Vom Tresor bis zur Reichsbürger-Wohnung: Vor diesem Mann ist kein Schloss sicher
Karl-Heinz Volk ist ein Meister der Schlösser, der mit seinen Fähigkeiten und Erfindungen selbst die kompliziertesten Mechanismen knackt. Von Gerichtsvollziehern beauftragt, um Zugang zu Objekten zu ermöglichen, bis hin zur Ausbildung von Polizei und Militär, ist Volks Expertise weit gefragt. In einer kürzlichen Begegnung in Oberflockenbach lüftete er das Geheimnis eines historischen Tresors.
Vor Karl-Heinz Volk ist kein Schloss sicher. Mit Falldraht, Bohrer und Dietrich knackt er jeden Mechanismus. Dafür nutzt der Schlossermeister sogar eigene Erfindungen. Er verschafft Gerichtsvollziehern Eintritt in Objekte, hilft ausgesperrten Menschen in ihre Wohnungen und lüftet dabei so manches Geheimnis. Als Seminarleiter ist der Ravensburger im ganzen deutschsprachigen Ausland unterwegs und bildet Polizei, Militär und Spezialeinheiten in seinen Künsten aus. In Weinheim gab er den regionalen Feuerwehren einen Kurs für Notfall-Türöffnungen (Bericht folgt). Während seines Besuchs machte er auch in Oberflockenbach Halt: Dort lüftete er das lange gehütete Geheimnis des historischen Tresors in der Verwaltungsstelle.
Es war nicht das erste Mal, dass der eingefleischte Profi zum Jäger des vermuteten Schatzes wurde. Eines Tages ereilte ihn der Anruf eines Notars aus Biberach. Dessen Mandant, ein reicher Mann, war ums Leben gekommen. Das große Anwesen ging an die nächsten Verwandten über. Samt allem, was sich in ihm befand – auch der Tresor im Keller. Doch fehlte der Schlüssel. Karl-Heinz Volk übernahm den Fall.
Immer mehr Einsätze
- Für die Feuerwehr spielen Notfall-Türöffnungen eine zunehmend wichtigere Rolle.
- „Sie ist mittlerweile Kernaufgabe“, erklärt Alexander Bartmann, stellvertretender Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Laudenbach.
- Von den 31 Einsätzen, die die Feuerwehr Laudenbach in diesem Jahr hatte, waren sechs Türöffnungen.
- Die Abteilung Stadt in Weinheim kam bei ihren 472 Einsätzen auf 64, bei denen sie den Zugang zu einer Wohnung verschaffen mussten.
- Die Tendenz: steigend. „Das hat mit dem demografischen Wandel zu tun“, erklärt Feuerwehrmann Bartmann.
- Immer mehr Senioren, das bedeute auch immer mehr Menschen, die zurückgezogener und einsamer leben. gab
Um einen Tresor zu knacken, so erklärt Volk, müsse man seine Mechanik kennen und herausfinden, wo das Schloss verläuft. Das ist wichtig, um die Stellen ausfindig zu machen, an denen der Bohrer angesetzt werden muss. Filigrane Öffnungen, gerade einmal wenige Millimeter groß, werden in die Tür gebohrt. „Doppelbart, elektronisches oder mechanisches Zahlenschloss: Wenn man weiß, wie es geht, kann man jeden Tresor öffnen“, so der Schlossermeister. Diese Technik könne natürlich auf ihre Grenzen stoßen: „Einen Sparkassentresor bekommt man so nicht auf, da ist zu viel Beton verbaut“, erklärt er.
Streich aus dem Grab
Wohl aber die mutmaßliche „Schatzkiste“ im Keller des Biberacher Anwesens: „Die Erbberechtigten hatten die Hoffnung, dass sich im Tresor größere Mengen an Bargeld befinden könnten“, sagt Volk. Bargeld: ja. Größere Mengen: nein. Als sich die Tür öffnete und das Geheimnis lüftete, befand sich ein einziges Pfennigstück im Inneren. „Damit wollte er seinen Verwandten mit Sicherheit ein Ei legen“, erzählt Volk und lacht.
Der Schwabe ist seit 40 Jahren im Geschäft des Schlüsselnotdienstes. Der Berufsalltag, er bringt schöne Momente und dramatische Schicksale, witzige Anekdoten und spannende Geschichten mit sich. Einmal wurde der Schlossermeister von einem Zwangsvollstrecker engagiert. Die Mission: die Wohnung eines Reichsbürgers knacken. Der Schließmechanismus der Tür stellte freilich kein unüberwindbares Hindernis dar. Wohl aber die Hölzer, mit denen der Reichsbürger den Eingang doppelt und dreifach verbrettert hatte. „Ein richtig schwerer Balken und zwei Stützbalken“, so Volk.
Über die Tür in die Wohnung eindringen: aussichtslos. Und nun? „Na, dann sind wir halt übers Fenster rein“, erzählt der Schwabe trocken. Mit einer sogenannten Diamantbohrkrone wird ein sauberer Kreis gebohrt. Ähnlich, wie man es mit dem Glasschneider von Filmen wie Mission Impossible kennt. Einmal mit der Hand durchs Loch und nach dem Hebel des Fensters gegriffen, lässt dieses sich mühelos öffnen.
In den seltensten Fällen weiß Karl-Heinz Volk, was ihn hinter verschlossenen Türen erwartet. Insbesondere bei Einsätzen mit Polizei und Feuerwehr können sich Abgründe auftun. „Messiewohnungen sind ganz schlimm“, sagt er. Den „grauenhaften Gestank“, der sich in häuslichen Müllhalden bildet, bekomme man tagelang nicht aus der Nase.
"Könnte auf der Stelle heulen"
Viel schmerzlicher seien natürlich die menschlichen Tragödien, die der Schlossermeister hinter mancher verschlossener Tür findet. Nicht immer sind die Bewohner noch am Leben. Dabei handelt es sich meist um Menschen, die in Isolation leben, bei denen keinem Freund, keinem Angehörigen auffällt, dass sie plötzlich nicht mehr da sind. Bei diesen Menschen wird oft erst die Polizei gerufen, wenn der Leichengeruch die Nachbarn zum Hörer greifen lässt. Mit diesen Schicksalen kommt Karl-Heinz Volk mittlerweile ganz gut zurecht.
So schön er seinen Job findet: Er erfordert auch ein dickes Fell. Das Leid der Angehörigen jedoch geht ihm auch nach all den Jahrzehnten unter die Haut. Wenn er über solche Fälle spricht, bei denen es Hinterbliebene gibt, merkt und sieht man es dem Schlossermeister an. „Wenn ich jetzt daran denke, könnte ich auf der Stelle anfangen zu heulen“, sagt er, als er von dem Fall eines Vierjährigen erzählt, der unter dramatischen Umständen zum Halbwaisen wurde.
Und dennoch: Es sei auch ein wahnsinnig dankbarer Beruf. „Wir machen die Leute schon glücklich, wenn wir ihnen Türen öffnen“, so Volk. Besonders, wenn sie aus ihrer misslichen Lage geholfen bekommen – ohne sie dabei auszunehmen: „Bei all den Medienberichten über Menschen, die von Schlüsselnotdiensten über den Tisch gezogen werden, freuen sie sich richtig über einen vernünftigen Preis.“ Und für glückliche (wenn womöglich auch leicht enttäuschte) Gesichter, sorgte Volk nun auch in Oberflockenbach.
Zwei Löwen hüten die Schlösser, zwei Schlüssel entriegeln die Tür. Doch Ortsvorsteherin Heide Maser (CDU) besitzt nur einen der beiden. Der andere Schlüssel: spurlos verschwunden. Der weiße Tresorschrank in der Verwaltungsstelle Oberflockenbach gab schon Generationen von Ortsvorstehern und Bürgermeistern Rätsel auf. Auch Heide Maser kennt das mysteriöse Objekt bereits, seit sie im Jahr 1999 dem Ortsbeirat beitrat.
Was ist im Tresor?
Da wird natürlich spekuliert: „Klar haben wir darüber gesprochen, was im Tresor wohl drin sein könnte – vielleicht etwas Wertvolles?“ Die Oberflockenbacher wollten es endlich herausfinden. Wie gut, dass Feuerwehrsprecher Ralf Mittelbach den perfekten Mann für den Job kannte: Karl-Heinz Volk. Aber selbst der eingefleischte Profi hat mit dem Tresor aus dem Jahr 1913 seine Mühe: „Es war ein harter Fall.“
Kurzzeitig zweifelte Volk an sich selbst. Dann kam ihm ein Verdacht: „Irgendein Maler hat über alle Schnittstellen gepinselt. Die Farbe ist in die Ritzen geflossen.“ So viel war klar. Aber hat er die Tür tatsächlich so stark verklebt, dass sie sich selbst mit größter Mühe nicht aufreißen ließ? Tatsächlich war das der Fall. Die Masse herauszukratzen, sei alles andere als einfach gewesen. Als es geschafft war, kamen Schutzholz und schwerer Hammer zum Einsatz, mit dem auf das Schloss geschlagen wurde. Die Tür sprang trotzdem nicht auf. Ralf Mittelbach legte Hand an: „Er hat gezogen wie ein Bergochse“, so Karl-Heinz Volk. „Und man sieht dem Mann ja an, dass er Kraft hat.“
Endlich öffnete sich die Tür. Das Geheimnis wurde gelüftet. Ein ernüchternder Moment: „Die Hausherrin war schon enttäuscht“, so Volk. Denn der Tresor war leer. Lediglich alte Zeitungsschnipsel klebten an der Tür. Diese will Heide Maser in den kommenden Tagen auswerten. Man darf also bei aller Enttäuschung trotzdem gespannt bleiben.