Leinen, Haufen und Giftköder: Das Thema Hund polarisiert die Weinheimer
Wenn es um das Thema Vierbeiner geht, stehen viele Weinheimer auf dem Kriegsfuß. Das wurde zuletzt bei emotionsgeladenen Debatten um die geplante Leinenpflicht und den Ärger über den vielen Hundekot auf den Straßen deutlich.
Wenn es um das Thema Vierbeiner geht, stehen viele Weinheimer auf dem Kriegsfuß. Das wurde zuletzt bei emotionsgeladenen Debatten um die geplante Leinenpflicht und den Ärger über den vielen Hundekot auf den Straßen deutlich.
Im Rahmen von Berichterstattungen werden unserer Redaktion in Gesprächen und Stellungnahmen immer wieder hitzige Auseinandersetzungen auf den Straßen und in der Natur geschildert – sowohl von Hundebesitzern, als auch Anwohnern, Passanten und Spaziergängern. Dabei waren auch immer wieder strafrechtlich relevante Themen Gegenstand, etwa Bedrohungssituationen und Giftköder-Anschläge, wie es sie beispielsweise in Lützelsachsen und der Kernstadt gegeben hat (wir haben berichtet).
Einseitige Sichtweise
Weinheimerin Rita wendete sich jüngst mit einem Brief bei der Redaktion zu Wort. Ihr Anliegen: Die Diskussion um eine Leinenpflicht für die Zweiburgenstadt. Weil die 67-Jährige sich um die Gesundheit ihres eigenen Vierbeiners sorgt, hat sie darum gebeten, dass nicht ihr echter Name veröffentlicht wird. „Ich will mich eigentlich nicht verstecken, ich stehe zu meiner Meinung. Aber wir hatten hier im Ortsteil schon mehrere Fälle von Giftködern und ich will das Wohl meines Hundes nicht gefährden“, beteuert sie. Dennoch wolle sie sich in die Diskussion um die Leinenpflicht, die noch in diesem Jahr im Gemeinderat thematisiert werden soll, einbringen. Vor allem, weil ihr bei der einschlägigen Meinung von Behörden, Verbänden und Vereinen, die die Pflicht befürworten, die Sicht der Hundebesitzer zu kurz kommt. In einem Brief an die Stadtverwaltung bittet sie formal darum, angehört zu werden.
Im WN-Gespräch drückt Rita Unverständnis über den Leinen-Vorstoß aus. Vor allem, weil es ihrer Meinung nach in Weinheim keine wirklichen Optionen gebe, um den Vierbeiner auch einmal frei laufen zu lassen. „Die Gemeinde Weinheim schafft es nicht, ein ordentliches Angebot zu schaffen“, sagt die 67-Jährige auch mit Blick auf die gescheiterte Initiative für eine Hundewiese. Lorsch, Ladenburg, Heidelberg: Dort gebe es überall (Hunde-)wiesen, auf denen die Tiere frei herumtollen können. In Weinheim gibt es kein entsprechendes Angebot. Dabei gehe es ihr ums Wohl der Lebewesen: „Der Hund ist ein Läufer und kein Tier, das nur an der Kette hängt.“
"Wir werden überall angefeindet"
Die Leinenpflicht kurz erklärt
Jüngst wurde wieder die Forderung nach einer Leinenpflicht laut – und zwar an zwei Fronten. Jäger und Landwirte wurden nach Angaben des Rathauses bei Oberbürgermeister Manuel Just vorstellig und forderten ein Verbot von freilaufenden Hunden für Feld, Wald und Flur auf der gesamten Weinheimer Gemarkung.
Ende Juli richtete sich auch die Rehkitzrettung Weinheim und Umgebung in derselben Sache an OB und Stadtratsfraktionen – jedoch mit einem Kompromiss-Konzept. Dieses sieht eine Leinenpflicht in ausgewiesenen Bereichen vor, die ausschließlich während der Brut- und Setzzeit gilt.
Vorgeschlagen wurden hier unter anderem den Bereich des Brunnenweges sowie der Bertleinsbrücke und auch rechts sowie links des Saukopftunnels. Auf anderen Arealen gäbe es dann grünes Licht, um mit dem Vierbeiner auch ohne Leine spazieren zu gehen.
Stadträtin Stella Kirgiane-Efremidou (SPD) gab an, das Thema Leinenpflicht noch im Herbst in den Gemeinderat einbringen zu wollen.
Demnach gelte es, mit möglichst vielen Befürwortern einen Antrag zu formulieren. Landwirte, Jäger und auch Unterämter des Landratsamtes gaben für eine Leinenpflicht Zuspruch. Allen voran wegen des Tierschutzes für Rehe, Vögel und Co.
„Wir werden überall angefeindet“, berichtet Rita und schildert Situationen. Beispielsweise als ihr und ihrem Hund in Hohensachsen ein Landwirt mit dem Traktor hinterhergejagt sei und ihr wüste Beleidigungen hinterhergerufen habe. Angeblich sei ihr Vierbeiner auf seinem Feld gewesen, was die Weinheimerin aber dementiert. Die 67-Jährige erzählt auch davon, wie sie ein Mann in der Panoramastraße von einem Balkon aus anherrschte. Oder als ein Mountainbiker auf den Singletrails in der Nähe des Schützenhauses Lützelsachsen angerast kam und sie anblaffte, sie stehe im Weg herum. „Wo sollen wir mit dem Hund noch hingehen?“, frage sie sich.
Ähnliches berichtet aber auch die Gegenseite. Michael Ehlers von der Rehkitzrettung Weinheim und Umgebung sagt, dass es bei persönlichen Gesprächen wegen nicht angeleinten Hunden in der Vergangenheit immer wieder zu Beleidigungen und Drohungen kam. Die Familie Casper, die unsere Zeitung im Juli besuchte, kann ebenfalls von vielen Situationen berichten, in denen es zu ärgerlichen Auseinandersetzungen mit Hundehaltern gekommen war. Das Ehepaar in der Friedrichstraße hat mit der Geruchsbelästigung durch Hundehaufen zu kämpfen und schon den einen oder anderen Gassigänger auf der Straße angesprochen.
Zwei Fronten
Auch im Netz prallen beim Thema Hunde zwei Fronten aufeinander. Auf der Facebookseite der WN/OZ gibt es unter den Artikeln über die geplante Leinenpflicht und den Ärger über Hundehaufen jeweils über hundert Kommentare. Gegner und Befürworter tauschen sich in langen Stellungnahmen aus. Dabei geht es nicht immer sportlich zu.
Da gerät man lieber nicht ins Kreuzfeuer. Das zeigt auch die Antwort des Vereins für Hundesport Weinheim als er von unserer Redaktion nach einer Stellungnahme zur Leinenpflicht gefragt wird: „Das Thema Leinenpflicht ist ein sehr emotionales Thema“, so Vorsitzender Thomas Fuhrmann. „Als Vorstand von 800 Mitgliedern möchte ich so ein Thema weder in der Zeitung noch auf Facebook öffentlich diskutieren. Egal welche Position man vertritt, es wird immer viele Gegenreaktionen geben.“ Sollte der Oberbürgermeister Interesse an seiner Sichtweise haben, sei er aber natürlich gerne bereit, mit Manuel Just zu sprechen.
Zahlen und Fakten zum Hund in Weinheim
Im Jahr 2022 lagen die Erträge der Hundesteuer bei circa 264 000 Euro, wie Rathaussprecher Roland Kern mitteilt.
Die Zahl der Vierbeiner ist über Corona stark gestiegen. Waren es 2019 noch circa 1900 Hunde, betrug ihre Anzahl 2022 insgesamt 2200 – circa 16 Prozent mehr.
Zwar gebe es in Weinheim mit insgesamt 70 sogenannter Hunde-Kot-Stationen, also Beutelspendern mit Müllbehältern, auch immer mehr Möglichkeiten zur Entsorgung.
Die Stadt stelle jedoch nicht fest, „dass im Umfeld dieser Angebote weniger Hundekot herumliegt“, erklärt der Rathaussprecher.
Wenn ein Vierbeiner trotz Leinenpflicht frei läuft, begehen Besitzer eine Ordnungswidrigkeit. Laut der Weinheimer Polizeiverordnung können diese mit einer Geldbuße von mindestens 5 Euro und höchstens 5000 Euro geahndet werden.
Auch das Hinterlassen von Hundehaufen ist eine Ordnungswidrigkeit. Abgestraft wurde in Weinheim noch kein einziger Halter eines Vierbeiners. gab
Immer wieder Giftköder
Besorgniserregend wird es, wenn der Frust in kriminellen Aktivitäten mündet. Immer wieder kommt es in Weinheim und seinen Ortsteilen zu Meldungen von Giftködern. Anfang 2023 unterhielt sich unsere Redaktion mit Tierarzt Dr. Matthias Gräber, der kurz zuvor den Terrier Nelli auf dem OP-Tisch hatte. Der Vierbeiner starb nach Einschätzung des Mediziners an einem „deutlich potenteren“ Gift als Rattengift. Im Fall des Mischlingsrüden Leon von Athanasia Georgaka hat ein unbekannter Radler den Giftköder sogar auf das Grundstück der Weinheimerin geschmissen.
„Wir müssen einen gemeinsamen Weg finden“, plädiert die 67-jährige Rita. Dass es dazu oftmals nur eine Prise beidseitiger Höflichkeit braucht, kann Joggerin Judith Heß berichten. „Als Radfahrerin und Joggerin reduziere ich immer meine Geschwindigkeit, wenn ich Hunde, besonders frei laufende Hunde, im Blickfeld habe.“
Gegenseitiges Dankeschön
Damit wolle sie den Hundebesitzern genügend Zeit verschaffen, den Hund zu sich zu rufen beziehungsweise an die Leine zu nehmen. Das klappe oft, wenn auch leider nicht immer, ganz gut. Bei ihrer letzten Begegnung habe es auf jeden Fall geholfen: Mit einem gegenseitigen Dankeschön sind beide Bürger und Vierbeiner „entspannt aneinander vorbeigekommen“.
Sie interessieren sich für weitere aktuelle Nachrichten aus der Region? Dann abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter „WNOZ kompakt“. Von Montag bis Freitag informiert die Redaktion jeden Abend und bringt dabei die Top-Artikel von heute und die Nachrichten von morgen auf den Punkt. Hier WNOZ Kompakt abonnieren!