Hirschberg an der Bergstraße

Wie Knut-Jürgen Gissel alte Geschichten über Hirschberg aufspürt

Seit Jahren veröffentlicht Knut-Jürgen Gissel auf Facebook Bilder und hofft so auf spannende Anekdoten. Ein Foto hat für große Aufregung gesorgt.

Der Leutershausener Knut-Jürgen Gissel hat ein Hobby: Er stellt Bilder über alte Gebäude oder Menschen auf Facebook und erhofft sich so, mehr Geschichten über seinen Heimatort zu erfahren. Foto: Gian-Luca Heiser
Der Leutershausener Knut-Jürgen Gissel hat ein Hobby: Er stellt Bilder über alte Gebäude oder Menschen auf Facebook und erhofft sich so, mehr Geschichten über seinen Heimatort zu erfahren.

Da sitzt der 78-Jährige in kurzen Hosen gemütlich an seinem Schreibtisch. Knut-Jürgen Gissel juckt es schon wieder, schnell ein Bild auf Facebook hochzuladen und auf die Reaktionen aus seiner Heimatgemeinde Hirschberg zu warten. Die Seite „Alte Bilder von Leutershausen an der Bergstraße“ hat es ihm sichtlich angetan. Anja und Carsten Ewald haben sie am 6. September 2017 erstellt. Die öffentliche Gruppe besitzt derzeit 588 Mitglieder. Gissel ist eines davon, und zwar mit „Top-Beteiligung“, weil er so aktiv ist. Eines seiner neuesten Bilder zeigt das „Grammeloch“ Ecke Hauptstraße (links ist heute der Parkplatz des Gasthauses „Zum Löwen“).

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Hoffnung auf eine Kettenreaktion

„Wenn ich ein Bild reinstelle, erhoffe ich mir eine Kettenreaktion“, erzählt der Hirschberger. Manchmal klappt dies, manchmal leider nicht. „Jeder hängt sich dran, findet es gut. Aber mehr kommt dann doch nicht.“ Gissel würde gerne den Einbahnstraßenverkehr auf der Internetplattform auflösen und zu einem regen Austausch kommen. Und dies hat einen triftigen Grund: Jedes Bild erzählt nämlich eine Geschichte, und der möchte der Hobbyforscher nachgehen, sie aufspüren und enträtseln. Knut Gissel vergleicht es mit einem Puzzlespiel.

Die Bilder seines Sohnes Kai hängt sich Papa Knut gerne auf. Foto: Gian-Luca Heiser
Die Bilder seines Sohnes Kai hängt sich Papa Knut gerne auf.

In Hirschberg immer auf der Suche

Sein Hobby nimmt pro Tag schon zwei bis drei Stunden in Anspruch. Dass es einmal so weit kommt, hatte der sympathische Leutershausener nicht gedacht, als er vor gut 15 Jahren zu sich sagte: „Ich muss da mal in Facebook rein.“ Gissel hat selbst eine Fülle an alten Bildern, nimmt gerne Bilder entgegen. Er verwendet zudem die Motive aus den Kalendern des verstorbenen Josef Fey. Dessen erstes Kalenderprojekt mit „Heisemer Leit“ stammt aus dem Jahr 1996. 2011 folgte das über „Verschwundene Arbeit – untergegangene Berufe“ in Leutershausen. 2013 wagte sich Fey an sein nächstes Kalenderprojekt heran: „1907 bis 2007 – 100 Jahre auf dem steinigen Weg zur Gemeinsamkeit“. In dem Kalender für 2014 porträtierte er unter anderem die Pfarrer der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde aus den Jahren 1901 bis 1975.

Gissel lässt einfach nicht locker

Bekommt Gissel Bilder in die Finger, fotografiert er sie lieber ab, als sie einzuscannen. „Die Qualität ist dann besser“, begründet er. Doch wie kommt er an die Bilder? „Er spricht jeden im Ort an, ob er Bilder besitzt“, schildert seine Frau Inge die Vorgehensweise und lacht. Manchmal schämt sie sich schon fast dafür, weil ihr Mann nicht lockerlässt. „Jeder Bauer uff de Strooß ist schließlich meine Quelle“, hält Knut ihr entgegen. Wenn das eine oder andere unklar ist, fragt er natürlich gerne seine Frau. Die stammt aus Leutershausen, sie ist also eine Ur-Heisemerin. Apropos Ur-Heisemer: „Ruth Stöhr und Hanne Volk habe ich die Bilder auch schon mal gezeigt. Die haben Tränen gelacht“, freut sich Knut Gissel sehr über die Resonanz, die seine Bilder auslösen.

Kontakt zu früheren Ladenbesitzern

Der 78-Jährige deutet derweil auf ein Bild von der Ecke Hauptstraße/Raiffeisenstraße. Es zeigt das „verwunschene Eckgrundstück mit Garten und Baum“. Auch hier wittert er eine Geschichte. Ein anderes Bild zeigt den OEG-Bahnhof im Jahr 1940. Leider gab es nicht mehr Informationen, daher fährt der Leutershausener ins Nahverkehrsmuseum der RNV nach Mannheim, um mehr herauszubekommen.

Kontakt nimmt Gissel auch zu Rüdiger Andersch auf, der mittlerweile in Schriesheim lebt. Andersch hatte ein Uhrmachergeschäft in der Kirchgasse in Großsachsen und stellte ihm alte Bilder zur Verfügung.

"Ich lösche kein Bild"

Über so manche Bildbeiträge ist der Leutershausener sehr unglücklich. So wurde ein Bild von einem Rosenstrauch eingestellt. Den Sinn habe er nicht verstanden. „Bei Gruppenbildern könnte es Probleme mit den Persönlichkeitsrechten geben“, nennt er eine weitere Gefahrenquelle. Ein Aufreger war, als auf einem Bild ein Hakenkreuz und SS-Abzeichen zu sehen waren. „Wenn ich solche Bilder verbieten will, müsste ich das Fernsehen abstellen. Klar war dies damals ein Scheiß, aber es ist nun mal deutsche Geschichte. Und das Bild ist ein historisches Dokument. Ich lösche kein Bild“, begründet er.

Vom Wilden Westen fasziniert

Beim Blick durch den Raum sticht einem sofort Gissels weiteres großes Hobby ins Auge: Er „zimmert“ schon seit Jahrzehnten Westernhäuser aus Holz im Maßstab 1:25 für seine Cowboy- und Indianerfiguren. Der Hobbybastler entwickelt wie bei den Bildern viel Liebe zum Detail. Inspirationen holt sich der Leutershausener von Ralf Hoffmann, Inhaber der Mannheimer Firma DiedHoff-Modellfiguren. „Auch Bruchstücke bekomme ich von ihm. Da fehlt beispielsweise bei einem Pferd etwa ein Fuß oder bei einem Indianer ein Arm oder der Kopf. Ich repariere sie dann.“

Gissel hat noch ein weiteres Hobby: Er sammelt Cowboy- und Indianerfiguren. Foto: Gian-Luca Heiser
Gissel hat noch ein weiteres Hobby: Er sammelt Cowboy- und Indianerfiguren.

Reger Austausch

Über die Internetseite „Figurenreport“ hält Gissel engen Kontakt zu seinen Freunden, die ebenfalls von diesem Hobby fasziniert sind. „Im August kommen zehn Freunde zu mir, um mal wieder so richtig Fachsimpelei zu betreiben.“ Und am 12. Oktober findet dann Europas größte Figurenmesse in Friedberg statt.

Gissel ist folglich neben seinen Bildern sehr beschäftigt. Er lacht und hält ein Bild seines Sohns Kai hoch. Der hatte sich während der Corona-Pandemie als Liebhaber der Pop-Art mit Kunst abgelenkt.

Der Friseurmeister intensivierte während des Lockdowns seine Leidenschaft und war dabei auf die belgische Künstlerin Patricia Gadisseur aufmerksam geworden. Ihre Collagen-Technik inspirierte ihn. Bei Papa Knut hängen einige der großformatigen Bilder, auf denen die Schauspieler Steve McQueen oder Paul Newman zu erkennen sind. Vor wenigen Tagen brachte Sohn Kai ein Bild vorbei: „Kannst du mir mal bitte Haken hintendran machen?“ Papa Knut erledigt dies.