Weinheim: Untere Bahnhofstraße kämpft mit Leerstand
Verrammelte Schaufenster, verfallene Werbetafeln von ehemaligen Geschäften, so sieht es aus in der unteren Bahnhofstraße in Weinheim. Die Stadt sieht einen Sanierungsstau bei Privateigentümern. Geschäftsbesitzer kritisiert strenge Vorgaben bei Gestaltung.
Verrammelte Schaufenster, verfallene Werbetafeln von ehemaligen Geschäften, ein Schild mit der Aufschrift „Zu vermieten“: In der unteren Weinheimer Bahnhofstraße reiht sich ein Leerstand an den anderen. „Wir sind mit der Situation sehr unzufrieden“, teilt Roland Kern, Pressesprecher der Stadt Weinheim, auf Anfrage mit. Oder um es mit den Worten des ehemaligen Anliegers, Fotograf Frank Witt, zu sagen: „Die Bahnhofstraße wird immer beschissener.“ Dabei ist die Bahnhofstraße mit ihrer unmittelbaren Nähe zum Hauptbahnhof und zur Innenstadt gut gelegen. Es gibt viele Passanten. Das heißt: viel potenzielle Laufkundschaft. Und wer mit dem Auto unterwegs ist, findet Parkplätze direkt vor den Ladentüren.
Ursachen der Misere
Gründe für die zahlreichen Leerstände gibt es viele. Ganz gewichtige Faktoren kann die Stadt nicht beeinflussen, allen voran das veränderte Kaufverhalten: Immer öfter bestellen Menschen ihre Waren im Internet, anstatt sie im Geschäft zu kaufen. Andere Dinge ließen sich schon beeinflussen. Das Rathaus sieht in der unteren Bahnhofstraße einen Sanierungsstau. Zwar müsse auch die Verwaltung hier noch Hand anlegen, erklärt sie mit Blick auf die eigene Immobilie, in der über 25 Jahre lang „Foto Witt“ beheimatet war. Hauptsächlich sei der Sanierungsstau aber bei Privateigentümern entstanden.
Wie Läden aufgehübscht werden müssen, dafür gibt es jedoch einen fest vorgegebenen Rahmen – die Gestaltungssatzung der Stadt Weinheim. Das Rathaus hält die Satzung für unabdingbar: Das erklärte Ziel ist eine einheitliche und attraktivere Innenstadt, sagt Stadtsprecher Roland Kern. „Das heißt also genau die Vermeidung solcher Optiken, wie man sie im unteren Bereich der Bahnhofstraße leider antrifft.“
Kritik an Satzung
Die Satzung steht bei Einzelhändlern mitunter stark in der Kritik. Beispielsweise bei Thomas Berger, der erst vor Kurzem einen 24-Stunden-Kiosk mit Automaten in der Bahnhofstraße eröffnete. „Die Läden in der Bahnhofstraße sind Ruinen, wegen zu hoher Regelhürden“, meint der Unternehmer. Ein Beispiel: Die Satzung besagt, dass lediglich bis zu 25 Prozent eines Schaufensters mit Folie beklebt werden darf. Bereits im vergangenen Jahr sorgte diese Vorschrift zwischen einem Physiotherapeuten in der Hauptstraße und dem Rathaus für einen Konflikt. Praxisbesitzer André Fändrich machte seine gesamte Schaufensterfläche blickdicht, um die Privatsphäre seiner Patienten zu schützen. Die Stadt wies ihn in den vergangenen Jahren wiederholt auf den Verstoß gegen die Gestaltungssatzung hin. Mittlerweile hat er 75 Prozent der Folie wieder abgekratzt. Dafür sorgt jetzt ein Vorhang für Blickschutz. Das ist regelkonform. Der Unterschied ist aber nur bei genauem Hinsehen erkennbar.
Vorgaben zu streng?
Kiosk-Besitzer Thomas Berger ist überzeugt, dass mit den strengen Vorgaben auch die Neuansiedlung von Geschäften erschwert wird. „Warum soll mir denn die Stadt vorschreiben können, was und wie viel ich in meinem Schaufenster bewerbe? Als das Geschäft leer stand, waren die Scheiben bis oben hin abgeklebt. Da hat das auch niemanden interessiert.“ Ebenfalls für Konfliktstoff sorgt seine Leuchtreklame „Kiosk 24 Hours“. Beleuchtete Schilder sind laut Satzung lediglich bis zu einer Breite von zwei Metern zulässig. Bergers ist nach Angaben des Rathauses jedoch mit fünf Metern mehr als doppelt so breit. „Die Erteilung einer Ausnahme oder Befreiung war allein aus Gründen der Verhältnismäßigkeit nicht möglich“, so der städtische Pressesprecher. Außerdem habe die Stadt keinen Präzedenzfall schaffen wollen. Die Werbetafel, die bereits vor Antragstellung angebracht worden sei, wurde vom Rathaus abgelehnt. Aktuell läuft ein Widerspruchsverfahren. Berger hat einen Rechtsanwalt eingeschaltet.
Die Auseinandersetzung lenkte den Blick auf den benachbarten „Tandura“-Imbiss, dessen Werbetafel ebenfalls größer ist, als die Satzung erlaubt. Anders als beim Kiosk habe sich das Baurechtsamt mit dem Betreiber darauf einigen können, dass das Schild wegkommt, und einen Kulanzzeitraum bis Ende Mai 2025 gewährt. Für Kern ein ganz klares Zeichen, dass die Stadt „immer gesprächs- und kompromissbereit“ ist. Frank Witt, ehemaliger Mieter der Stadt und langjähriger Inhaber des Geschäfts „Foto Witt“ in der Bahnhofstraße, erklärt auf Anfrage, nie derartige Probleme mit dem Rathaus gehabt zu haben: „Wenn etwas war, hat die Stadt immer geholfen.“ Doch auch er hatte damals Schwierigkeiten mit einem Werbeschild, das er nicht aufhängen durfte, da das Gebäude denkmalgeschützt ist. „Dann habe ich mit dem Schriftzug ‚Foto Witt‘ einfach das Schaufenster beklebt“, lautete die pragmatische Lösung. Er sieht andere Probleme in der Bahnhofstraße, etwa in dem großen Volksbank-Gebäude, wodurch das „Auge nicht mehr spazieren kann“. Klar ist für ihn, dass der Verfall der Bahnhofstraße anfing, als ihr größter Kundenmagnet, das Modehaus „Jacob“, seine Tore schloss.
Verwahrlostes Prestigeobjekt
Ein weiteres Sorgenkind ist das leerstehende und mittlerweile heruntergekommene rote Eckhaus am Alten Postknoten – das ehemalige Hotel „Goldener Bock“. Früher zählten unter anderem ein Teppichladen und ein Kiosk zu den Mietern. Auch eine Bank befand sich über Jahre hinweg in dem Gebäude. Der Hotelbetrieb im „Goldenen Bock“ lief bis 2016. Im November des gleichen Jahres, so erklärt die Stadt auf Anfrage, musste die Hotelnutzung untersagt werden. Aus Sicherheitsgründen: Nach Ansicht des Baurechtsamts wäre eine Wohnnutzung zumindest in den oberen Geschossen beim Zustand der Immobilie nicht zu verantworten gewesen.
„Positive Signale“
Obwohl die Situation „im Moment nicht einfach ist, gibt es durchaus auch positive Signale“, befindet Kern. Die Räumlichkeiten des ehemaligen „Dunya Markets“ befinden sich derzeit im Umbau und seien bereits wieder vermietet. Auch für die Ladenfläche des ehemaligen „Foto Witt“ hat es erste Gespräche gegeben. Des Weiteren gebe es ja „flexible Nutzungskonzepte“, die auch in den Leerständen der unteren Bahnhofstraße implementiert werden könnten, erklärt Kern. Gemeint sind damit sogenannte „Pop-up-Stores“. Dabei handelt es sich um temporäre Einzelhandelsgeschäfte, die kurzfristig in leerstehenden Räumen eröffnet werden können. Mit dem Laden „Design Stories“ in der Hauptstraße 47 hat die Wirtschaftsförderung der Stadt auch schon „erste Erfahrungen bei der Umsetzung“ solcher Konzepte gesammelt – und kann sich eine solche Nutzung auch für die Leerstände in der Bahnhofstraße vorstellen. Als Pflaster für die klaffende Wunde ist die Stadt zurzeit mit „Investoren und anderen Betreibern in guten Gesprächen“, die leerstehenden Schaufenster mit Dekorationen ansprechend zu gestalten oder die Räumlichkeiten als Informations- und Austauschplattformen zu nutzen.
Roland Kern ist sich sicher, dass die positiven Anzeichen (speziell im oberen Teil der Straße) kein vorübergehender Trend sind, sondern das Fundament für eine erfolgreiche Wiederbelebung sein können. „Wir glauben, dass uns nur gemeinsamer Optimismus voranbringt“, so der Pressesprecher. Hoffnungsvoll stimmt ihn, dass sich Geschäfte wie etwa „Optik Riede“ bereits seit Jahren etabliert haben und dass mit Annick Hermes-Brehms Sauerteigbäckerei „bobo“ ein „positiver Impuls für neue Kundschaft gewonnen werden konnte“. Dennoch gibt er zu bedenken, dass „Kunden durch ihr Einkaufsverhalten die Innenstadt maßgeblich beeinflussen“. Auch weist Kern darauf hin, dass eine veränderte Gestaltung der Bahnhofstraße auch Thema in der Zukunftswerkstatt war. Überlegungen reichten von mehr Begrünung bis hin zu Konzepten, die mehr Platz für Fahrradfahrer bieten sollen. Diesbezüglich hat der Gemeinderat bereits einen strukturellen Rahmenplan verabschiedet, der „nun auch in einzelne Beschlüsse münden soll“.
Der Text wurde am 7. Oktober um 18.26 Uhr aktualisiert.