„Mama, warum hast du keinen Penis?“

Wenn Kinderfragen zum Thema "untenrum" verlegen machen 

Forsche Fragen von Kindern können Eltern in Verlegenheit bringen – besonders, wenn es um Sexualität geht. Wie Eltern damit umgehen können, welche Grenzen sie respektieren sollten und warum Aufklärung Kinder schützt, erklärt Linu Lätitia Blatt aus Weinheim im Interview.

Linu Lätitia Blatt hat zusammen mit Noa Lovis Peifer ein Buch für Kinder geschrieben, die wissen wollen, was "untenrum" so los ist. Und dabei können auch die Eltern noch etwas lernen. Foto: Jeanette Petri
Linu Lätitia Blatt hat zusammen mit Noa Lovis Peifer ein Buch für Kinder geschrieben, die wissen wollen, was "untenrum" so los ist. Und dabei können auch die Eltern noch etwas lernen.

Weinheim. Kinder stellen viele Fragen – auch solche, die Erwachsene erröten lassen. Wie redet man mit Vierjährigen über Körper, Genitalien und Grenzen? Linu Lätitia Blatt hat zusammen mit Noa Lovis Peifer das Kinderbuch „Untenrum – und wie sagst du?“ geschrieben. Im Gespräch erklärt Blatt, warum frühe Aufklärung nichts mit „Frühsexualisierung“ zu tun hat, sondern Kinder schützt.

Ein Buch über Körperwissen

Sie haben zusammen mit Noa Lovis Peifer das Buch "Untenrum - und wie sagst du?" geschrieben - Ein Buch für Kinder ab vier Jahren. Worum geht es in dem Buch?

In unserem Kinderbuch geht es um das Kind Lo – ein neugieriges, freches und aufmerksames Kind. Lo hat im Kindergarten das Wort „untenrum“ aufgeschnappt und will zu Hause wissen, was das bedeutet. Die Eltern sind zunächst überfordert, versuchen dann aber gemeinsam mit Lo herauszufinden, was „Untenrums“ sind, was sie können und welche Wörter es dafür gibt. Es ist ein Buch, das Kindern, Eltern und Bezugspersonen dabei hilft, einen selbstbestimmten Zugang zum eigenen Körper zu behalten – und die richtigen Wörter dafür zu finden.

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Ehrlich bleiben statt rot werden

Wenn mein Kind zum Beispiel fragt, "Warum hast du keinen Penis?“, wie kann ich als Elternteil kompetent reagieren?

Zuerst einmal ist es völlig normal, als Eltern überrascht und vielleicht auch überfordert zu sein von der Frage. Und es ist vollkommen in Ordnung, zunächst keine Antwort parat zu haben oder rot zu werden. Dann kann man dem Kind sagen, „irgendwie weiß ich gar nicht so richtig, wie ich die Frage beantworten kann - Ich muss mich damit erst mal beschäftigen“. Und dann kann es sinnvoll sein, sich als Eltern kurz herauszuziehen, durchzuatmen, vielleicht es noch mal zu googeln und zu überlegen, wie man es kindgerecht erklären kann.

Frühe Aufklärung schützt

Warum ist es wichtig, dass die Kinder bereits im frühen Alter anfangen, über den Körper zu sprechen?

Unsere Erfahrung aus der sexualpädagogischen Arbeit zeigt: Kinder interessieren sich für Genitalien, so wie Kinder sich mit dem restlichen Körper beschäftigen. Das ist auch gut so. Denn Kinder brauchen Wörter, mit denen sie sich verständigen können, wenn sie zum Beispiel ihren Bezugspersonen sagen wollen, dass ihnen im Intimbereich etwas weh tut. Erwachsene sollten sie dabei liebevoll begleiten, damit Kinder für ihr Genital ein Wort lernen, die auch Erwachsene verstehen können. Nur so können sie sich im Ernstfall verständigen - wenn ihnen etwas weh tut oder sie einen Übergriff erlebt haben. In unserem Buch nennen wir das „Profisprache“.

„Es wäre eine Beschneidung von Gewaltprävention, zu verhindern, dass Kinder sich Wissen über den Körper aneignen.“

Was ist Ihre Antwort auf Aussagen von Eltern, die sagen, das Buch wäre "Frühsexualisierung"?

"Frühsexualisierung" ist ein rechts-geprägter Begriff, der häufig von Gegnern sexualpädagogischer Arbeit verwendet wird, um diese zu diffamieren. Eigentlich dreht dieser Begriff um, worum es wirklich geht. Unser Buch vermittelt ganz basales Körperwissen. Das hat erstmal gar nichts mit Sex zu tun, sondern in erster Linie einfach nur mit Körpern und Körperwissen. Wissen ist Macht und Körperwissen unterstützt einen selbstbestimmten Zugang zum eigenen Körper. Und dieser schützt vor sexualisierter Gewalt. Es wäre eine Beschneidung von Gewaltprävention zu verhindern, dass Kinder sich Wissen über den Körper aneignen. Auch die Kinder von diesen Eltern stellen sich irgendwann mal die Frage „Hey, was ist denn das da bei mir untenrum?”. Dann ist es wichtig, die Kinder nicht mit ihren Fragen alleine zu lassen.

Zusammen mit Noa Lovis Peifer (hinten) hat Linu Lätitia Blatt das sexualpädagogische Kunstkollektiv "glitterclit" gegründet. In diesem Rahmen entwickeln sie kreative, glitzernde Modelle von Intimorganen, um die sexuelle Bildung zu fördern und ein spielerisches, respektvolles Verständnis für Körperteile und Sexualität zu schaffen. Mit "Untenrum" bringen sie das auch Kindern ab vier Jahren nahe. Foto: Jeanette Petri
Zusammen mit Noa Lovis Peifer (hinten) hat Linu Lätitia Blatt das sexualpädagogische Kunstkollektiv "glitterclit" gegründet. In diesem Rahmen entwickeln sie kreative, glitzernde Modelle von Intimorganen, um die sexuelle Bildung zu fördern und ein spielerisches, respektvolles Verständnis für Körperteile und Sexualität zu schaffen. Mit "Untenrum" bringen sie das auch Kindern ab vier Jahren nahe.

Der richtige Zeitpunkt

Ab wann ist sinnvoll, mit Kindern über solche Körperthemen zu sprechen?

Spätestens, wenn Kinder von sich aus Fragen stellen. Dabei sollten wir als Erwachsene darauf achten, sie nicht zu überfordern und kindgerecht zu antworten. Abgesehen davon sollten aber auch von Anfang an Wörter für Genitalien mitgegeben werden. So kann man beim Wickeln sagen: „Ich mache dich jetzt an der Vulva oder am Penis sauber“. Dann hat das Kind wieder ein wichtiges Wort gelernt. Eltern sollten auch darauf achten, dass die Grenzen von Kindern gewahrt werden. Ihr Nein sollte ernst genommen werden, wenn sie beispielsweise nicht geküsst werden wollen. Nur so können Kinder lernen, dass ihr Körper ihnen gehört.

„Wissen ist Macht – auch, wenn es um den eigenen Körper geht.“

Warum ist es wichtig, dass Kinder sowohl mit lustigen als auch mit dem medizinischen Begriff vertraut sind?

"Profisprache" nennen wir in unserem Buch die Sprache, die Kinder lernen müssen, um sich mit Erwachsenen verständigen zu können. Dazu gehören Wörter wie "Vulva", "Penis" oder "Genital". Diese Wörter helfen, wenn man sich Hilfe holen möchte, zum Beispiel wenn eine Grenze überschritten wurde oder wenn einem etwas wehtut. Aber gleichzeitig wollen wir in unserem Buch dazu einladen, einen spielerischen, selbstbestimmten und auch lustvollen Zugang zum eigenen Körper zu beizubehalten. Den haben Kinder ja ganz oft sowieso schon.

Körpererkundung ist privat

Was würden Sie Eltern raten, die ihrem Kind verbieten wollen, ihren Körper zu entdecken?

Ich würde den Eltern raten, dem Kind in einem ruhigen Moment zu erklären, dass es völlig okay ist, mit seinem Genital zu spielen, aber dass das etwas Privates ist. Das Kind könnte dafür zum Beispiel in sein Zimmer oder in eine ruhige Ecke gehen. So kann das Kind vor Übergriffen geschützt werden, zudem kann verhindert werden, dass sich andere unwohl fühlen, wenn sie das Kind beim Spielen mit dem eigenen Genital sehen. Dabei ist sehr wichtig, dass das Kind nicht das Gefühl bekommt, dass sein Körper oder das Spielen mit ihm etwas Schlechtes oder Verbotenes ist. Es soll verstehen, dass es völlig in Ordnung ist, aber dass es in bestimmten Situationen nicht angebracht ist.

Foto: BELTZ

Das Kinderbuch „Untenrum – und wie sagst du?“ ist Im BELTZ Verlag Weinheim erschienen und lädt Eltern und Kinder dazu ein, gemeinsam, ehrlich und offen über den Körper zu sprechen. Wir verlosen zwei Exemplare des Buchs.

Teilnahmeschluss ist der 05. November 2025 um 08:00 Uhr. Die Gewinnbenachrichtigung erfolgt via E-Mail.

Dieses Gewinnspiel wird ausschließlich von der DiesbachMedien GmbH ausgespielt.

Wir wünschen viel Erfolg!