Warum sich immer mehr Weinheimer über Hundehaufen ärgern
Alarmstufe Kot: Nicht nur bei Anwohnern der Friedrichstraße sorgen die Tretminen für Frust. Was das Problem mit den bunten Kreidekreisen auf der Straße zu tun hat.
Den Caspers stinkt’s – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Seit geraumer Zeit hat das Ehepaar aus der Friedrichstraße mit der Geruchsbelästigung durch Hundehaufen zu kämpfen. An heißen Tagen, wie die Region sie derzeit erlebt, ist das Problem mit dem Gestank besonders schlimm. Dann herrscht im Garten der Caspers Alarmstufe Kot: „Dabei ist im Sommer hier draußen unser Wohnzimmer“, erzählt Sabine Casper im Gespräch mit den WN.
Problemstelle Friedrichstraße
Wer dieser Tage durch die Friedrichstraße spaziert ist, dem sind sie vielleicht aufgefallen. Bunte Kreidekringel waren an allen Ecken und Enden zu sehen – auf dem Bürgersteig, der Straße und der Nähe der Grünstreifen. Sie markierten die Stellen, an denen Hundehalter die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner haben liegen lassen. Und womöglich fühlte der eine oder andere sich durch die Kreidekreise zurückerinnert. An die Zeit, in der die farbenfrohen Markierungen bereits die Straßen der Altstadt pflasterten. „Wir hatten hier sehr viele Hundehalter, die sich nicht bemüßigt gefühlt haben, hinter ihren Tieren aufzuräumen. Auf gut Deutsch: Es war richtig verschissen“, sagt Anwohnerin Eveline Rabe. Wenn die Weinheimerin sich auf ihren Nachhauseweg durch die Judengasse begab, habe sie „extrem aufpassen müssen“, nicht in eine der vielen Tretminen hineinzutappen. Eine Freundin aus dem Sigmund-Hirsch-Platz hat schließlich die rettende Idee gehabt. Sie zog mit Kreide Kreise um die Hundehaufen, um das Problem sichtbarer zu machen. Mit Erfolg: „Hundehaufen sieht man nur noch vereinzelt“, berichtet Rabe.
Trick 17 schlägt fehl
Den Trick versuchte auch Sabine Casper, die mit einer Eselsgeduld die Friedrichstraße auf und ab gelaufen war, und die Haufen markierte – leider ohne sichtbare Besserung. Am Tag des Besuches unserer Zeitung zählte sie allein im unteren Bereich der Friedrichstraße zwischen der Ecke Bergstraße und dem Werner-Heisenberg-Gymnasium 25 Häufchen. „Ich habe früher alles mit der Schaufel weggemacht. Aber irgendwann reicht es auch“, ärgert sich Casper. Und es seien ja auch nicht nur sie betroffen, ergänzt Ehemann Wolfgang. Direkt nebenan sei das Gymnasium mit rund 1000 Schülern, gegenüber die Kita Regenbogenland und in unmittelbarer Nähe der Bürgerpark mit Hort und Krippe. „Sie alle müssen tagtäglich die Haufen umschiffen“, so Wolfgang Casper.
Nicht nur Kinder: Er spricht auch von Rollstuhlfahrern und Sehbehinderten, die den Haufen kaum ausweichen, beziehungsweise diese nicht erkennen können. Auf das Verhalten angesprochen, reagierten die Hundehalter mitunter mit frechen Antworten. Obwohl er darauf bedacht gewesen sei, „nicht belehrend, sondern ganz normal mit ihnen zu reden“. Als eine besonders dreiste Entgegnung habe er den Satz empfunden: „Ich zahle doch Hundesteuer, ich darf das liegen lassen.“
Jährlich gehen 264 000 Euro an die Stadt
Im Jahr 2022 lagen die Erträge des Rathauses bei circa 264 000 Euro, wie dessen Sprecher Roland Kern mitteilt. Er unterstreicht jedoch: „Hundebesitzer erkaufen sich damit nicht das Recht, den Hund sein Geschäft auf der Straße oder auf dem Gehweg verrichten zu lassen.“
Die Caspers wendeten sich jüngst an die Stadtverwaltung, da ihnen scheint, dass das Problem im Laufe der Jahre immer schlimmer werde. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass die Zahl der Vierbeiner über Corona tatsächlich stark gestiegen ist. Waren es 2019 noch circa 1900 Hunde, betrug ihre Anzahl 2022 insgesamt 2200 – circa 16 Prozent mehr. Hinzu kommt die Dunkelziffer von nicht angemeldeten Vierbeinern.
Circa 70 Beutelspender
Zwar gebe es in Weinheim mit insgesamt 70 sogenannter Hunde-Kot-Stationen, also Beutelspendern mit Müllbehältern, auch immer mehr Möglichkeiten zur Entsorgung. Die Stadt stelle jedoch nicht fest, „dass im Umfeld dieser Angebote weniger Hundekot herumliegt“, erklärt der Rathaussprecher. An der OEG-Haltestelle in Hohensachsen ist, trotz Kotbeuteln, ein ganz anderes Problem zutage getreten, wie unsere Zeitung gestern eine Leserin informierte.
Diese sendete ein Bild von einem Kanalgitter unterhalb der Feuerwache Süd, das völlig mit gefüllten Kottütchen und Stroh vollgestopft ist. „Das muss jetzt der Bauhof entsorgen, damit es keine Probleme in der Kanalisation gibt“, berichtet sie nach ihrem Gespräch mit der Ortsvorsteherin. „Das ist doch einfach unverschämt und rücksichtslos!“, ärgert sich die Leserin.
Frust wandert nach Lützelsachsen
Der Frust wandert weiter Richtung Lützelsachsen, wie die WN bereits im März berichtete. Dort hatte an den beliebten Routen in den Weinbergen eine Gruppe, die sich selbst einfach als „Hundemenschen“ bezeichnet, mit einer Aktion für Aufsehen gesorgt. Unter dem Motto „Macht keinen Scheiß“ hatten diese die Tretminen mit weißen Tüchern versehen, um auf das Problem aufmerksam zu machen.
„Wir haben großes Verständnis für die Verärgerung der Anwohner, Hundekot auf den Straßen und Gehwegen ist einfach nur ekelhaft“, erklärt Rathaussprecher Roland Kern. „Für die Kollegen unserer Straßenreinigung im Übrigen auch.“ Das Problem sei jedoch nicht über die kommunale Ebene, sondern nur über Rücksichtnahme zu lösen. „Wer in der Stadt einen Hund hält, für den sollte selbstverständlich sein, dass er die Mitmenschen nicht mit deren Hinterlassenschaften belästigt.“
Ahndung fast unmöglich
Abgestraft wurde in Weinheim noch kein einziger Halter eines Vierbeiners. „Auf dem Papier ist das Hinterlassen von Hundekot eine Ordnungswidrigkeit“, so Kern. „Aber eine Ahndung ist in der Praxis fast nicht möglich.“ Da müsste man einen Hund schon „in flagranti“ erwischen. Und in diesem Fall habe der Hundehalter dann ja immer noch die Möglichkeit, die Hinterlassenschaften zu beseitigen. Fußgängerzone, Entengassse, Hauptstraße, Stadtgarten und Burgpfad – in der Kernstadt und in den Ortsteilen: Die Liste an Stellen, an denen die Häufchen für einen Haufen Ärger sorgen, ist endlos. Das Rathaus steht in Anbetracht seiner Möglichkeiten vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Wie hatte es der Stuttgarter Ex-Oberbürgermeister Manfred Rommel einmal treffend formuliert? „Des Bürgermeisters täglich Brot, ist und bleibt der Hundekot.“