Weinheim

Weinheimer Guckkastentheater liefert sich eine familiäre Schlammschlacht

Die Theatergruppe des Bonhoeffer-Gymnasiums lässt bei der Inszenierung des Dramas „Eine Familie“ tief in die Abgründe der amerikanischen Seele blicken.

Wie nah Drama und Humor beieinander liegen, zeigt das Schauspiel des US-amerikanischen Dramatikers Tracy Letts – hervorragend umgesetzt von den Schauspielerinnen des Guckkastentheaters. Foto: Thomas Rittelmann
Wie nah Drama und Humor beieinander liegen, zeigt das Schauspiel des US-amerikanischen Dramatikers Tracy Letts – hervorragend umgesetzt von den Schauspielerinnen des Guckkastentheaters.

Es war eine Meisterleistung an gespielten Emotionen und Leidenschaft, welche die junge Theatergruppe des Bonhoeffer-Gymnasiums mit der Premiere von „Eine Familie“ auf die Bühne des Guckkastentheaters brachte. Die Vorlage, das Pulitzerpreis-gekrönte Familienepos des US-amerikanischen Dramatikers Tracy Letts, eignete sich bestens dafür, das Publikum in die Höhen und Tiefen der menschlichen Abgründe zu führen, bot es doch alles an Drama, was innerhalb einer Familie möglich und eigentlich schon nicht mehr erträglich ist: Seitensprünge, uneheliche Kinder, Krebs, Unmoral, Verführung Minderjähriger, berufliches Scheitern, Selbstmord und nicht zuletzt auch Inzest. Bei Familie Weston in Osage County ist einiges im Argen.

Kein Wunder, dass die Figuren in dem Stück zu reichlich Drogen und Alkohol greifen, um sich ihre kaputte Welt erträglich zu machen. Das fängt schon bei der 14-jährigen Jean an, die regelmäßig Marihuana konsumiert, und endet bei ihrer tablettenabhängigen Großmutter Violet, die sich munter mit den Pillen volldröhnt, bis es selbst den dem Alkohol zugetanen Töchtern zu bunt wird und sie der Mutter mit einer „Tablettenrazzia“ ihre Suchtmittel entziehen.

Nur Mädchen auf der Bühne. Die Jungs wirkten im Hintergrund. Foto: Thomas Rittelmann
Nur Mädchen auf der Bühne. Die Jungs wirkten im Hintergrund.

Drama und Humor Seite an Seite

Es dauerte etwas, bis man als Zuschauer die Familienverhältnisse ganz durchschaut hatte. Doch dann war der familiären Schlammschlacht kein Halten geboten. Und so konnten sich die dreizehn jungen Darstellerinnen auf der Bühne so richtig ausleben und ihr ganzes schauspielerisches Können zeigen. Da wurde mit Kraftausdrücken und den sogenannten F-Wörtern nicht gegeizt. Und auch der ein oder andere Nervenzusammenbruch war dramatisch inszeniert. So flog Geschirr, und der verhasste Auflauf von Tante Mattie landete „versehentlich“ auf dem Boden.

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Doch natürlich durfte in einer Tragikomödie der Humor nicht fehlen. Und so sorgte auch das „Spiel im Spiel“ von Onkel Charles, der während des Essens vom Stuhl fiel, weil er durch seinen Fleischkonsum „zu viel Angst gegessen“ hatte, für erheitertes Gelächter. Emotionale Erholung lieferten neben den komischen Einlagen auch die immer wieder mit vollem Applaus honorierten musikalischen Einlagen der Schülerinnen, die so im Original nicht angedacht sind, das Stück aber auflockerten und noch vielschichtiger machten.

Bei all den gestörten Familienmitgliedern der weißen amerikanischen Durchschnittsfamilie ohne Werte und Wurzeln bildete einzig die indigene Hausangestellte Johnna eine gesunde Ausnahme. Nicht mehr als „Indianerin“, sondern von den jüngeren Weston’schen Familienmitgliedern politisch korrekt als „Ur-Einwohnerin Amerikas“ bezeichnet, schien sie in dem Stück die einzig Normale zu sein, die aufrichtig um ihre toten Eltern trauerte und ihre Familientradition ehrte.

Fesselnde Darbietung

Krasse Kontraste fanden sich auch in den Kostümen der Figuren wieder. Während Mutter Violet von Anfang bis Ende des Stückes in Morgenmantel und Turnschuhen über die Bühne schwankte, erschien Tochter Barbara als elegante Verkörperung der Frau von Welt, bis man auch hinter deren zerbrechliche Kulisse und in den Abgrund ihrer gescheiterten Ehe blickte. Die Darbietung auf der Bühne war zum Teil so fesselnd, dass man in dem voll besetzten Saal ganz vergessen konnte, dass man eigentlich einem Laientheater beiwohnte. Hier einen Namen der ambitionierten Jungschauspielerinnen besonders hervorzuheben, wäre nicht gerecht. Sie waren alle großartig.

Entsprechend begeistert war der Applaus am Ende, verbunden mit der Forderung nach einer Zugabe, die tatsächlich mit der musikalischen Einlage von „Be My Baby“ aus dem Dirty-Dancing-Soundtrack belohnt wurde. Auch Regisseurin und Lehrerin Liane Schneider sowie Schulleiterin Demet Üstünel-Hartbauer waren voll des Lobes für den künstlerischen Nachwuchs, sowohl was das Schauspiel, als auch die Technik und künstlerische Gestaltung der Eintrittskarten und Plakate betraf.

„Meine Mädels sind Wahnsinn!“, freute sich Schneider sichtlich gerührt. „Ihr seid super“, verkündete sie nach dem Stück auf der Bühne. Schulleiterin Demet Üstünel-Hartbauer schloss sich ihrer Kollegin an und lobte die Kraft, Energie und Leidenschaft, mit der die junge Theatergruppe das Stück auf die Bühne gebracht hatte.

Riesiger Applaus

Ebenfalls einen riesigen Applaus für ein einfallsreiches Bühnenbild, dessen Herausforderung es war, während des Stückes ohne großen Aufwand umgebaut werden zu können, und den technischen Support durch Bild- und Videoprojektionen ernteten Lehrerin Andrea Endres und die Jungs von der Technik. Auffallend: Die männlichen Schüler der Theatergruppe agierten ausschließlich hinter den Kulissen, während ihre Mitschülerinnen aus den Klassenstufen neun bis zwölf im Rampenlicht standen.

Das war so eigentlich nicht geplant gewesen. „Die Jungs haben sich relativ schnell vom Schauspielen verabschiedet, als das Stück klar war“, erklärte Regisseurin Schneider und drückte auch ihre anfängliche Sorge aus, die anspruchsvolle Tragikomödie auf die Schulbühne zu bringen. „Das Stück bietet riesige Herausforderungen, weil es so vielschichtig ist und die einzelnen Rollen so anspruchsvoll sind. Aber die Schülerinnen wollten es wirklich machen.“