Weinheim

Rodensteiner-Flohmarkt: Mehr als eine prickelnde Suche nach Schnäppchen

Rund um den historischen Brunnen in Weinheim lässt es sich hervorragend Plaudern zwischen Schätzen aus Speicher und Keller.

Bei herrlichem Wetter strömten die Menschen zum Flohmarkt ins Rodensteiner-Viertel. Foto: Gian-Luca Heiser
Bei herrlichem Wetter strömten die Menschen zum Flohmarkt ins Rodensteiner-Viertel.

Trotz eBay und Second- Hand-Plattformen ist der Trend zu Trödelmärkten ungebrochen. Das Bummeln entlang der Stände, an denen Kleider, Schallplatten, Ölgemälde, Geschirr und Hausrat angeboten werden, hat nach wie vor seinen besonderen Reiz. Seit vielen Jahren ist in Weinheim der letzte Samstag im September der Tag der Schnäppchen und Begegnungen rund um den Rodensteiner Brunnen. Menschen kommen zusammen, reden, lachen und stöbern in den vielfältigen Angeboten am Straßenrand.

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Und einen Blick in die geöffneten Höfe gab es gratis dazu. Foto: Gian-Luca Heiser
Und einen Blick in die geöffneten Höfe gab es gratis dazu.

Der Trödelmarkt, der alljährlich entlang der unteren Hauptstraße zwischen Lindenstraße und Friedrichseck sowie zwischen Grundelbachstraße und Erbsenbuckel stattfindet, gilt als einer der größten Flohmärkte der Bergstraße. Das herrliche Spätsommerwetter lockte am Samstag so viele Besucher an, dass es schon um die Mittagszeit recht eng zwischen den Verkaufsständen wurde.

Zwei Haushalte ausgemistet

Bei Tim und Malte in der unteren Hauptstraße ist es jedoch noch recht ruhig. Auf einer Wäscheleine bieten die beiden Freunde eine reichhaltige Auswahl an Herrenhemden, Pullover und sogar ein Hochzeitskleid an. „Wir haben die Kleiderschränke aus zwei Haushalten ausgemistet und unzählige Sachen gefunden, die schon jahrelang nicht mehr getragen wurden“, erzählt Tim. In der Tat tippt man bei der Vielfalt der Kleider und Accessoires, die an manchen Ständen angeboten werden, auf häusliche Aufräumaktionen.

Über allem wacht der Rodensteiner. Foto: Gian-Luca Heiser
Über allem wacht der Rodensteiner.

Gleich neben Malte und Tim hat Sybille ihren Tisch, auf dem sie aufgerollte Spitze und Knöpfe drapiert hat. „Ich komme jedes Jahr zum Rodensteiner Flohmarkt. Dabei geht es mir weniger ums Verkaufen als ums Plaudern mit netten Leuten“, erzählt die Rentnerin.

Als ein Schnäppchen für Liebhaber bezeichnet Stefan seine Legofiguren, die er in der Nähe des Rodensteiner Brunnens anbietet. „Im Vergleich zu eBay bin ich sehr günstig“, erzählt er gerade einem Kunden, der sich trotzdem mit dem Preis nicht einverstanden zeigt. Das Feilschen um Preisnachlass gehört zwar zu einem Flohmarkt, und doch leuchtet es manchmal nicht so recht ein, wenn wahre Schätze viel zu billig angeboten werden. Wie die beiden Porzellanpuppen mit den historischen Kleidern, für die eine junge Frau gerade einmal fünf Euro haben möchte. „Ich bringe die Puppen seit vier Jahren zum Flohmarkt mit und nehme sie abends wieder mit nach Hause. Jetzt möchte ich sie endgültig loswerden“, erzählt sie.

An 250 Ständen gab es alles, was das Herz von Schnäppchenjägern begehrt. Foto: Gian-Luca Heiser
An 250 Ständen gab es alles, was das Herz von Schnäppchenjägern begehrt.

Gegenüber beschreibt ein türkischer Mann lautstark am Handy ein Paar weiße Sneakers, die er kaufen möchte, von denen er aber noch nicht weiß, ob die Größe stimmt. Als „Nerd“ bezeichnet eine junge Mutter augenzwinkernd ihren achtjährigen Sohn, der sich TKKG-Hörspielkassetten anschaut. Nebenan am Stand ist eine junge Kundin happy: Sie hat gerade eine Koffer-Nähmaschine ergattert. Ihre Freundin interessiert sich für die Schürze mit der Aufschrift „Wir kochen vor Wut“. „Die bringe ich meinem Mann mit, der ein leidenschaftlicher Hobbykoch ist“, bemerkt sie.

Traditionell verbunden mit dem großen Trödeln, bei dem man vom zwölfteiligen Familiensilber über einen kleinen Keramikofen bis zu wahren Schätzen an alten Schallplatten auf alles stößt, ist das „Fest der offenen Höfe“. Die Anwohner des romantischen Stadtviertels rund um den Rodensteiner Brunnen laden bis zum Einbruch der Dunkelheit in ihre malerischen Hinterhöfe ein. Im idyllischen Hof der Tannenstraße 10 gibt es leckeren selbst gebackenen Kuchen. Im geschmackvoll begrünten Hof nebenan dampft ein Topf mit Kürbissuppe.

In der Lindenstraße hängt eine alte Lederjacke an der Hauswand. Weiter geht es vorbei an einem Tisch, an dem zwei Frauen Merklin-Bauteile anbieten, bis zum Stand des Ehepaares Maria und Nils. Die beiden sind am frühen Morgen mit zwei vollgepackten Autos angereist. „Wir haben schon gut verkauft“, bemerkt Maria und lacht.

Ein Schwätzchen unter Freunden

Ich schaue in meine Tasche, wo ein grau-blauer Keramiktopf meine einzige Ausbeute darstellt – zumindest materiell. Wenn ich jedoch an all die bekannten Leute denke, die mir begegnet sind und mit denen ich ein Schwätzchen hielt, spätestens dann wird klar, dass der traditionelle Rodensteiner Flohmarkt nicht nur die prickelnde Suche nach Schnäppchen und verborgenen Schätzen darstellt, sondern vor allem ein Stadtfest der multikulturellen Begegnungen ist, an dem man mit netten und interessanten Menschen ins Gespräch kommt.