Landwirtschaft

Klimawandel: Was Weinheimer Bauern mit einem Bodenprojekt erreichen wollen

Die Stadt Weinheim fördert mit Mitteln aus dem Klimaschutzbudget auch ein Bodenschutzprojekt. Landwirt Stefan Müller ist dabei und spricht über Herausforderungen und Chancen.

Der Weinheimer Landwirt Stefan Müller spricht über die Herausforderungen der Weinheimer Böden und seine Mitarbeit beim Bodenschutzprojekt. Foto: Privat
Der Weinheimer Landwirt Stefan Müller spricht über die Herausforderungen der Weinheimer Böden und seine Mitarbeit beim Bodenschutzprojekt.

Stefan Müller ist 42 Jahre alt, lebt in Weinheim und stammt aus einer bäuerlichen Familie. Er hat eine Ausbildung zum Industriemechaniker und anschließend zum Landwirt absolviert und arbeitet nebenberuflich als Landwirt. Seine Familie führt in der dritten Generation einen landwirtschaftlichen Betrieb in der Weinheimer Bauernsiedlung Bertleinsbrücke. Aktuell leitet sein Bruder Michael als Betriebsleiter die Geschicke auf dem Hof. Im Interview spricht er über die Herausforderungen der Weinheimer Böden und seine Mitarbeit im Bodenschutzprojekt zu sprechen. Dieses Projekt des gemeinnützigen Vereins „Breitwiesen“, der das Interview geführt hat, wird aus Mitteln des Klimaschutzbudgets der Stadt Weinheim gefördert.

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Haben Sie schon sichtbare Veränderungen durch den Klimawandel auf den Weinheimer Feldern feststellen können?

Stefan Müller: Auf jeden Fall. Als Jugendlicher waren wir ungefähr zur Weinheimer Kerwe, also Mitte August, fertig mit der Weizenernte und hatten das Stroh eingefahren. In den letzten Jahren hingegen war dies meist schon zwei Wochen früher erledigt. Weniger Schnee und Frost sorgt zudem seit geraumer Zeit im Frühjahr für mehr Vorsommertrockenheiten. Die Phasen der Trockenheit und Hitzetage werden immer ausgeprägter.

Was bedeutet diese Erkenntnis in der Praxis? Wässert man vermehrt?

Müller: In der Regel nicht. Die durchschnittliche Schlaggröße liegt heute um die 2,5 Hektar. In der Weinheimer Gemarkung gibt es sehr wenige Beregnungsbrunnen und kaum ein Kollege verfügt über die nötige Technik zur Beregnung von Ackerkulturen.

Haben Sie Ihren Anbau umstellen müssen?

Müller: Im Großen und Ganzen nicht. Der Fokus liegt auf klimaangepassten Züchtungen. Nehmen wir zum Beispiel Weizen oder Mais. Hier gibt es Sorten mit verschiedenen Eigenschaften. Die Landessortenversuche des Landes Baden-Württemberg werden in verschiedenen Regionen des Landes (für unsere Region ist das in Ladenburg) durchgeführt. Entsprechend werden dann Anbauempfehlungen für Landwirte ausgesprochen, welche Sorte sich in ihrer Region am besten eignet. Eine Sorte Weizen ist für circa fünf Jahre und Mais oft nur für drei Jahre im Anbau, bevor sie durch eine bessere ersetzt wird.

Mit dem Traktor auf dem Feld: So sieht der Arbeitsalltag eines Landwirts aus. Foto: Privat
Mit dem Traktor auf dem Feld: So sieht der Arbeitsalltag eines Landwirts aus.

Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass allein der September 2023 um rund 3,4 Grad wärmer war verglichen mit den letzten dreißig Jahren.

Müller: Das stimmt leider. Weizen und anderes Getreide hat eine Wohlfühltemperatur bei ca. 20 Grad; bei 25 Grad hat die Weizenpflanze bereits Trockenstress und der Stoffwechsel wird gestört. Mais verträgt höhere Temperaturen, weshalb auch viele Landwirte in Süddeutschland auf den Anbau von Mais setzen statt Weizen, um einen rentablen Ertrag für den Landwirt sicherzustellen - schließlich wollen Banken und auch Verpächter regelmäßig ihr Geld sehen. Für den Fachmann ist es manchmal schwer zu verstehen, warum der Mais als „unliebsame Pflanze“ angesehen wird.

Das mag daran liegen, dass das Image von Mais vor allem mit Biogasanlagen und Biosprit verbunden wird.

Müller: Im Fall von Biosprit – also Ethanol - mag das für die USA stimmen. In Deutschland werden aber auch aus Weizen, Roggen und Zuckerrüben Ethanol hergestellt. Mais bringt in rund 6 Monaten von der Aussaat bis zur Ernte der Körner 10t und mehr auf die Waage, Weizen dagegen in 7 – 8 Monaten „nur“ 8t - und was wäre denn Kino ohne Popcorn aus Mais?

Als Landwirt müssen Sie wirtschaftlich denken. Dennoch haben Sie drei Versuchsflächen zur Verfügung gestellt, um unterschiedliche Methoden Bodenbearbeitung zu testen. Wie kamen Sie zu dem Bodenschutzprojekt in Weinheim?

Müller: Bei einer Fahrradtour über die Felder Weinheims, die vom Verein Breitwiesen veranstaltet wurde, lernte ich die Klimaschutzbeauftragte der Stadt Weinheim, Ute Timmermann, kennen. Ich erzählte ihr von der Ökoregion Kaindorf in Österreich, wo seit vielen Jahren Humusaufbau betrieben wird. Schließlich wurde die Idee geboren, dies in ähnlicher Form auch in Weinheim zu probieren. Das Projekt wurde von der 1. Vorsitzenden des Vereins „Breitwiesen“ konzipiert. Sie stellte den Kontakt zu einer Bodenwissenschaftlerin her, die ebenfalls von der Feldstudie begeistert war. Es soll der Nachweis erbracht werden, dass und wie die Art der Bodenbewirtschaftung dem Klimaschutz in der Stadt dient. Seit 2 Jahren fördert die Stadt Weinheim vor allem die Kosten für die wissenschaftliche Begleitung des Projekts, das unter der Schirmherrschaft des früheren Ersten Bürgermeisters, Dr. Torsten Fetzner steht.

Auf Tour durch die Felder bei Weinheim: Nebenerwerbs-Landwirt Stefan Müller. Foto: Privat
Auf Tour durch die Felder bei Weinheim: Nebenerwerbs-Landwirt Stefan Müller.

Was hat Sie persönlich motiviert, einen Feldversuch mitzumachen? Sie gehen ja auch ein Risiko ein, wenn die Erträge gering ausfallen?

Müller: Auch in der Landwirtschaft gilt: Stillstand ist Rückschritt. In Zeiten der Klimakrise müssen wir neue Wege ausprobieren. Der Vorteil bei diesem Bodenprojekt ist, dass es wissenschaftlich begleitet wird. Die Ergebnisse sind daher transparent und objektiv nachvollziehbar. Sie können als Referenz dienen und zur Nachahmung andere Landwirte motivieren.

Können Sie das Bodenschutzprojekt in Weinheim kurz erklären?

Müller: Es gibt drei verschieden Flächen von jeweils rund einem Hektar. Beginnen wir mit der regenerativen Fläche: Hier achten wir darauf, dass diese ganzjährig bewachsen ist. Warum ist das wichtig? Ber Bewuchs schützt vor Überhitzung, er kühlt den Boden. Das Mikroklima für den Boden wird dadurch verbessert. Er wird durch diese Maßnahme lebensfähiger. In der Natur gibt ja auch in der Regel keinen unbewachsenen Boden; der Boden wird immer bewachsen gehalten. Die Wurzeln der Pflanzen interagieren dabei immer auch mit dem Boden. Eine Pflanze betreibt Photosynthese und dadurch werden Kohlenhydrate produziert, welche sie über den Boden zum Teil auch wieder abgibt. Man spricht von Liqiud Carbon Pathway. Diese flüssigen Kohlenhydrate ernähren das Bodenleben.

Generell kann man sagen: Je länger Boden bewachsen ist, umso mehr Stoffe werden in den Boden abgegeben. Unbewachsener Boden kann sich im Sommer bis auf 50 Grad erwärmen - dies ist für viele Bodenorganismen tödlich. Regenwürmer können sich zwar in tiefere Regionen zurückziehen; andere Lebewesen oder Bakterien, die für den Boden essentiell sind, sterben hingegen in der oberen Schicht des Bodens ab.

Wichtig ist bei dem regenerativen Versuchsfeld immer eine Untersaat. Beim Säen von Weizen, Raps oder Mais sollte sie auch ausgesät werden. Spätestens, wenn die Frucht blüht, geben die Pflanzen keine Kohlenstoffverbindungen in den Boden mehr ab. Das übernehmen dann die Untersaaten, i.d.R. Gräser. Konkret heisst das: Das Getreide reift ab, der Bestand wird vor der Ente schon lichter; die Sonne gelangt wieder vermehrt zum Boden und die Untersaat kann besser wachsen. Bei der regenerativen Fläche haben wir eine relativ enge Fruchtfolge gewählt. Es war uns wichtig, sie auch wirtschaftlich interessant zu halten. „Eng“ heißt vier Fruchtfolgeglieder in den Hauptjahren, also Weizen, Raps, dann wieder Weizen und anschließend Mais. Und dann wieder von vorne.

Im regenerativen bzw. biologischen Anbau sollten es wesentlich mehr Fruchtfolgen sein, z.B. bis zu sieben. Da sind dann auch Erbsen, Hafer oder Ackerbohnen mit dabei, die für den Landwirt wenig rentabel sind. Wenn man keine eigenen Tiere hat, an die man bestimmte Fruchtfolgen verfüttern kann, ist der Gewinn noch geringer. Um ehrlich zu sein: Es gibt Anbaukulturen, die gut für den Boden sind, aber schlecht für den Geldbeutel. Um es für Nachahmer attraktiv zu halten. versuchen wir es daher mit der engen Fruchtfolge.

Chemisch-synthetische Pflanzenschutz- sowie Düngemittel sollen reduziert werden, ebenso die Intensität wie auch die Häufigkeit der Bodenbearbeitung.

Und was passiert auf den anderen beiden Versuchsflächen?

Müller: Die zweite Fläche wird intensiv bewirtschaftet, also wie herkömmlich. Sie wird eine noch dichtere Fruchtfolge haben, ohne Raps. Auch wird hier der Pflug für Bodenbearbeitungen zum Einsatz kommen.

Sie haben jetzt die beiden Pole vorgestellt – wie wird die dritte Versuchsfläche bewirtschaftet?

Müller: Die dritte wird betriebsüblich bewirtschaftet, also so wie wir es in unserem Familienbetrieb üblicherweise handhaben. Sie enthält keine Untersaaten, d.h. es gibt keinen ganzjährigen Bewuchs des Bodens, der vor Austrocknung schützt oder Kohlenhydrate in den Boden abgegeben kann. Jedoch wird nach der Getreideernte eine Zwischenfruchtmischung gesät, die das dann übernimmt. Dadurch entsteht für das Bodenleben aber auch eine Lücke zwischen Blühen bzw. Abreife der Hauptkultur und dem Wuchs der Zwischenfrucht.

Nochmals zusammengefasst:

  1. Regenerativ: minimale Bodenbearbeitung, ständiger Bewuchs; Reduzierung von chemischen und synthetischen Einsatzmitteln
  2. Standard: Intensive gehaltene Fruchtfolge und intensivere Bodenbearbeitung
  3. Betriebsüblich: Dazwischen liegt die betriebsübliche: intensiver Zwischenfrucht anbei, keine Untersaat; es gibt also eine Lücke zw. Ernte und Wiederbegrünung. Die Wiederbegrünung ist allerdings sehr hochwertig, vorausgesetzt die Witterung spielt entsprechend mit. Für unseren eigenen Betrieb ist dies die sonst übliche Nutzung.

Die intensive Bewirtschaftung entspricht eher dem Weinheimer Standard, beziehungsweise dem was man als Landwirt während seiner Ausbildung beigebracht bekommt. Das beinhaltet auch die Bodenbearbeitung mit dem Pflug. Die Betriebe in Weinheim mit Tieren haben dazwischen immer mal ein Ackerfutter angepflanzt und können sich daher auch mal von der Fruchtfolge her unterscheiden. Das Ackerfutter gibt dem Boden etwas mehr zurück als es Getreide vermag.

Die regenerative Landwirtschaft ist nicht zwingend eine rein biologische. Man kann aber aus der biologischen Landwirtschaft und auch aus der konventionellen Landwirtschaft die Vorzüge übernehmen. Wenn man es richtig macht, übernimmt man von beidem das Beste.

Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Ihnen als „Praktiker“ auf dem Feld und der Wissenschaftlerin?

Müller: Sie hat als Bodenchemikerin enormes Wissen, das weit über das hinausgeht, was in einer Ausbildung zum Landwirt gelehrt wird. Wir ergänzen uns gut. Im Frühjahr haben wir gemeinsam die Bodenproben genommen. Es wurden viele Bodenproben aus verschiedenen Schichten gezogen. Diese werden ausgewertet und die Entwicklung über die Jahren verglichen.

Was waren die Hausforderungen beim Start des Bodenschutzprojektes?

Müller: Es mussten vergleichbare Fläche gefunden werden. Ursprünglich sollten es vier Flächen sein. Aufgrund der dadurch entstehenden Mehrarbeit haben wir uns dann aber für drei entschieden und den Versuch, der zwischen „betriebsüblich“ und „regenerativ“ lag, weg gelassen. Wir haben auch eine Fläche von zwei Hektar halbiert und können so sehr gut die weitere Entwicklung der ursprünglich identischen Böden nachverfolgen.

Im Frühjahr 2020 war es zudem sehr trocken, so dass die Untersaat nicht so gut gewachsen ist, wie wir uns das eigentlich wünschten. Hier werden wir sehen was die weiteren Jahre bringen oder ob wir eventuell den Versuchsaufbau beziehungsweise die Umsetzung einzelner Maßnahmen ändern müssen. Ursprünglich sollte die regenerative Fläche so einfach wie möglich umgesetzt werden. Bei der Vorbereitung zeigte sich, dass dadurch Abstriche im Erfolg wahrscheinlich sind und die erhofften Ergebnisse später eintreten können als wir das hoffen. Dadurch entschieden wir uns in einen Tiefenlockerer zu investieren. Dieser soll den Effekt einer intensiven Bodenlockerung mit gleichzeitig möglichst wenig Bodenbewegung verbinden. Ein Gespräch mit einem Landwirt aus Kraichtal, der uns bei einem Betriebsbesuch von seinen Ansätzen der regenerativen Landwirtschaft erzählt hat, war sehr aufschlussreich.

Natürlich ist das Projekt ein Lernprozess – auch für mich. So hat sich diesen Sommer die krümelige Bodenschicht auf der regenerativen Fläche nach der Ernte von Raps, anders entwickelt, als ich es erwartet habe – sie war flacher. Grund hierfür könnte sein, dass das Gewicht der Walze an der Maschine, die den Boden rückverfestigen und somit den kapillaren Wasseraufstieg sicher soll, zu groß war. Das werde ich auf jeden Fall genauer beobachten und ggf. Änderungen vornehmen.