Zeckengefahr in Weinheim und an der Bergstraße
Aktuell wird wieder mehr vor Zeckenbissen gewarnt. Was es mit Krankheiten wie Borreliose oder FSME auf sich hat und wie man sich schützen kann, verrät Hausärztin Dr. Katrin Illmann.
Die sommerlichen Temperaturen und die vielfältigen Landschaften und Freizeitmöglichkeiten in Weinheim und entlang der Bergstraße laden aktuell noch verstärkt zum Aufenthalt im Freien und in der Natur ein. Das Gesundheitsamt des Rhein-Neckar-Kreises hat unter der Woche eine Medieninformation herausgegeben, in der aktuell besonders vor Zeckenbissen gewarnt wird und Schutz- und Präventionsmöglichkeiten aufgezeigt werden.
Gesundheitsrisiko für den Menschen
Darin heißt es unter anderem: „Zecken sind blutsaugende Parasiten und gehören zu den Spinnentieren. Durch ihren dehnbaren Hinterleib können Zecken große Mengen an Blut aus unterschiedlichen Wirtstieren aufnehmen. Sie stellen ein Gesundheitsrisiko für den Menschen dar, da bei einem Zeckenstich über den Speichel der Zecke unterschiedliche Krankheitserreger, wie Viren, Bakterien und Einzeller auf den Menschen übertragen werden können.“
In der Tat: Zecken können schon bei niedrigen Temperaturen aktiv sein. Höhere Jahresdurchschnittstemperaturen, zum Beispiel als Folge des Klimawandels, tragen somit dazu bei, dass Zecken insgesamt über einen längeren Zeitraum des Jahres aktiv sind. Auch die Ansiedelung von neuen Zeckenarten durch veränderte Umweltbedingungen wird so begünstigt. Die heimischen Zeckenarten kommen vor allem in der bodennahen Vegetation vor und bevorzugen feuchte Lebensräume, wie dicht bewachsene Bachläufe, Waldränder und angrenzenden Flächen, wie zum Beispiel Felder, Gärten und Parks.
Zur Fortpflanzung sind Zecken darauf angewiesen, dass ihr Lebensraum regelmäßig von Wirtstieren, wie Säugetieren und Vögeln aufgesucht wird. In der Mitteilung des Gesundheitsamtes heißt es weiter: „Im Gegensatz zur häufig vorkommenden Meinung lauern Zecken Menschen meist nicht von hochgewachsenen Baumen oder Sträuchern aus auf, beispielsweise indem sie sich von oben auf diese herabfallen lassen, Zecken sitzen viel häufiger auf der Spitze von Gräsern und bodennahen Pflanzen. Bei niedrigerer Luftfeuchte (viel Sonnenschein oder Wind) kehren sie von dort aus wieder in die feuchte Bodenschicht zurück.“
Wissenswertes von der Ärztin
Wir haben uns mit Dr. Katrin Illmann, die gemeinsam mit ihrem Mann Jens eine hausärztliche Gemeinschaftspraxis im Lutengässel in Lützelsachsen betreibt und dem Ärzteverbund regiomed Weinheim angehört, über die Gefahren, die von Zecken aktuell ausgehen, unterhalten.
Frau Dr. Illmann, warum sind Zeckenbisse so gefährlich?
Katrin Illmann: Zu den bedeutendsten durch Zecken übertragene Infektionskrankheit in Deutschland gehört die Borreliose, eine Bakterieninfektion, die durch Borrelien verursacht wird. Diese Krankheit kann verschiedene Organsysteme betreffen, insbesondere die Haut, das Nervensystem und die Gelenke. Borreliose beginnt leider nicht immer mit einem typischen Hautausschlag. Wird die Krankheit rechtzeitig erkannt, kann man sie sehr gut mit Antibiotika behandeln.
Und es gibt die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)?
Illmann: Richtig, die durch die Zecken übertragene FSME-Viren können eine Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute hervorrufen. Sie kommt hauptsächlich im süddeutschen Raum vor, da Zecken in diesen Regionen verstärkt das FSME-Virus aufweisen. Die FSME ist eine Viruserkrankung, die auch milde und unbemerkt verlaufen kann. Gegen die Erkrankung gibt es keine Medikamente, die heilen.
Und welche Erkrankungen sind noch auf Zeckenbisse zurückzuführen?
Illmann: Unter anderem gibt es auch die humane granulozytäre Anaplasmose – eine Infektion, die Fieber, Verwirrtheit und Erbrechen auslösen kann. In Deutschland ist sie höchst selten beobachtet worden. Außerdem gibt es noch diverse Rickettsiosen. Die Symptome sind auch hier Fieber, heftige Kopfschmerzen und Entkräftung. Hunde können Barbesiose, Hundemalaria bekommen.
Gibt es wirksame Schutzimpfungen gegen die Krankheiten von Zecken?
Illmann: Seit vielen Jahren gibt es eine gut wirksame Impfung gegen FSME, gegen Borrelien kann man leider noch nicht impfen. Die Impfung wird im Rhein-Neckar-Kreis von allen gesetzlichen Krankenkassen übernommen, deswegen haben wir in unserer Praxis den Impfstoff immer vorrätig und können jederzeit eine Impfung vornehmen. Meines Wissens übernehmen auch alle privaten Krankenkassen die Impfung.
Wie kann man sich sonst noch vor Zecken schützen?
Illmann: Das Tragen von langer Kleidung ist effektiv und hat keine Nebenwirkungen. Zecken reagieren auf Geruch und Kontakt zu Haut und Fell. Außerdem schützen frei verkäufliche Insektenschutzsprays. Diese schützen aber nur zeitlich begrenzt, und sollten ebenfalls auch auf die Kleidung gesprüht werden. Meist dauert es etwas, bis sich die Zecken festbeißen. Deswegen ist es immer sinnvoll, sich nach dem Aufenthalt in der Natur abzusuchen. Insbesondere Kinder, die viel Kontakt zu bodennahen Pflanzen haben.
Wie sollte man Zecken schonend entfernen, damit sie die Krankheiten nicht übertragen?
Illmann: So früh wie möglich und so gründlich wie möglich, ohne dabei die Zecke zu quetschen, oder zu beschädigen. Geeignet ist eine gebogene, spitze Pinzette, oder eine Zeckenzange. Keinesfalls sollte die Zecke vorher mit Öl oder Kleber oder ähnlichem „erstickt“ werden. Die Zecke sollte direkt am Köpfchen gepackt werden.
Worauf sollte man achten, wenn man eine Zecke entfernt hat?
Illmann: Idealerweise sollte man sich vergewissern, ob die Zecke komplett entfernt wurde. Sollte dies nicht gelingen, ist das nicht so schlimm. Vor überehrgeizigen Manövern zur Entfernung von Restteilen sollte man Abstand nehmen. Der Körper schafft das auch alleine mit der Zeit. Natürlich kann man bei Unsicherheit auch den Hausarzt kontaktieren. Die Zeckenbissstelle sollte man sich merken und noch einige Tage beobachten, ob sich eine Rötung ausbreitet. Dann sollte man bitte zeitnah zum Hausarzt gehen. Dies gilt auch, wenn man in den 10 bis 14 Tagen nach dem Biss Symptome wie Fieber, Abgeschlagenheit und Benommenheit feststellt. Als sehr nützlich hat sich auch erwiesen, bei jedem Zeckenbiss ins Impfbuch zu schauen, um zu prüfen, ob der aktuelle Schutz noch ausreicht. Die Impfung ist, nach erfolgreicher Grundimmunisierung, alle drei beziehungsweise fünf Jahre aufzufrischen.
Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen, haben die Zeckenbisse in den letzten Jahren zugenommen beziehungsweise haben Sie mehr Patienten, die aufgrund von Zeckenbissen zu Ihnen in die Praxis kommen?
Illmann: Mein Gefühl ist, dass dieses Jahr eher etwas weniger Zeckenbisse in unserer Praxis gesehen wurden. Das mag an dem verregneten Sommeranfang liegen. Die Menschen waren weniger draußen. In den Corona-Jahren war es deutlich mehr – Outdoor-Sport boomte damals. Insgesamt beobachten wir aber in der Praxis, dass Zecken mittlerweile das ganze Jahr über auftreten. Es gibt keine Pausen mehr, wie das früher der Fall war, wo man sich beim Zeckenalarm rein auf Frühjahr und Herbst konzentrieren konnte. Zecken sterben erst bei minus zehn Grad, was wir in unserer Region nur sehr selten haben. Bei weniger als acht Grad werden sie inaktiv. Da es in unseren Breiten insgesamt wärmer wird, ist demnach die Zecken-Zeit länger und die Population viel größer.
INFO: Auf der Homepage des Robert Koch Instituts unter www.rki.de findet sich zahlreiches Informationsmaterial rund um Zecken, FSME und Borrelien.