mit. Sein profundes Wissen über Personen, Ereignisse oder strukturelle und bauliche Veränderungen steckt in allen Beiträgen. Bei älteren Weinheimern wecken sie Erinnerungen, Neubürgern ermöglichen sie einen besseren Bezug zur Stadt und bieten wichtiges Hintergrundwissen.

Dass die unter dem Kürzel -ell in gedruckten Ausgaben der WN erschienenen Artikel auch auf der Website der Zeitung von deutlich jüngeren Lesern häufig aufgerufen werden, stellte Redaktionsleiter Carsten Propp, der zusammen Nicolas Diesbach, dem Geschäftsführer der DiesbachMedien ins Museum gekommen war, in seiner Rede fest. Die nun unter der Rubrik „Blick zurück“ veröffentlichten stadtgeschichtlichen Beiträge schaffen es immer wieder unter die Top 3 der Woche, was Reichweite und Lesedauer angeht.

Bezug zur Gegenwart

Maßgeblich für das Interesse ist auch, so Propp, dass Keller den Bezug zur Gegenwart herstellt. So können auch jüngere Leser etwas damit anfangen, wenn vom Kaufhaus Birkenmeier, Modehaus Jacob oder Café Krautinger die Rede ist. Auch der zuletzt in den WN veröffentlichte Beitrag über die Eröffnung der Fußgängerzone vor 50 Jahren und die Diskussion, die damals vor der Sperrung dieses Teils der Hauptstraße für Autos vorangegangen war, weckte großes Leseinteresse. „Guter Journalismus ist zeitlos“, stellte Carsten Propp fest.

Einen Blick zurück in jene Zeit, als Stadträte in Anzug und mit Krawatte zur Gemeinderatssitzung kamen, warf der 94-jährige Autor im Gespräch mit Götz Diesbach. Keller erinnerte unter anderem daran, dass im „Müll“, wie die Weinheimer das Müllheimer Tal nennen, die Wiege der Industrie und der Demokratie stand. Die Bauten des ersten Standorts der Firma Freudenberg sind Wohnungsbebauung gewichen, den „Bienhaussaal“ in der Gaststätte „Zum Müllheimer Tal“, wo die ersten Theaterabende in Weinheim und die schönsten Maskenbälle stattfanden, gibt es nicht mehr. Dass die Odenwaldbahn zunächst ein hessisches Projekt war und nach Eifersüchteleien zwischen Heppenheim und Bensheim von weitsichtigen Weinheimer Stadträten beherzt gekrallt und die Weschnitztalbahn realisiert wurde, kommentierte Keller: „Es ist wichtig, dass man der jüngeren Generation erzählen kann, dass Menschen in früheren Jahren für Weinheim auch Gutes getan haben und dass wichtige Entscheidungen getroffen wurden.“

Wichtige Quellen

Wichtig für die Entstehung der stadthistorischen Beiträge ist auch Kellers Verbindung zu verschiedenen Quellen. Sandra Hoffmann vom WN-Archiv unterstützt ihn ebenso wie Andrea Rößler, die Leiterin des Stadtarchivs, und die für die Fotosammlung zuständige Silvia Wagner. Alle drei Frauen saßen ebenso wie Museumsleiterin Claudia Buggle als aufmerksame Zuhörerinnen im Publikum.

Das Heinz-Keller-Archiv ermöglicht es auf der Homepage des Museums der Stadt Weinheim rund um die Uhr, in geschichtliche Ereignisse der Stadt einzutauchen und die Bekanntschaft mit Persönlichkeiten zu machen, die Weinheims Entwicklung maßgeblich mitgeprägt haben auf dem Weg vom Bauerndorf zum Industriestandort. Der Autor hat sie in einer Mischung aus eigenem Erleben, von Neugier befeuerter Lust an der Recherche und Liebe zu seiner Heimatstadt verfasst. „Mein Vater würde sich heute nicht mehr in Weinheim auskennen“, sagte Heinz Keller. Heutige Generationen können dagegen manches erst besser einschätzen, wenn sie einen Blick in Weinheims Geschichte geworfen haben. Das Heinz Keller-Zeitungsarchiv bietet dazu informativen, unterhaltsamen und bebilderten Lesestoff.