DUG-Rhein-Neckar

Ukraine-Hilfe in Hemsbach: Ehrenamtliche kämpfen gegen Spendenflaute

Die Spenden für die Ukraine-Hilfe sind stark zurückgegangen – doch in Hemsbach hält ein kleines Team unbeirrt an seiner Mission fest.


Matthias Kranz
von Matthias Kranz

10.10.2025


Nazar Sachko (links) bringt Stoffballen und Kindernahrung zu Mykola Karpuntsov, der am Sonntag bei der Sammelstelle der Ukraine-Hilfe auf dem ehemaligen FDT-Gelände in Hemsbach die Stellung hält. Foto: Matthias Kranz
Nazar Sachko (links) bringt Stoffballen und Kindernahrung zu Mykola Karpuntsov, der am Sonntag bei der Sammelstelle der Ukraine-Hilfe auf dem ehemaligen FDT-Gelände in Hemsbach die Stellung hält.

Hemsbach/Rhein-Neckar. Seit dreieinhalb Jahren wütet der Krieg in der Ukraine. Anfänglich war die Spendenbereitschaft in der deutschen Bevölkerung, bei Firmen, Einrichtungen und Hilfsorganisationen groß. Das hat sich verändert. Unter der Schirmherrschaft der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft (DUG) werden dennoch weiterhin humanitäre Hilfsgüter gesammelt, um die bedrängten Landsleute zu unterstützen. Auf dem ehemaligen FDT-Gelände an der Reichenberger Straße in Hemsbach unterhält die DUG Rhein-Neckar aktuell ihre einzige Abgabestelle und ihr einziges Lager im Kreisgebiet.

Es quillt nicht gerade über vor Produkten. Ein paar Schränke, zwei Dutzend Sauerstoffflaschen und Masken für Feuerwehrleute verlieren sich mehr in dem großen Raum, als dass sie ihn füllen. Das Lager wurde ihnen vom Eigentümer der Gewerbebrache, der Wohnungsbaugenossenschaft Familienheim Rhein-Neckar, unentgeltlich überlassen. Mykola Karpuntsov, als Projektleiter bei der Ukraine-Hilfe für die Logistik verantwortlich, zuckt mit den Schultern. „Es ist nicht viel los heute“, sagt er. Jeden Sonntag in der Zeit von 12 bis 16 Uhr ist die Abgabestelle geöffnet. In den ersten eineinhalb Stunden kommt niemand.

Im vierten Kriegsjahr

Dann fährt ein Sprinter vor. Nazar Sachko bringt aus Mannheim einige Hilfsgüter vorbei, die er über den Stadtteilverein Neuostheim gesammelt hat. Darunter säckeweise Schuhe und auch mehrere Dutzend Stoffballen, die ein Ausbildungsbetrieb für angehende Schneider gestiftet hat. Karpuntsov, der mit seiner Kollegin Iryna Shtefaniuk an diesem Tag hier die Stellung hält, ist ein wenig skeptisch, ob seine Landsleute etwas mit den Stoffen anfangen können. „Da muss ich erst einmal bei den Partnerorganisationen nachfragen, ob das gebraucht wird“, sagt er und zieht mit den Händen ein Stück Stoff von einem Ballen. „Vielleicht ist das als Schutz vor Drohnen zu gebrauchen“, überlegt er.

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Sachko bringt auch einen großen prall gefüllten Karton mit Kindernahrung mit. Der ist gut, wie ein kurzer prüfender Blick der beiden auf das Verfallsdatum der Breidöschen, Trockenmilchkartons und Haferflocken zeigt. Lang haltbare Lebensmittel wie Mehl, Nudeln, Reis, Fleisch- oder Fischkonserven, Instandsuppen oder -kaffee, Energieriegel und Nüsse gehören zu den bevorzugten Produkten, die die DUG für ihre bedrängten Landsleute sammelt. Auch Tierfutter und Hygieneartikel werden angenommen. Im vierten Jahr des „großen Krieges“, wie Karpuntsov es formuliert, stehen vor allem aber medizinische Produkte hoch im Kurs: Schmerz- und Erkältungsmittel, blutstillende Präparate, Verbandszeug aller Art, Rettungsdecken, Schutzhandschuhe. Gefragt sind auch Generatoren, Powerbanks, Akkus und Taschenlampen. Kleidung und Möbel sammelt die DUG dagegen in der Regel nicht. Kleiderspenden hätten sich als schwierig erwiesen, sagt der ehrenamtliche Helfer, der von Anfang an dabei ist.

Die Hälfte der Kleiderspenden sei nicht brauchbar gewesen und hätte entsorgt werden müssen, gibt er seine Erfahrung wieder. Möbeltransporte seien zu aufwendig, oftmals seien früher auch zerlegte Möbel abgegeben worden, die man nicht mehr aufgebaut bekommen habe. Die Arbeit der Ukraine-Hilfe hat sich in den vergangenen dreieinhalb Jahren stark verändert. Unmittelbar nach Ausbruch des Krieges habe es eine große Spendenbereitschaft gegeben, erinnert sich der 41-Jährige, der seit knapp zehn Jahren in Deutschland ist. Hilfstransporte in seine einstige Heimat seien 2022 noch sehr einfach gewesen, erzählt er.

Heute würden an den Grenzen Deklarationsbescheinigungen und vollständige Zollpapiere verlangt. Karpuntsov ist von Beruf Finanzcontroller und kein Spediteur. „Wir waren am Anfang Volontäre“, sagt er und fügt augenzwinkernd hinzu: „Heute sind wir gehobene Volontäre.“ Wenn Sachspenden eingehen, kommen die oft von Firmen oder Einrichtungen, wie zwei Lkw-Ladungen mit Arbeitskleidung, die ein Hersteller ausgemustert habe. Dabei handelte es sich um seltene Größen, sehr kleine Hosen, Jacken oder T-Shirts oder solche für stark übergewichtige Personen. Die DUG wusste sich zu helfen. Die kleinen Größen gingen an Kinder in Heimen, die sich über die warmen und qualitativ guten Jacken gefreut hätten, wie Karpuntsov sagt, die Übergrößen seien in Krankenhäusern verwendet worden.

Löschfahrzeug und Rollstühle

Die DUG setzt auf die in dreieinhalb Jahren gewachsene Zusammenarbeit mit Organisationen aus der Ukraine. Diese seien überprüft worden und hätten sich bewährt.

Die Arbeit der Helfer konzentriert sich dabei mehr und mehr darauf, größere und teure Hilfsgüter zu organisieren. So habe man gerade für 10.000 Euro ein gebrauchtes Löschfahrzeug in Osnabrück erworben, sagt Karpuntsov. Helfer aus Rheinland-Pfalz prüfen das Gefährt und überführen es, zusammen mit Sauerstoffflaschen und Masken.

Jeder Lkw-Transport kostet 3.000 bis 4.000 Euro, rechnet Karpuntsov vor, da lohnt es sich schon, jeden verfügbaren Platz zu nutzen. Abgeschlossen hat die DUG ein weiteres Projekt: Für ein Basketballteam aus Kriegsinvaliden, denen Gliedmaßen amputiert werden mussten, wurden zehn „aktive Rollstühle“ organisiert und in die Großstadt Rivne im Nordwesten der Ukraine gebracht. 2.000 Euro habe ein Rollstuhl gekostet, sagt Karpuntsov. Er stammt aus Nischyn, einem Ort nördlich von Kiew. Seine Eltern leben noch dort und berichten von Drohnen, die den Ort Richtung Hauptstadt überfliegen. Sein Land sei ein Schutzschild für ganz Europa: Die Ukrainer kämpften nicht nur für sich, sondern dafür, dass die Werte der demokratischen und zivilisierten Welt erhalten blieben. Hoffnung auf Frieden habe er immer, bemerkt Karpuntsov. Aktuell sieht er allerdings keine Bereitschaft Russlands für eine Verhandlungslösung. Und so arbeitet die DUG Rhein-Neckar als kleines Rädchen weiter für zivile Hilfen an ihre Landsleute.

Viele Lieferungen

2022 bekam die DUG Rhein-Neckar Geldspenden von einer Million Euro, heute freue sich seine Organisation schon darüber, wenn sie bei einem Infostand auf dem Heidelberger Herbst 500 Euro an Spenden erhalte. Seit Kriegsausbruch im Februar 2022 hat die DUG Rhein-Neckar 211 Hilfslieferungen in die Ukraine geschickt, darunter 118 größere Lastwagenladungen sowie 93 weitere Lieferungen in Sprintern und Autos. 84 Fahrzeuge wurden gekauft und überführt, darunter 30 Rettungsfahrzeuge für Feuerwehren und Krankenhäuser. Aktuell sammelt die DUG Geld für ein Ultraschallgerät für ein Krankenhaus in Odessa, ein Löschfahrzeug für Sumy und einen Pick-up für den Katastrophendienst in der Region Tschernihiw. Rund 30.000 Euro werden dafür benötigt.