Weinheimer Kerwe: Zeit, dass sich was dreht
Die Aufbauarbeiten sind in vollem Gange – das schürt die Vorfreude auf den Start am Freitag. Wie „Colossus“ in den Himmel wächst.
Es ist „das“ Symbol der Weinheimer Kerwe. Von Weitem sichtbar, ein 38 Meter hoher Gigant aus Stahl: das Riesenrad. Wer Weinheim von oben sehen will, steigt in eine der 26 Gondeln und genießt den herrlichen Ausblick auf das bunte Treiben. „Die erste Fahrt ist aber für mich reserviert“, freut sich Sebastian Göbel, Chef des gleichnamigen Schaustellerbetriebes aus Worms. Doch vor dem Vergnügen steht bekanntlich die Arbeit. Am Mittwochmorgen legt Göbel die Fernbedienung kurz aus der Hand, die den Kran steuert, um einen kleinen Einblick in den Aufbau zu geben – eine logistische Meisterleistung. Denn schließlich muss „Colossus“ auf dem zum Festplatz umfunktionierten Platz am Roten Turm exakt auf der zur Verfügung stehenden Fläche „eingeparkt“ werden. „Wir haben noch größere Riesenräder, aber die würden hier nicht reinpassen“, verrät der 34-jährige Schausteller.
Mit fünf Männern ist er an diesem Morgen beschäftigt. Einer klettert gerade oben in den Speichen, um die eisernen Elemente miteinander zu verbinden. Helm, Klettergurt und spezielle rutschfeste Sicherheitsschuhe sind Pflicht. Auf die Arbeit seiner erfahrenen Aufbauhelfer kann sich Göbel verlassen. Er selbst koordiniert den Aufbau von unten. „Man muss alles im Blick haben“, weiß er. Das gesamte Gewicht des Riesenrades ruht auf einem Unterbau aus drei LKW-Auflegern. 100 Tonnen wiegt das weiße Gerippe samt Gondeln. Bis zum Abend sollen sie hängen. Zunächst aber werden die einzelnen Masten von Winden in die Höhe gehievt. Sie bilden ein Dreieck, an dem das Rad aufgehängt ist. Nach und nach wächst der Kranz aus Metallverstrebungen.
„Weinheim ist für uns etwas ganz Besonderes“
Am zurückliegenden Wochenende stand „Colossus“ noch in Gernsheim, wo es sich zum Fischerfest drehte. Dann wird die Rüsselsheimer Kerwe die nächste sein. „Woanders ist es auch schön“, verrät Göbel, „aber Weinheim ist für uns etwas ganz Besonderes.“ Er schätzt das entspannte Publikum und die tolle Atmosphäre, den Blick von oben auf das Schloss und die beiden Burgen. Dafür zahlen erwachsene Kerwegäste sechs Euro, Kinder vier. „Nach Corona mussten wir die Preise anheben – der hohen Inflation wegen“, erklärt er, „aber mehr wird es erstmal nicht.“
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Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogenen Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzbestimmungen .Der Bau des Riesenrades als größtes Fahrgeschäft ist am Mittwoch quasi das Meisterstück des Kerweaufbaus. Überall in den Straßen zwischen Schloss und Grundelbachstraße wird gehämmert und geschraubt. Lastwagen und Autos mit Anhängern rangieren kreuz und quer. Es herrscht geschäftiges Treiben – auch auf dem Marktplatz, wo sich die Gastronomie für den Ansturm rüstet. Die ersten Zelte sind schon aufgeschlagen.
Von Freitag bis Montag bestes Kerwewetter
So wie bei Juan Salazar am Café Florian auf dem Marktplatz. 150 Plätze hat er zu bieten. „Genug Getränke sind bestellt“, ist er sich sicher. Schließlich sind beste Kerwetemperaturen gemeldet. Am Montag soll das Thermometer sogar über 30 Grad klettern. Salazar betreibt das Café Florian bereits seit 1987, seine erste Kerwe als Angestellter liegt jedoch noch weiter zurück. „Das war 1979“, erinnert er sich. Genug hat er davon aber noch lange nicht. „Ich liebe die Gastronomie und dass man mit so vielen unterschiedlichen Menschen zusammenkommt – gerade zur Kerwe.“
Nicht ganz so lange dabei ist Thomas Herzberger, der gerade mit dem Aufbau des Autoscooters am Amtshausparkplatz beschäftigt ist. „Electric Avenue“ heißt sein Fahrgeschäft, das bereits seit Jahrzehnten in Weinheim Fahrt aufnimmt – damals noch unter der Ägide von Vater und sogar Großvater. „Ich war schon als Kind hier“, berichtet der drahtige junge Mann. Auch beim Aufbau des Autoscooters greift ein Rädchen in das andere – bis die 20 Cabriolets fahrbereit sind. Die Enge im hinteren Bereich des Parkplatzes ist eine besondere Herausforderung. „Aber das meistern wir“, verspricht Herzberger. Die Fahrt kostet pro Boxauto in diesem Jahr 3,50 Euro. Der Name ist Programm. Rammen ist natürlich erlaubt. Herzberger: „Sonst kann man ja auch gleich Kinderkarussell fahren.“ Oder auf Geschicklichkeit setzen wie bei „Schnipp-Schnapp“, einem riesigen Automaten, in dem Kuscheltiere an Seilen baumeln.
Wer das Seil mit einer elektrisch gesteuerten Schere kappen kann, darf das Kuscheltier mit nach Hause nehmen – als Andenken an die Weinheimer Kerwe. Thomas Ewert, Mitarbeiter der Schaustellerfamilie Schmidt, legt gerade letzte Hand an, damit sich die Türen des Automaten am Ende der Roten Turmstraße auch verlässlich öffnen.
Die Stadtwerke liefern „Saft“ für alle
Das geht nur mit Strom. Und um den kümmern sich die Mitarbeiter der Weinheimer Stadtwerke. Michele Mastrolorito ist mit seinem Kollegen am Mittwoch im ganzen Kerwegebiet unterwegs, um die Schausteller und Standbetreiber mit „Saft“ zu versorgen. Dicke Kabel laufen von den Verteilerkästen zu den Buden und Fahrgeschäften. „Unser Stromnetz hält das locker aus“, ist er sich sicher.
Darauf verlassen sich auch die Mitglieder des MGV Sängervereinigung Germania. Für eine stimmungsvolle Beleuchtung des Schlosshofes legen sie sich mächtig ins Zeug. Ex-Oberbürgermeister und aktiver Sänger Heiner Bernhard steigt am Mittwochmorgen persönlich auf die Leiter, um Seile zu spannen, die die Lichterketten halten. „Des is noch de Jüngschde von uns“, kommentiert ein Sängerfreund auf Woinemerisch und hat damit die Lacher auf seiner Seite. Die Herren sind bester Laune, freuen sich schon auf schöne Kerwetage und vor allem auf einen musikalischen Frühschoppen am Sonntag. Der „Liederkranz“ Trösel stimmt ab 11 Uhr mit ein.
Keine Kerwe ohne Zwirnswurst
Die Bewirtung des kleinen Schlosshofes übernimmt die Germania zusammen mit der TSG Weinheim und der TUS. Das Küchenzelt steht bereits, die hölzernen Theken ebenfalls – nur noch nicht an der richtigen Stelle. Carsten Jakob, Liegenschaftsleiter der TSG, koordiniert den Aufbau. 24 Fässer Pils mit einem Fassungsvermögen von 50 Litern sind schon angeliefert. Auch Kölsch und Weizen gibt es vom Fass, dazu Deftiges vom Grill. „Die Zwirnswurst darf natürlich nicht fehlen“, sagt Carsten Jakob. Er wird zusammen mit rund 250 Helfern der TSG für das Wohl der Gäste sorgen. Danach ist er wohl urlaubsreif. „Das ist sicher!“, nickt er. „Kerwe ist natürlich für uns nicht nur Spaß“, bestätigt auch Juan Salazar. „Aber es ist einfach die schönste Zeit im Jahr.“
Die Weinheimer Kerwe wird am Freitag, 9. August, um 16.30 Uhr auf dem Marktplatz eröffnet. Gefeiert wird bis Montagabend – mehr als 20 Straußwirtschaften in der Altstadt sind gerüstet.