Reportage

Weinheim: Mittagstisch für Obdachlose und Bedürftige 

Start 26. Weinheimer Mittagstisch im Gemeindehaus von St. Marien. WN-Reporter Jürgen Drawitsch hat sich für die Eröffnung eine Küchenschürze umgebunden und Kartoffeln geschält.

Unter die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer für den Weinheimer Mittagstisch hat sich WN-Reporter und Autor Jürgen Drawitsch tatkräftig gemischt (3. v. links). Foto: Philipp Reimer Fotografie
Unter die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer für den Weinheimer Mittagstisch hat sich WN-Reporter und Autor Jürgen Drawitsch tatkräftig gemischt (3. v. links).

Sonntag, 12.01: Um 8 Uhr haben bereits fast alle der 14 Helfer den Weg durch den eisigen Morgen ins Gemeindehaus gefunden. Angelika Stein-Ette teilt die Frauen und Männer nach der Begrüßung in verschiedene Aufgabenbereiche für den Weinheimer Mittagstisch ein. Es muss für Suppe und Hauptgang geschält und geschnippelt werden. Für Frühstücksgäste und Care-Päckchen werden Brote und Brötchen geschmiert und belegt.

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Ich binde mir meine mitgebrachte Küchenschürze um und erfrage bei Fridolin Werr die Menge der zu schälenden Kartoffeln. „30 Kilogramm sollten reichen“, sagt der Küchenchef. Zusammen mit Michael Vogt mache ich mich an die Arbeit. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal zusammen mit meinem ehemaligen Augenarzt das Kartoffelschälmesser schwingen würde. Als Dr. Vogt vor einigen Jahren in den Ruhestand ging, ließ er sich bei der Ökumenischen Hospizhilfe Weinheim-Neckar-Bergstraße als Helfer ausbilden. Inzwischen hat er seine ehrenamtliche Mitarbeit auf den Weinheimer Mittagstisch verlegt.

Langsam trudeln Gäste ein

Während das große Kartoffelnetz leerer und der Berg an Schalen größer wird, gehen auch am Nebentisch die Arbeiten voran. Das Frühstücksteam muss sogar gebremst werden. Denn die ersten Gäste, die normalerweise schon ab 9 Uhr kommen, treffen diesmal nur spärlich und erst kurz vor 10 Uhr ein. „Beim Auftakt ist der Besuch meist noch nicht so groß“, weiß Helmut Waas, der seit einigen Jahren zusammen mit Angelika Stein-Ette die Mittagstisch-Mannschaft bei der Markuskirche leitet. Außerdem besteht dieses Jahr mit der Vesperkirche zeitgleich das Angebot der kostenlosen Speisung bedürftiger Menschen in Mannheim. Waas hat mit seiner Mannschaft schon mal einen Ansturm auf den Weinheimer Mittagstisch von 120 Personen bewältigt.

In der Großküche stehen bereits drei große silberne Kochtöpfe startklar auf dem Gasherd. Fridolin Werr dünstet klein geschnippelte Karotten und Lauch für die Tomatensuppe an und presst zwei Tuben Tomatenmark in den Topf. Dann kann ihm Eckart Junker die ersten Schüsseln Wasser hinzufügen. Die beiden Männer bilden beim Auftakt das ökumenische Köche-Team. Junker gehörte bisher zur Evangelischen Kirchengemeinde in der Weststadt, die am 1. Januar mit der Johannisgemeinde und der Gemeinde an der Peterskirche zur Evangelischen Kirchengemeinde Weinheim zusammengeschlossen wurde. Werr ist Mitglied des Männerkochclubs von St. Marien, der sich einmal im Monat zum Kochen und geselligen Beisammensein trifft. Auch in der Großküche hantiert er sicher, und dass er seine ehrenamtliche Arbeit gleich zwei Wochen zur Verfügung stellt, ist ihm besonders hoch anzurechnen. Sein Hauptgang mit Kartoffelbrei, Rotkraut und Bratwurst wird später gelobt.

Rente als Startsignal

Egal, mit wem man von den Helfern ins Gespräch kommt: Fast alle haben ihre Mitarbeit beim Mittagstisch mit dem Beginn ihres Ruhestandes forciert. Sonja Kühn entschied sich vor einem Jahr zum Mitmachen und ist außerdem bei der Ökumenischen Hospizhilfe aktiv. „Für mich ist es wichtig, der Gesellschaft etwas zurückzugeben“, sagt sie. Nur den Hut ziehen kann man zudem vor Helferinnen wie Beate Pfefferle oder Ursula Büchler, die sich seit 2006 Jahr für Jahr die Schürze umbinden und für bedürftige Menschen bei der Zubereitung eines dreigängigen Menüs mithelfen. Als die beiden Frauen beim Mittagstisch begannen, gab es noch die Lukasgemeinde. „Wir wurden dann auch bei der Evangelischen Gemeinde in der Weststadt gut aufgenommen“, sagt Pfefferle und sorgt mit einem Spüllappen dafür, dass die Küche blitzblank hinterlassen wird.

Inzwischen kommen nach und nach weitere Gäste. Einige Tische füllen sich. Birgit Large, die wieder die Kerze für den Weinheimer Mittagstisch gestaltet hat, schaut vorbei und bringt einen selbstgebackenen Hefekuchen mit. Auch Pfarrerin Simone Britsch, die am Vorabend den Eröffnungsgottesdienst in der Markuskirche gehalten und ihren katholischen Kollegen Dr. Joachim Dauer miteinbezogen hatte, schaut vorbei und dankt den Helfern, die nun den Beginn der Mahlzeit mit Spannung erwarten.

Ehe die Tomatensuppe mit Reiseinlage die Teller füllt, spricht Gemeindediakonin Monika Preiß über die Symbole Anker, Herz und Kreuz, die für Glaube, Liebe und Hoffnung stehen und auf der Mittagstisch-Kerze zu sehen sind. „Das Zusammenkommen von den Küchenhelfern und von Ihnen als Gästen ist ein Zeichen für ein gutes Miteinander und steht für einen hoffnungsvollen Beginn dieses Jahres“, sagt Preiß und bestätigt damit Helmut Waas, der immer wieder erfährt, dass die Begegnung und das Miteinander der Helfer untereinander genauso wichtig und segensreich sind wie das Essen, das bedürftigen Menschen in der kalten Jahreszeit hilft und alle wärmt.

Begleitend zum Weinheimer Mittagstisch gibt es am 27., 28. und 29. Januar im Café des Evangelischen Gemeindehauses in der Hauptstraße 127 eine Ausstellung mit Kunst von Anna Romano und weiteren Gästen des Mittagstischs. Wer noch eigene Kunst dazu beitragen möchte, kann sich bei Diakonin Monika Preiß unter 06201 8463481 melden.

Alle Termine im Überblick

13.01. bis 18.01., im Gemeindehaus St. Marien (Forlenweg 5)

20.01. bis 25.01., im Gemeindehaus St. Marien (Forlenweg 5)

27.01. 01.02., im Gemeindehaus Johannis (Hauptstraße 127)

03.02. bis 08.02., im Gemeindehaus Evang.-freikirchlichen Gemeinde (Waidallee 2)

10.02. bis 15.02., im Gemeindehaus Herz-Jesu (Johannisstraße 9)