Tony Marshall und die Luppert-Bauten: Wie der Schlagerstar in Weinheim investierte
Schlagersänger Tony Marshall half 1975, ein großes Bauprojekt in Weinheim zu retten. Heute erinnert sich kaum noch jemand an seinen Einsatz für die Luppert-Bauten. Wie der Star zum Investor wurde und welche Entwicklungen Weinheim in den letzten 50 Jahren geprägt haben.
Weinheim. Unruhig war das Jahr 1975 mit den Aktionen für ein Jugendzentrum in Selbstverwaltung, dem Überlebenskampf der Gesamtschulidee und den Plänen für einen „Stadtdurchbruch“ der B 38 zur Lösung des Ost-West-Verkehrs. Aber auch umtriebig war das Jahr mit der Vollendung und dem Start zahlreicher Projekte in der Kernstadt und den neuen Stadtteilen.
Großkläranlage für die Region
Schon vor 50 Jahren prägten Baustellen das Bild der Stadt. Die größten, in der Mult und beim Bürgerpark, waren noch nicht abgeräumt, da wurden bereits neue eingerichtet. Die bedeutendste lag weit draußen im Westen als Nachbar des Segelflugplatzes: In der Altau wurde mit dem Bau der Großkläranlage Bergstraße begonnen, die einmal die Abwässer von 200.000 Einwohnern reinigen sollte. Grenzüberschreitend hatten sich die Städte Weinheim, Viernheim und Hemsbach, die Gemeinden Birkenau, Hirschberg und Laudenbach, der Heppenheimer Stadtteil Ober-Laudenbach und der Abwasserverband Grundelbachtal in einem beispielhaften Umweltpakt zusammengeschlossen und dafür die besondere Anerkennung ihrer Landesregierungen erfahren. In Wiesbaden und Stuttgart würdigte man die besondere Bedeutung des Projekts für die Flüsse und Bäche in der Region als Beitrag zur Sauberhaltung der Umwelt.
An der Grundsteinlegung Ende Mai 1975 nahm der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Dr. Friedrich Brunner (CDU) teil, in dessen Haus damals Umweltfragen bearbeitet wurden. Die Aufgabe der Abwasserreinigung hat heute einen wesentlich höheren Stellenwert – und ist noch nicht abgeschlossen: Derzeit werden bei der Großkläranlage Bergstraße 40 Millionen Euro in eine vierte Reinigungsstufe investiert, mit der ab 2027 auch Spurenstoffe wie Arzneimittelrückstände, Kosmetika, Mikroplastik und Pflanzenschutzmittel aus dem Abwasser gefiltert werden können.
Aus nach 50 Jahren
Am 1. Juli 1975 nahm die neue „Jugendherberge Weinheim im Freizeitzentrum“ – so ihr offizieller Name – die ersten Gäste auf, am 12. Oktober wurde sie eingeweiht. Dazu kam der baden-württembergische Kultusminister Professor Wilhelm Hahn nach Weinheim. 2,9 Millionen DM hatte das Projekt gekostet. 136 Betten in 35 Zimmern standen zur Verfügung – und wurden gut genutzt. Bis zu 20.000 Besucher zählte das Haus im Jahr. 50 Jahre später ist die Weinheimer Jugendherberge geschlossen. Dass nicht schon 2017 das Licht ausging, lag am damaligen Oberbürgermeister Heiner Bernhard, der die Einrichtung unbedingt erhalten wollte. Im Januar 2020 hatte das bis dahin unbekannte Coronavirus die Welt in eine Krise gestürzt. Im Frühjahr 2022 öffneten die Jugendherbergen wieder – nur nicht in Weinheim, wo man sich inzwischen mit einem Neubau beschäftigte, der zur ersten Inklusions-Jugendherberge in Baden-Württemberg führen sollte.
Dazu hatten sich der Landesverband des Deutschen Jugendherbergswerks, das Pilgerhaus Weinheim und die Gemeindediakonie Mannheim zusammengefunden. Die Projektpartner planten, unterstützt von der Stadt Weinheim, der Hector-Stiftung und weiteren Partnern, eine Einrichtung mit 150 bis 180 Übernachtungsplätzen. Im Inklusionsbetrieb sollten 30 Arbeitsplätze entstehen, die Hälfte davon für Menschen mit Behinderung oder sozialen Nachteilen.
Projekt liegt auf Eis
Mit 15 Millionen Euro Baukosten wurde gerechnet. Die erste inklusive Jugendherberge Baden-Württembergs sollte 2025 eröffnet werden. Doch inzwischen liegt das Projekt auf Eis. Im April vergangenen Jahres verkündeten die Projektpartner, dass die Pläne im Augenblick nicht umgesetzt werden könnten, vor allem wegen der Baukosten- und Zinsentwicklung.
Ganz aufgeben wollen sie das Projekt Weinheim aber nicht: „Wir sind weiterhin von ihm überzeugt und haben vereinbart, zu gegebener Zeit zu überprüfen, ob das Konzept durch eine veränderte Ausgangslage doch noch umsetzbar ist“, erklärten DJH Baden-Württemberg, Pilgerhaus Weinheim und Gemeindediakonie Mannheim.
Inzwischen hat das Pilgerhaus die ehemalige Jugendherberge an der Breslauer Straße als Mieter übernommen und eine sozialpädagogische Wohnform für junge Menschen ab 16 Jahren eingerichtet. Darunter sind auch unbegleitete minderjährige Ausländer.
Schlossgärtnerei
Die Gräflich von Berckheim’sche Schlossgärtnerei ist eng verbunden mit den Namen Paul Zehender und Tasso Dimitroff. Sie musste später einen 1,2 Hektar großen Teilbereich zur Anlage eines Weinbergs abtreten.
Hier reifte bald der „Weinheimer Schlossgarten“, der in der nahen Schlosskellerei vermarktet und im Schlosskeller probiert wurde, neben den Weinen aus den Lagen Hubberg und Wüstberg.
Zu den Erinnerungen an die Weinproben mit dem singenden Kellermeister Hans Todt gehört ein Abend mit dem Ensemble des weltberühmten Zirkus Sarrasani.
Aufatmen im Schlossgarten
Die „alte“ Jugendherberge auf dem Judenbuckel, 1949 als eine der ersten Nachkriegs-Jugendherbergen im Land erbaut, wurde von der Arbeiterwohlfahrt übernommen und zu einer sozialtherapeutischen Einrichtung der besonderen Wohnform für chronisch mehrfach beeinträchtigte Abhängigkeitskranke umgestaltet. Die feierliche Grundsteinlegung erfolgte im Dezember 1975. Die Einrichtung trägt den Namen von Stadtrat Bruno Fritsch, der sich um die Arbeiterwohlfahrt in Weinheim damals sehr große Verdienste erwarb. Am Jahresende 1975 kam von einer jahrelang heiß diskutierten Baustelle die erlösende Nachricht: Gefahr einer Wohlstandsruine abgewendet, Schlossgarten-Bebauung abgeschlossen. Bis heute tragen die Baukörper im einstigen Gräflich von Berckheim’schen Schlossgarten zwischen Lützelsachsener Straße und Freudenbergstraße den Namen des südpfälzischen Bauträgers, der Ende 1973 mit seiner Insolvenz einen Schock verursacht hatte: die Luppert-Bauten. Verblasst dagegen ist die Erinnerung an einen der Investoren, die das Projekt gerettet haben: Herbert Anton Hilger, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Tony Marshall. Der populäre Schlagersänger hat Block 4 an der Südostecke des Geländes und die letzten Reihenhäuser fertiggestellt. Die „Schöne Maid“, mit der er 1971 den Durchbruch schaffte, wurde schon im ersten Jahr mehr als eine Million Mal verkauft und hat ihm sicher dabei geholfen, seine Weinheimer Pläne abzuschließen. Fertiggestellt war Ende 1975 auch der Fußgängertunnel unter der inzwischen verbreiterten Lützelsachsener Straße vom Schlosspark-Parkplatz zur Wohnanlage. Baustellen gab es auch in den neuen Stadtbezirken. Lützelsachsens Fußballer sahen ihre Zukunft nicht auf dem Sandloch-Sportplatz, sondern auf der Waid, der TC Lützelsachsen weihte seine neue Anlage an der Waidallee ein, für das katholische Gemeindezentrum wurde der Grundstein gelegt.
Mächtig Grund zur Freude
Hohensachsen blieb bei der Langewiesen-Planung und feierte drei Tage lang den 125. Geburtstag seines MGV 1850, der seit der Gemeindereform Weinheims zweitältester Verein ist – nach der Casino-Gesellschaft von 1812 und der TSG 1862 Weinheim. Sulzbach freute sich über das neue Feuerwehrgerätehaus und den Startschuss für das neue katholische Gemeindezentrum. In Rippenweier und Ritschweier begannen die Arbeiten für den Anschluss an die städtische Kanalisation. In Rippenweier wurde das neue Sportlerheim bezogen, Ritschweier feierte den 50. Bürgerball. In Oberflockenbach freuten sich die Protestanten über ihr neues Gemeindezentrum, das Dietrich-Bonhoeffer-Haus. Für das Vereinsheim des TV Wünschmichelbach wurde der Grundstein gelegt. (ell)