Weinheimer Tag der "Offenen Ateliers" wird zum Besuchermagneten
Weit über die Stadtgrenzen hinaus kamen Besucher nach Weinheim, um die 13 Veranstaltungsorte zu entdecken.
Die kleine Eliana hat auch Kunst mitgebracht. Stolz überreicht das Mädchen seine Kinderzeichnungen an Eva Lösche. Die Leiterin des Weinheimer Amtsgerichts kann sie sich aber erst später anschauen, denn sie ist bereits jetzt, in der ersten Stunde der „Offenen Ateliers“, an diesem Samstag eine gefragte Person. Sie erläutert Besuchern ihre Kunst, die an den Wänden eines kleineren Gerichtssaals hängen. Hier werden sonst Familien- und Zivilsachen verhandelt. Das Amtsgericht ist die außergewöhnlichste Station auf der Ateliermeile, die der Kunstförderverein Weinheim erstmals arrangiert hat.
Frühe Gäste
„Die ersten Gäste saßen schon 20 Minuten vor Beginn auf der Treppe und warteten darauf, dass die Tür geöffnet wird“, sagt Roger Schäfer. Der Kunstfotograf bildet mit einer 1,80 mal 1,20 Meter großen schwarz-weißen Doppelbelichtung mit dem Titel „Apokalypse“ das künstlerische Entrée im Amtsgericht. Der Blick auf Weinheim von der Windeck beeindruckt mit mystischem Lichteinfall und einer Spiegelung der Stadtlandschaft. Auch Ina Zielinski, deren abstrakte Bilder mit einem sicheren Gespür für Farbstrukturen und zeichnerischen Elementen überzeugen und mit poetischer Kraft den Treppenaufgang bespielen, unterhält sich mit einer Besucherin, während Andrea Keil im 1. Stock mit Porträtmalerei ebenso wie mit zerfließenden Farben ihrer Skyline-Bilder überrascht und sich bereits über einen roten Punkt freuen kann, der für einen ersten Verkaufserfolg spricht.
„Das Kleeblatt“, wie sich das Künstler-Quartett nennt, hat auch an die passende Hintergrundmusik gedacht, für die der Weinheimer Helmer Rick sorgt. Roger Schäfer ist geradezu begeistert vom Besucherstrom, der nicht abreißt. „Und wir werden im kommenden Jahr zu den Heimattagen bei den zweiten Offenen Ateliers sogar noch einen draufsatteln“, blickt er schon in die Zukunft, ohne mehr zu verraten. Immerhin: So plakativ und unübersehbar, wie vor dem Eingang zum Amtsgericht mit einem feuerroten Aufsteller und dem Logo des Kunstfördervereins Weinheim auf das Ereignis aufmerksam gemacht wird, ist es nicht an allen der 13 Atelier-Standorten. Aber die Premiere ist ja auch zum Lernen da.
Zeichnung und Käseleuchte
Im Gegensatz zum Amtsgericht startet das außergewöhnliche Kunstwochenende im Pop-up-Store von Arcangelo D’Alessandro und Ulrike Wyrwoll in der Hauptstraße 47 ruhig und beschaulich. Die beiden Architekten bilden ein innovatives Künstlerpaar, schaffen mit dem 3-D-Drucker aus Polymilchsäure, einem biologisch abbaubaren Bio-Kunststoff, selbstentwickelte stylishe Leuchten in Form des italienischen Caciocavallo, einer Käsesorte. Wer möchte, kann außerdem in Skizzenbüchern von Wyrwoll blättern oder auf verschiedenen Porträtbildern schauen, wie D’Alessandro mit Kohle, Kreide und Bleistift ebenso wie mit extrem verdünnter Ölfarbe in neoklassischem Stil Gesichter festhält. Für das Pressefoto sitzt Ulrike Wyrwoll kurz Modell.
„Fünf Freunde“
Dann geht es weiter durch die heißen Straßen Weinheims. Die hiesige Kunstszene verspürt durch die Offenen Ateliers, das ist schon jetzt erkennbar, ein Hoch. Denn das Hoch Frederik verdoppelt sozusagen das Hochgefühl mit Hitze. „Aber wenn es regnen würde, wäre es ja auch nicht recht“, meint das Ehepaar Schwöbel aus Hemsbach. Es begutachtet gerade im Haus der Volkshochschule in der Luisenstraße 1 im oberen Stock Fotografien von Renate Barth, die Zeugnis von ihrer Reiselust und ihres Talentes für Porträtfotografie ablegen. Zusammen mit den Malerinnen Veronika Drop und Carla Hartmann aus Leutershausen sowie Gizella Marosan-Lindig und Anna Maria Stumpf bildet Renate Barth unter dem Motto „Fünf Freunde“ – ganz nach Enid Blyton – ein Künstlerinnen-Quintett, das unterschiedlichste Malstile bietet. Aus Hinweisblättern der Offenen Ateliers zurechtgeschnittenen Fußstapfen weisen die Künstlerinnen auf der VHS-Treppe den Weg zu ihnen.
Im Skulpturengärtchen
Der kleine verwunschene Garten von Uli Pospiech im Ringweg 6 in Lützelsachsen ist genau der richtige Ort für einen Abschluss der Kunsttour durch Offene Ateliers.
Die Bildhauerin bietet ihren Gästen kühle Getränke an und unterhält sich gerade mit dem Ehepaar Welker. Intensiv widmet sie sich den beiden Gästen aus Schriesheim, erzählt von ihren ersten Betonskulpturen, die sie ab 2005 unter Erich Sauer schuf, und von ihren nun jährlichen Treffen einer Bronzeguss-Gruppe in Ascholding in Oberbayern. Dann führt sie ihre Gäste in ihr Atelier im Keller, das bei angenehmen Temperaturen die Begegnung mit Bronzeskulpturen ermöglicht, deren „Enthüllung“ nach erfolgtem Guss „zum Schönsten gehört, was man sich vorstellen kann“, sagt die Künstlerin, die außerdem auch mit Malerei auf Karten ihrer Kreativität freien Lauf lässt.
Es sind die Begegnungen mit interessierten Kunstfreunden, die bei den Offenen Ateliers intensiver als sonst verlaufen. An 13 Orten nutzten 24 Künstlerinnen und fünf Künstler – allesamt Mitglieder des Kunstfördervereins – die Möglichkeit zu einer besonderen Darstellung ihrer sonst eher im Stillen erfolgenden, kreativen Arbeit.
„Durch diese Initiative fühlt man sich als Künstler durch den Verein endlich mal wieder besonders wertgeschätzt“, sagt Uli Pospiech und spricht da sicher im Namen ihrer Kolleginnen und Kollegen aus der Kunstszene.