Welde oder Woinemer: Bierstreit überschattet die Weinheimer Heimattage
Wer darf bei den Heimattagen im Mai ausschenken und auftischen? Wir begeben uns auf nüchterne Spurensuche.
Weinheim. „Für die Heimattage bekam jetzt die Weldebräu aus Plankstadt den Zuschlag fürs Bier – anstatt die Woinemer Hausbrauerei. Das wäre so, als ob beim Fassbieranstich beim Oktoberfest in München statt Münchner Bier im Fass Kölsch drin wäre. Vielleicht übernimmt dann statt Oberbürgermeister Manuel Just auch der Bürgermeister von Plankstadt die Eröffnung der Heimattage?“ Das Weinheimer Spitzklicker-Ensemble hat mit seinen „Tagesspitzen“ am vergangenen Wochenende Wirbel ausgelöst, der in Weinheim für einen kräftigen Schluckauf gesorgt hat.
Stadtsprecher hält dagegen
Hat ausgerechnet Weinheim nun einen trinkfesten Bierskandal? Stadtsprecher Roland Kern wiegelt auf Anfrage sofort ab. „Das ist so nicht richtig, und wir gehen davon aus, dass die Spitzklicker diese Aussage auch wieder aus dem Programm nehmen“, echauffiert sich Kern. Wir haben uns auf Spurensuche in Sachen Gerstenkaltschale begeben – und sind dabei ganz nüchtern geblieben.
Worum es geht? Im Mittelpunkt steht das Wochenende vom 16. bis 18. Mai – die Baden-Württemberg-Tage im Rahmen der Heimattage. Bei diesem Event wird der Schlosspark mit den Auftritten von Comedian Bülent Ceylan und Laith Al-Deen im Mittelpunkt stehen. Zudem sorgen die Landesgewerbeschau und der verkaufsoffene Sonntag dafür, dass schätzungsweise rund 10.000 Besucher in die Zweiburgenstadt strömen. Für einen Caterer ist dies selbstverständlich das attraktivste Wochenende der gesamten Heimattage. Und auch die Weinheimer Gastronomen und Caterer wollen ein Stück vom großen Kuchen abhaben. Oder werden sie ausgebootet, wie die Spitzklicker schon unken?
Auf mehrere Schultern verteilen
Auf Nachfrage erklärt Kern, dass man aufgrund der Größe der Veranstaltungsfläche, der erwarteten Besucherzahlen und der vielfältigen Anforderungen Gespräche mit mehreren Partnern geführt habe. „Dazu gehört selbstverständlich auch die Woinemer Hausbrauerei, die wir als lokalen Partner für Qualität und eine hohe Solidarität mit der Stadt sehr schätzen. Es war von Anfang an Konsens, dass Woinemer Bier zu den Heimattagen dazugehört. Niemand hat daran je einen Zweifel gelassen.“ Gleichzeitig werde jedoch neben dem Woinemer Bier auch eine Auswahl anderer regionaler Biersorten angeboten – darunter Biere der Weldebräu aus Plankstadt. Auch die Eichbaum-Brauerei aus Mannheim sei mit an Bord. Somit gebe es für die Heimattage keinen exklusiven Bierpartner, sondern mehrere.
Bier aus Plankstadt und Mannheim? „Wir wollten vor allem den großen logistischen Aufwand, der mit den Heimattagen verbunden ist, auf mehrere Schultern verteilen“, betont Kern. Zudem sei Weinheim Gastgeber der Heimattage Baden-Württemberg. „Die Kurpfalz ist für uns ebenfalls eine gewachsene Heimat.“ Wo genau welches Bier ausgeschenkt wird, ließ Kern (noch) offen. Auch die Frage, wer den äußerst attraktiven Schlosspark sowie die gut frequentierte Fußgängerzone und Bahnhofstraße bewirten wird, sei laut Kern noch nicht abschließend verhandelt worden.
Nach Informationen unserer Redaktion soll das Welde-Bier auf dem zentral gelegenen Amtshausplatz ausgeschenkt werden. Bleibt für die lokale Brauerei dann lediglich ein Standort auf dem eher wenig prominenten Dürreplatz? Kern bestätigt während unserer Recherchen, dass im Gespräch sei, dass die Woinemer Hausbrauerei sogar den kompletten Dürreplatz bespielen könnte. Dann wäre noch nicht ganz Hopfen und Malz für die Weinheimer verloren.
Außerdem: Der Schlosspark sei laut Kern nicht unbedingt lukrativer, weil bei Ticket-Veranstaltern zusätzlich ein „Buy-out“ – also eine Gebühr – an die Veranstalter zu zahlen sei.
Nur mündliche Zusage
Jochen Hardt von der Woinemer Hausbrauerei ist die Enttäuschung trotzdem anzumerken. Nur zu gerne hätte er mit seinem Team an einem zentraleren Ort als dem Dürreplatz seine Braukunst angeboten, „um zu zeigen, was wir können“. Er bestätigte, dass er Ende des vergangenen Jahres von der Stadt lediglich eine mündliche Zusage für eine „Versorgungsstelle“ auf dem Dürreplatz erhalten habe. Mehr wisse er selbst noch nicht. „Wir haben das zur Kenntnis genommen und bereiten uns darauf vor“, so Hardt. Sollte es mit dem Dürreplatz klappen, hat er schon gute Ideen: ein Heimattagebier mit eigenem Etikett.
Seit 1998 führt er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin die Woinemer Hausbrauerei, seit 2015 ist er Eigentümer, zuvor Pächter. Heute beschäftigt das Unternehmen rund 60 Mitarbeiter.
Weg vom Bier – hin zum Wein
Ebenfalls noch keine Infos, wo er seinen Wein bei den Heimattagen verkaufen kann, hat Markus Raffl vom gleichnamigen Hohensachsener Weingut. Dabei prankt das Heimattageetikett schon auf den Flaschen des eigens produzierten Heimat-Seccos, des Weiß- und des Spätburgunders. Und auch das Weingut Kippenhan aus Ritschweier steht schon mit seinem Heimattage-Müller-Thurgau in den Startlöchern. Der soll Ende März abgefüllt werden. Raffl lobt zwar die Zusammenarbeit mit der Heimattagebeauftragten Ada Götz und Roland Kern bei der Entwicklung und Umsetzung des Heimattageweines, allerdings sollten sich laut Raffl jetzt auch zeitnah die zuständigen Personen melden, die für die Vergabe der Ausschankplätze zuständig sind. Besonders der direkte Austausch mit den Besuchern liege ihm aber am Herzen. Er hoffe hier auf eine baldige Zusage. Raffl: „Für solch ein Wochenende braucht man sechs bis acht Personen beim Ausschank. Die warten nicht bis kurz vor Schluss, ob sie nun gebraucht werden oder nicht.“
Etwas irritiert ist Raffl außerdem, weil ein örtlicher Getränkefachhändler bei ihm angefragt habe, wie denn seine Einkaufspreise für den Heimattagewein seien. Damit könne er einem externen Caterer ein Angebot machen. Markus Raffl: „Daraus schließe ich, dass unser Wein zwar durchaus bei den Heimattagen zum Ausschank kommen wird, aber wohl eher durch einen externen Caterer als einen Direktausschank.“
Auswärtiger Dienstleister
Weil Heimat auch durch den Magen geht, wird natürlich auch ein professioneller Caterer benötigt. Tischen da die Weinheimer auf? Nein, die Stadt hat die gesamte Organisation des Caterings an einen Generaldienstleister aus dem hessischen Schöffengrund (Lahn-Dill-Kreis) vergeben: die Kegel Impuls Event Service GmbH. Der Termin ist auf der Homepage des Unternehmens bereits eingestellt. Dabei hätte die Stadt auch einen anderen Weg wählen können – schließlich ist die ortsansässige Hausbrauerei in diesem Bereich ebenfalls gut aufgestellt. Und auch das Weinheimer Original Heinrich Pflästerer hat Interesse bekundet. Seine Reaktion auf Nachfrage unserer Zeitung: „Vielleicht kommt ja noch jemand auf mich zu?“ Er gibt zu bedenken, dass ein Unternehmen, das nicht aus Weinheim kommt, die Gegebenheiten vor Ort falsch einschätzen könnte.
Dem widerspricht Kern vehement: „Die Entscheidung der Stadt für Kegel fiel, gerade weil der Gastro-Dienstleister regelmäßig mit der Weinheimer Getränke Müller GmbH und dem Veranstalter DeMi-Promotion aus Hirschberg zusammenarbeitet – und bereits mehrfach bei Veranstaltungen in Weinheim tätig war.“ Der Caterer verfüge über umfassende Erfahrung und erstklassige Referenzen. Einen vergleichbaren Anbieter gebe es in Weinheim nicht, heißt es. Kern verspricht: „Kegel wird in Weinheim mit regionalen und lokalen Anbietern zusammenarbeiten. Dieser Aspekt der lokalen Partner war und ist für uns als ein funktionierendes Gastronomieangebot bei den Heimattagen – auch aus Gründen der Nachhaltigkeit – besonders wichtig.“
Am besagten Wochenende spielt auch Roland Müller mit seinem Weinheimer Getränke-Fachgroßhandel eine zentrale Rolle. Als Hauptlieferant hat er zahlreiche Veranstaltungen im Schlosspark gemeinsam mit Kegel erfolgreich betreut und ihn deshalb auch empfohlen. Müller ist zuversichtlich, dass der Catering-Profi aus der Nähe von Wetzlar bald in die entscheidende Planungsphase eintreten und die lokalen Betriebe gezielt einbinden wird. In seiner Funktion als Vorsitzender des Gewerbevereins hat Müller zudem für den Landesgewerbetag bereits eine 30 Quadratmeter große Fläche reserviert, auf der sich die Mitglieder präsentieren können.
Bis zum Veranstaltungswochenende dürfte sich der Schluckauf bei dem einen oder anderen Bierliebhaber wieder gelegt haben, und auch die Spitzklicker haben in der Zwischenzeit sicher wieder neue „Tagesspitzen“, mit denen sie für Wirbel sorgen können.