Weinheim

Warum es in Weinheim mit dem E-Rezept nicht klappt

Gesundheitsminister Karl Lauterbach erklärt die digitale Medikamentenverordnung für massentauglich. Doch nur wenige Arztpraxen können mit dem Versprechen für den 1. Juli Schritt halten.

Mit einer App können E-Rezepte auf dem Handy aufgerufen werden. Foto: Gabriel Schwab
Mit einer App können E-Rezepte auf dem Handy aufgerufen werden.

Die gelben und roten Papierformulare und der Nadeldrucker haben in den Arztpraxen noch lange nicht ausgedient. Zwar wird am 1. Juli die nächste Stufe des E-Rezeptes gezündet. Doch sind die meisten Weinheimer Hausärzte noch nicht für den digitalen Sprung bereit. Überhaupt werden die Rezepte zum überwiegenden Teil noch auf Papier ausgestellt. „Wir haben vielleicht zwei E-Rezepte in der Woche“, erzählt etwa Anne Katrin Frauenkron von der Birken-Apotheke.

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Karte als Schlüssel

Das Ganze funktioniert folgendermaßen: Statt das Rezept wie gewohnt am Nadeldrucker auf Papier zu bringen, übermitteln Ärzte die Daten auf einen zentralen Server. Patienten ist es dann möglich, E-Rezepte mit der Smartphone-App „Das E-Rezept“ oder mit einem Ausdruck mit entsprechendem Code in den Apotheken einzulösen. Diese Technik ist grundsätzlich seit Monaten verfügbar. Ab dem 1. Juli soll es für Patienten noch einfacher werden. Dann wird die Versichertenkarte reichen, um sich ein Medikament in der Apotheke zu holen. Diese, so erklärt Apothekerin Frauenkron, funktioniert wie ein Schlüssel, der das Abrufen der Rezeptdaten vom zentralen Server erlaubt.

Einer von zehn

Doch zum Einlösen eines E-Rezeptes müssen diese auch ausgestellt werden können. Und hier halten die Arztpraxen nicht mit dem Versprechen des Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD) Schritt. Dieser sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland vor kurzem: „Das E-Rezept ist endlich alltagstauglich.“ Hat sich der Minister verzettelt? Die Realität sieht nämlich anders aus. Dr. Friedrich-Karl Schmidt vom hiesigen Ärzteverein regiomed schätzt, dass in Weinheim nur jede zehnte Hausarztpraxis in der Lage ist, E-Rezepte auszustellen. Mit Blick auf den 1. Juli erklärt auch Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg: „Wenn überhaupt, können die E-Rezepte nur sehr vereinzelt ausgestellt werden.“ Wie der Sprecher erläutert, brauchen die Mediziner dafür zwei Dinge: Infrastruktur und Software. Erstere wird über die sogenannte Telematik (eine Technik aus Telekommunikation und Informatik) gewährleistet, die in den meisten Praxen schon installiert ist. Mit ihr ist es möglich, die Rezeptdaten auf einen zentralen Server zu übermitteln und zu verschlüsseln. Zum anderen benötigen Ärzte aber eine aktuelle Anwendungssoftware. Und über diese verfügen „bisher nur wenige“, sagt Sonntag.

Falsche Erwartungshaltung

Das Hardware-Software-Problem spiegelt sich auch in einer Umfrage unter den Weinheimer Ärzten wider. Diese beklagen, dass die digitale Transformation sehr aufwendig ist und Ressourcen binde. Julian Renzland beispielsweise eröffnete mit seiner Frau Dr. Hannah Renzland erst vor einem Jahr die gemeinsame Praxis in der Königsberger Straße. In dieser Zeit mussten sie mächtig nachrüsten: „Wir hatten das Pech, eine völlig analoge Praxis zu übernehmen“, so Renzland. Die Installation der Telematik und der Software für elektronische Krankschreibungen habe jede Menge Zeit gekostet.

Kostet Nerven

Und Nerven: Denn Informationstechniker stünden nicht immer zur Stelle. Ist doch einer verfügbar, müsse Renzland oder ein medizinischer Mitarbeiter seine Arbeitszeit investieren. „Es gab viele Mittagspausen, die wir am PC verbrachten“, sagte Julian Renzland. Er empfindet auch die Kommunikation seitens des Bundesgesundheitsministeriums als defizitär: „Wir bekommen Informationen sehr verspätet.“ Von vielem erführen Ärzte aus der Presse. Besonders ärgerlich dabei sei: „Es wird eine Erwartungshaltung geschaffen, die die Ärzte ausbaden müssen.“ Stünde das Mediziner-Ehepaar heute noch einmal vor dem Entschluss eine eigene Praxis zu eröffnen, Renzland wüsste nicht, wie die Entscheidung ausfallen würde.

Technische Schikane

Auch Dr. Friedrich-Karl Schmidt vom Ärzteverein sieht die Gefahr, dass Medizinern die Selbstständigkeit durch technische und bürokratische Hürden zunehmend unattraktiver gemacht wird. „Nach außen hin entsteht das Bild, dass die Ärzte den Digitalisierungsprozess bremsen wollen, aber das stimmt nicht. Viele sind einfach überfordert, die Anforderungen bremsen den Arbeitsablauf.“ Das E-Rezept sei von der Sache her vernünftig. Bei der Umsetzung würde Schmidt sich jedoch wünschen, dass das Gesundheitsministerium den Blickwinkel derer einnimmt, die schlussendlich die Arbeit machen. „Es wurde einfach viel zu lange von oben gedacht.“

Besondere Herausforderung

Eine besondere Herausforderung stelle auch der Umgang mit und die Aufklärung von älteren Menschen dar. „Für Arztpraxen bedeutet das E-Rezept ganz klar: Sie müssen mit jedem Rentner darüber reden“, so Schmidt vom Ärzteverein. Apothekerin Anne Katrin Frauenkron teilt diese Sorge: „Das muss man Senioren erst einmal vermitteln. Für sie ist es ungewohnt, dass sie ihren Hausarzt verlassen, ohne ein Rezept in der Hand zu haben.“ Frauenkron hat die Befürchtung, dass dadurch gerade bei sehr alten Patienten Ängste entstehen. Und dass nicht-technikaffine Menschen abgehängt werden.