Weinheim: Was sich hinter den Mauern der Hildebrand’schen Mühle verbirgt
Rostige Türen, mächtige Trichter und ein kalter Luftzug: Ein Rundgang zeigt das Weinheimer Wahrzeichen von einer bislang kaum bekannten Seite.
Weinheim. Einsam ragt der Siloturm der Hildebrand’schen Mühle am Rande der Zweiburgenstadt empor. Mit seinen ziegelroten Zinnen und Erkern ist er längst zu einem Wahrzeichen von Weinheim geworden. Einst war die Mühle ein Monument der Industriekultur. Heute scheint sie in einen langen Schlaf gefallen zu sein, aus dem sie schon bald erwachen soll. Noch ist das Gelände von Brombeerbüschen und dichtem Gestrüpp umrankt. Kaum vorstellbar, dass hier einmal nach neuen Plänen rund 250 Menschen leben könnten. Ebenso wenig lässt sich von außen erahnen, was sich hinter den Mauern des markanten Gebäudekomplexes verbirgt. Viele Weinheimer kennen die Mühle zwar vom Sehen – einen Blick ins Innere haben jedoch nur wenige geworfen.
Fast vollständig verborgen liegt das Bauwerk zu den Füßen des Siloturms. Von einem Gerüst verhüllt, steht dort das frühere Anwesen der Familie Hildebrand, einer Weinheimer Müllerdynastie. Hinter dem Vorhang aus Stahl eröffnet sich jedoch ein Anblick, der erahnen lässt, wie hier einst gelebt wurde: Prächtige Verzierungen schmücken die Fassade der Gründerzeitvilla. Im Inneren führt eine Treppe aus dunklem Eichenholz hinauf zu einem Saal, in dem der Zahn der Zeit deutliche Spuren hinterlassen hat. Der Bauexperte Uwe Rumeney und Alexander Scholl, Projektleiter des Neubauvorhabens, führen durch das Gelände und erklären, welche Geschichten sich hinter den alten Mauern verbergen – und wie sich der Ort in den kommenden Jahren verändern soll.
Vom Mühlenbetrieb zum Großunternehmen
- Die Hildebrand’sche Mühle geht auf die bereits 1471 erwähnte Seitzenmühle zurück. Sie wurde zunächst als Mahlmühle und später als Lohmühle genutzt. In einer Lohmühle wurde vor allem Eichenrinde zerkleinert, die wegen ihrer Gerbstoffe zur Lederherstellung benötigt wurde.
- 1845 übernahmen Heinrich und Louis Hildebrand den Betrieb und entwickelten ihn unter dem Namen Hildebrand & Söhne zu einem modernen Großunternehmen.
- 1858 wurde die Anlage neu aufgebaut, 1864 und 1865 zur dampfbetriebenen Kunstmühle umgestaltet und später vollständig automatisiert Zeitweise gehörte der Betrieb zu den größten Mühlen Europas.
- Die Verlagerung der Produktion in den Mannheimer Rheinhafen leitete schließlich den Niedergang des Weinheimer Standorts ein. 1921 wurde der Betrieb eingestellt. Seitdem ist viel von der einstigen Größe verschwunden.
Das Eiserne Portal
Beim Betreten der von einem Baugerüst umhüllten Villa aus dem 19. Jahrhundert zeigt sich zunächst ein verblüffendes Bild: Die rote Ziegelfassade und die verschnörkelten Sandsteinverzierungen wirken an vielen Stellen noch erstaunlich gut erhalten. Doch im Inneren liegen Schutt, zerbrochene Balken und Teile eingestürzter Decken übereinander. „Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass die Villa bewohnt war“, erzählt Rumeney. Noch 2011 lebten Menschen in dem Gebäude. Seitdem haben Witterung und Vandalismus dem alten Haus stark zugesetzt. Rumeney merkt an, dass frühere Eigentümer aus seiner Sicht zu wenig für den Erhalt der Bausubstanz getan hätten.
Eine Etage höher stehen wir vor einem Portal mit einem kunstvoll geschmiedeten eisernen Tor. „Das war früher die Zufahrt zum Mühlengelände. Hier fuhren kleine Lastwagen und Pferdekutschen hindurch“, erklärt Rumeney. Heute ist die Decke des darüberliegenden Geschosses eingestürzt.
Wo die Müllerdynastie lebte
Im Erdgeschoss befand sich ein großer Saal, in dem der Unternehmer Georg Hildebrand seine Geschäftspartner empfing. Von der einstigen Pracht zeugen heute nur noch die hohen Wände und einzelne Verzierungen. In der Etage über dem Portal, im ersten Stock, fällt der Blick durch ein geschwungenes Fenster auf einen kunstvoll gestalteten dunkelgrünen Kachelofen und eine Flügeltür. „Auf diesem Stockwerk wohnte die Familie Hildebrand“, sagt Rumeney.
Vom Dachgeschoss der Villa aus wird das ganze Ausmaß des Verfalls sichtbar. Vom Mansarddach sind außer einigen Balken und den steinernen Umrissen kaum noch Teile erhalten. Auch die Decke zum ersten Stock ist eingestürzt.
Zwischen Staub und Schutt steht ein einzelnes Möbelstück, auf das durch ein großes Fenster Licht fällt: eine Vitrine – ein stilles Zeugnis des früheren Lebens in der Villa.
Im Siloturm
Wir verlassen die Villa. Gleich neben dem repräsentativen Wohnhaus befanden sich früher die funktionalen Verwaltungsgebäude. Dort wurden Wareneingang und Warenausgang dokumentiert. Diese Gebäude stehen heute nicht mehr. Wir gehen weiter über eine steil ansteigende Rampe hinauf zum Siloturm, dem Wahrzeichen der Hildebrand’schen Mühle. Als wir eine rostige Eisentür öffnen, schlägt uns ein kalter Luftstoß aus dem Inneren entgegen. „Einst wurden hier bis zu 5000 Tonnen Getreide gelagert“, erzählt Rumeney, während wir das Gebäude betreten. Erst nachdem sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, lassen sich die Dimensionen des Raumes erkennen.
Mächtige, pyramidenförmige Trichter hängen über der dunklen Halle. Die genieteten Stahlstützen tragen die Silobehälter noch immer. Es riecht nach feuchtem Mauerwerk und rostigem Stahl. „Früher wurde das Getreide hier mit der Odenwaldbahn angeliefert“, sagt Rumeney. Das markante Wahrzeichen der Anlage wurde 1895 errichtet – in einer Zeit, als das Geschäft der Mühle florierte.
Das Turbinenhaus
Vom Siloturm führt der Rundgang weiter auf die Rückseite des Grundstücks. Dort ragt ein Schornstein aus sandgelben Ziegeln in den Himmel – eines der letzten sichtbaren Zeichen des früheren Turbinenhauses. Es braucht viel Vorstellungskraft, um heute noch zu erkennen, wofür das Gebäude einst genutzt wurde. Die hölzernen Zwischenböden sind verfallen, von der steinernen Fassade stehen nur noch Teile. Überall wachsen Pflanzen aus den Mauerritzen. Es scheint, als hole sich die Natur den Ort langsam zurück, den die Menschen ihr einst abgerungen haben.
„Die Wasserkraft der Weschnitz reichte irgendwann nicht mehr aus. Deshalb wurden zusätzliche Turbinen mit Dampfkessel eingebaut, die mit Koks oder Kohle betrieben wurden“, erklärt Rumeney. Erhalten bleiben wird dieser Teil der Anlage allerdings nicht. Er muss dem geplanten Wohnquartier weichen. Es sei ein Kompromiss, den man mit der Denkmalschutzbehörde geschlossen habe. „Andernfalls wäre das gesamte Projekt wirtschaftlich nicht umsetzbar“, ergänzt Projektleiter Alexander Scholl. Gerade an diesem Gebäude zeigt sich, dass der Wandel der Hildebrand’schen Mühle nicht ohne Verluste auskommen wird.
Vom Lost Place zum Wohnquartier
Während das Turbinenhaus verschwinden wird, sollen andere prägende Teile der Anlage in das neue Quartier integriert werden. Die Pläne des neuen Eigentümers, der Athos Real Estate GmbH, sehen vor, den denkmalgeschützten Siloturm und die Villa zu erhalten. Ergänzt werden sollen sie durch vier Neubauten mit bis zu sieben Stockwerken. Wie genau die historischen Gebäude künftig aussehen werden, steht noch nicht in allen Einzelheiten fest. „Wir sind im engen Austausch mit der Denkmalschutzbehörde und müssen zunächst die Expertengutachten abwarten. Danach wird sich zeigen, was möglich ist“, sagt Scholl.
Die Villa soll in Abstimmung mit dem Denkmalschutz erweitert werden. Für den Siloturm ist eine Nutzung zu Wohnzwecken jedoch nicht vorgesehen. Bis zu 81 Wohneinheiten für knapp 250 Menschen sollen auf dem Gelände entstehen. Der Schwerpunkt liege auf sozialem Wohnungsbau, sagt Scholl. Daneben seien auch Wohnungen vorgesehen, die zu regulären Preisen vermietet werden. Sicher ist bereits: Die Hildebrand’sche Mühle wird sich grundlegend verändern. Die entscheidende Frage wird sein, wie viel von ihrer Geschichte dabei sichtbar bleibt.