Bergsträßer Weinbau

Zehn Jahre Bürgerwingert: Wie aus Bürgerhand in Hemsbach Bio-Wein entsteht 

Vor zehn Jahren pachteten ein paar Hemsbacher einen kleinen Weinberg am Berlingweg. Das Resultat: acht Flaschen ungenießbaren Weins. Heute betreuen die Mitglieder der IG Bürgerwingert rund 900 Reben.


Matthias Kranz
von Matthias Kranz

31.01.2025


Im Bürgerwingert gilt Bioweinbau. Das erfordert viel Handarbeit. Foto: Marco Schilling
Im Bürgerwingert gilt Bioweinbau. Das erfordert viel Handarbeit.

Hemsbach. Im Rahmen des damaligen Integrierten Stadtentwicklungskonzepts (ISEK), dem Vorläufer der heutigen Stadtgestalterei, war und ist es das Ziel der Stadt Hemsbach, die alte Kulturlandschaft der Bergstraße großflächig zu erhalten und wieder herzustellen. Hierzu gehört der Erhalt eines Nutzungsmosaiks unter Einschluss des Weinbaus als einer der Nutzungsarten. Als sich am 13. April 2015 einige Hemsbacher trafen, um über einen Bürgerwingert zu sprechen war jedoch noch keineswegs klar, wohin die Reise gehen würde. Auf Anregung von Kurt Pfliegensdörfer, zu dieser Zeit noch Vorsitzender der Winzergenossenschaft Bergstraße, wurde ein erster rund fünf Ar kleiner Weinberg am Berlingweg angepachtet.

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Der bereits seit einigen Jahren verwilderte Weinberg mit teilweise armdicken Robinien wurde gepflegt, die im Gebüsch noch vorhandenen 240 Riesling-Reben freigestellt und geschnitten. Der erste Ertrag hielt sich allerdings sehr in Grenzen und betrug gerade einmal acht Flaschen Wein, der selbst gekeltert wurde. Von der Qualität her war er kaum trinkbar, wie die Aktiven des Bürgerwingerts selbstironisch einräumen.

Mit dem Weinberg am Berlingweg fing vor zehn Jahren alles an. Foto: Bürgerwingert
Mit dem Weinberg am Berlingweg fing vor zehn Jahren alles an.

Viel Handarbeit

Aber sie hatten einen Anfang gemacht und ließen sich nicht entmutigen. Die Aktiven gründeten eine Interessengemeinschaft (IG), die nach den Regeln des Bioweinbaus arbeitet. Jeder, der jährlich 50 Euro einzahlt und mitarbeitet, ist Mitglied bei der IG Bürgerwingert Hemsbach. Der Bioweinbau erfordert sehr sorgsame Laub- und Bodenarbeit sowie Rebschutz. Der natürlich begrünte Boden wird von Hand gemäht. Zunächst drei Aktive erwarben den Sachkundenachweis Pflanzenschutz, der für den Kauf und die Anwendung von Rebschutz-Spritzmitteln erforderlich ist.

Entgegen der nach wie vor verbreiteten Ansicht, dass die Öko-Winzer nicht „spritzen“, müssen sie es doch tun. Sie spritzen sogar häufiger als die konventionellen Winzer, weil die Mittel schwächer sind und nicht lange vorhalten. Gespritzt wird gegen Pilzerkrankungen und zur Stärkung der Weinreben. Synthetische Spritzmittel sind dabei tabu. Die Anwendung von Glyphosat wird strikt abgelehnt, der Bewuchs wird von Hand kurzgehalten.

2016 wurde ein nahe am ersten Bürgerwingert gelegener fünf Ar große und mit 340 Riesling-Reben bestockter Weinberg dazu gepachtet. In seinem oberen Teil hat er 40 Prozent Gefälle. 2017 kam der 4,75 Ar große, mit 220 Pinot-noir-Reben (Spätburgunder) bestockte dritte Bürgerwingert im Epp hinzu.

Die Stadt Hemsbach stellte dem Bürgerwingert eine ehemalige Scheuer zur Verfügung. Diese wurde mit großem Einsatz der Mitglieder in einen nutzbaren Zustand versetzt. Heute ist sie Depot für die nach und nach angeschafften Geräte. Das Dach reparierte die Stadt, der Regenablauf wurde gemeinsam mit der Stadt erneuert und ein Teil des Hofs gepflastert. Es gibt weitere Ausbaupläne, um sie als richtige Kellerscheuer und als Treffpunkt auszubauen.

Der frühere BUND-Vorsitzende Gerhard Röhner richtete bei sich zu Hause einen Weinkeller ein, in dem die Weine des Bürgerwingerts vergoren, ausgebaut und schließlich auf Flaschen gezogen werden. Der Wein wird aus Gründen der Abfallvermeidung und der Verringerung des CO₂-Abdrucks in recycelte Flaschen mit Schraubverschluss abgefüllt.

20 Mitglieder, 900 Reben

Der Bürgerwingert hatte einigen Zulauf von Hemsbacher und externen Mitgliedern aus Schriesheim, Ilvesheim, Lampertheim und dem Odenwald. Zur Bearbeitung der jetzt drei Wingerte mit inzwischen knapp 900 Reben wurden die über 20 Mitglieder, darunter drei Frauen, in drei Gruppen aufgeteilt. Auch nach jetzt zehn Jahren Bürgerwingert ist die Gruppe hoch motiviert. Es gibt die Gelegenheit, alle erforderlichen Tätigkeiten von inzwischen erfahrenen Bürgerwingertlern zu lernen. Freiwillige Helfer sind beim Herbsten oder auch sonst immer willkommen.

Die Geselligkeit kommt nicht zu kurz: Unsere Aufnahme stammt vom Helfertreffen im Jahr 2021. Foto: Bürgerwingert
Die Geselligkeit kommt nicht zu kurz: Unsere Aufnahme stammt vom Helfertreffen im Jahr 2021.

Die größte Anforderung an die Gemeinschaft stellt das vorbeugende, manchmal wöchentliche Rebschutz-Spritzen gegen Pilzkrankheiten während der Vegetationsperiode dar. Hierbei gilt es die Weiterentwicklung im Auge zu haben und insbesondere vor stärkerem Regen aktiv zu werden. Ein Großteil der Mitglieder des Bürgerwingerts ist berufstätig und hat Familie, kann gewöhnlich nur am Wochenende aktiv werden. Das bedeutet, dass bei plötzlich erforderlich werdenden Einsätzen unter der Woche nur wenige einspringen können. Das im Bio-Weinbau immer noch erforderliche Spritzen von sehr geringen Mengen Kupfer-Hydroxid gegen Falschen Mehltau (Peronospora) ist bei den Mitgliedern unbeliebt.

Umstellung auf PIWI-Sorten

Eine Möglichkeit, das Spritzen zu verringern, ergibt sich für den Bioweinbau durch das Anpflanzen von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten (PIWI). Im ersten Bürgerwingert wurden deshalb einige Zeilen Riesling durch Reben der Weißwein-Sorte Souvignier Gris ersetzt. 2024 konnten davon 50 Liter ausgebaut werden. Im zweiten Bürgerwingert, der aufgrund seiner südlichen Exposition und der Hanglage insbesondere in trockenen Jahren für Riesling nicht geeignet erscheint, wurden zwischen die Rebstöcke junge Satin-Noir-Rotwein-Reben gepflanzt. Sobald diese entsprechend entwickelt sind und tragen, sollen dann die Riesling-Reben entfernt werden. In den Bereichen, in denen die PIWI-Reben gepflanzt wurden, kann künftig auf 80 Prozent des Spritzens verzichtet werden. Die weitere Umstockung auf PIWI-Rebsorten ist beabsichtigt.

Es kommt den Mitgliedern der IG Bürgerwingert eher auf die Qualität als auf die Menge des von ihnen erzeugten Weins an. Es ist ein tolles Gefühl, den selbst erzeugten Wein zu genießen. Nach dem Weingesetz ist der Verkauf des Weins nicht erlaubt. Der Ertrag wird unter den Mitgliedern aufgeteilt. Inzwischen bearbeiten vier der heutigen Mitglieder auch eigene Weinberge, bauen die hier erzeugten Weine selbst aus oder lassen sie extern ausbauen. Zwei von ihnen betreiben den Weinbau inzwischen beruflich.

Das zehnjährige Bestehen des Bürgerwingerts wird am Sonntag, 9. Februar, ab 10 Uhr zusammen mit einem Rebschneide- und Schnupperkurs im ersten Bürgerwingert am Hemsbacher Berlingweg gefeiert. Interessierte sind willkommen.