Transidentität bei Kindern

"Unser Sohn ist eine Tochter"

Wenn Kinder und Jugendliche nicht mit ihrem zugewiesenen Geschlecht leben können, beginnt für Eltern eine Zeit großer Fragen. Eine Mutter aus der Region Bergstraße erzählt über den Weg der Transition ihres vierjährigen Kindes.


Bettina Wolf
von Bettina Wolf

13.07.2024


Erst als Mädchen glücklich. Alle Bilder von früher, die Leonie als Leon zeigen, mussten abgehängt werden. Foto: Pixabay
Erst als Mädchen glücklich. Alle Bilder von früher, die Leonie als Leon zeigen, mussten abgehängt werden.

Immer mehr Kinder und Jugendliche durchlaufen vor dem Erwachsenwerden eine Phase der Geschlechtsunsicherheit und fragen sich: Bin ich wirklich ein Mädchen, auch wenn ich so aussehe? Oder sagen ganz klar: Ich bin ein Junge. Und nicht: Ich möchte lieber ein Junge sein. Das ist ein wichtiger Unterschied. Diese Kinder und Jugendlichen, die mit dem bei der Geburt zugewiesenen biologischen Geschlecht nicht übereinstimmen, werden heute als transgender oder trans Kinder bezeichnet.

Transgender zu sein ist keine Modeerscheinung, kein Hype. Transgender Kinder gibt es, solange es die Menschheit gibt. Doch erst in den vergangenen Jahren sind die geschlechtliche Vielfalt und die Lebensrealitäten von trans Personen deutlich sichtbarer geworden. Dennoch ist Transidentität noch immer ein Nischenthema.

Wir haben Linda (alle Namen, Berufe und der Wohnort wurden auf Wunsch der Familie anonymisiert) getroffen. Lindas heute zwölfjährige Tochter kam als Sohn zur Welt. Als Leonie vier Jahre alt war, begann sie davon zu sprechen, ein Mädchen zu sein. Sie wunderte sich über das Aussehen ihres Körpers und artikulierte deutlich ihr Befremden. Sie fühlte sich wortwörtlich im falschen Körper und wartete darauf, dass sich dieser ihrem echten Geschlecht, dem weiblichen, anpassen würde.

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"Du hast doch einen Penis. Du kannst gar kein Mädchen sein"

Nicht sofort wurde das Thema von den Eltern ernst genommen, sondern als eine Phase von vielen, die Kinder in den ersten Jahren durchlaufen. Doch je vehementer Leonie es für sich einforderte, umso energischer wiesen die Eltern dies zurück. „Du hast doch einen Penis“, versuchten sie zu erklären. „Du kannst gar kein Mädchen sein.“ Und da begann für Leonie eine Zeit der großen Trauer.

Linda, wann genau fiel euch auf, dass bei Leonie etwas „anders“ ist?

Als sie vier Jahre alt war und wie alle Kinder in dem Alter zum ersten Mal ihre Geschlechtlichkeit wahrgenommen hat. Da hat sie direkt und klar kommuniziert, ein Mädchen zu sein. Aber wenn ich jetzt zurückdenke, dann hätte es uns viel früher auffallen können. Leonie wollte immer Rosa tragen, in Rollenspielen war sie immer die Mutter oder die Königin, und sie hat schon immer von sich als Mädchen gesprochen, sobald sie sprechen konnte. Auch ihr ganzes Wesen war schon immer – auch wenn das plakativen Geschlechterbildern entspricht – sehr weich und sehr fürsorglich. Rückblickend hat sie also von Anfang an sehr deutlich gezeigt, dass sie ein Mädchen ist, und wir haben es einfach nicht wahrnehmen können. Natürlich stellt man als Eltern das Geburtsgeschlecht ja auch nicht einfach so infrage, aber letztendlich hatte sie uns alle Zeichen gegeben, doch wir haben etwas länger gebraucht, um es zu verstehen.

Wie habt ihr darauf reagiert?

Je mehr sie eingefordert hat, ein Mädchen zu sein, umso mehr haben wir dagegen gesprochen. Nein, du hast doch einen Penis, du bist doch ein Junge – haben wir versucht zu erklären. Je mehr wir auf ihre körperlichen Merkmale hingewiesen haben, umso unglücklicher wurde sie und umso mehr zog sie sich zurück. Bis ich irgendwann die Reißleine gezogen habe und auf Ursachenforschung ging. Durch meine pädagogische Arbeit als Erzieherin war mir das Thema nicht ganz fremd – ich reflektierte, wie sich ihr Verhalten verändert hat, und ziemlich schnell kam ich dann auf das Thema Transidentität.

Und dann habt ihr euch Hilfe geholt?

Wir sind mit einem Koffer voller Fragen und Unsicherheiten zum Verein Plus nach Mannheim gefahren. Der Verein konnte viel beantworten; wirklich hilfreich war dann auch die Vermittlung zu einer anderen Familie mit einem transidenten Kind. Das hat uns sehr viel gebracht, es war ein wunderbarer Austausch. Anschließend wurden wir an die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Frankfurt verwiesen zu Dr. Meyenburg. Nach einem Erstgespräch ergab sich sehr schnell die Verdachtsdiagnose auf Geschlechtsinkongruenz (damals hieß es noch Geschlechtsidentitätsstörung). Wir haben dann einen Verhaltensplan an die Hand bekommen: Wir sollten uns komplett neutral verhalten und weder männliche noch weibliche Pronomen benutzen und dann beobachten, in welche Richtung das geht.

Wie hat das funktioniert?

Überhaupt nicht. Es hat überhaupt keinen Sinn gemacht. Mein Mama-Herz hat mir klar gesagt: Das ist der falsche Weg. Der einzig richtige wäre, hinzuschauen und zu erkennen: Was möchte mein Kind, und es dabei unterstützen. Die Konsequenz daraus war, dass wir Leonie dann quasi die Erlaubnis erteilt haben, endlich ein Mädchen sein zu dürfen. Und dann gab es für sie kein Halten mehr. Erst einmal wollte sie shoppen: Rosaglitzer-Klamotten, pinke Haarspangen und so weiter. Wir hatten aber von den Ärzten die Vorgabe bekommen, es erst einmal nur zu Hause auszuprobieren.

Transidentität bedeutet, dass sich ein Mensch nicht mit dem ihm bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren kann. Foto: Simon Hofmann
Transidentität bedeutet, dass sich ein Mensch nicht mit dem ihm bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren kann.

Wie war das für Leonie?

Zu Hause hatten wir wieder ein sehr ausgeglichenes, fröhliches Kind, so wie früher. Aber sobald wir das Haus verlassen haben und sie ihre rosa Kleider ausziehen musste und das Glitzerzeug zu Hause lassen, fiel sie in sich zusammen. Wir mussten sie geradezu zwingen, die Rolle zu erfüllen, die die Außenwelt von ihr erwartet. Das ging nicht lange gut. Und so haben wir entschieden, alle Vorgaben und Vorschläge zu ignorieren und sie selbst entscheiden zu lassen.

Und was hat sie entschieden?

Dass sie immer und überall ein Mädchen sein wird. Auch im Kindergarten.

Wie hat die Einrichtung reagiert?

Am Anfang gut. Es hieß: Sie soll einfach mal machen, das ist eine Phase. Aber es war ganz deutlich zu spüren, es ist für den Kindergarten nur okay, wenn es bei der Phase bleibt. Als es dann konkreter wurde und klar war, das ist nicht nur eine Phase, sind wir auf sehr hohe Mauern gestoßen. Im Kindergarten, bei der Kindergarten-Leitung, bei der Stadt, die der Träger des Kindergartens ist und damals mein Arbeitgeber war ...

Wie hat sich das geäußert?

Nach einer gewissen Zeit kamen bei den anderen Eltern und natürlich auch bei den Kindern Fragen auf. Wir haben von dem Kindergarten eingefordert, dass er hier mitgeht. Dass Leonie als Leonie und mit weiblichen Pronomen angesprochen wird. Der Kindergarten hat dazu aber keine Stellung bezogen. Wir als Eltern haben dann sehr viele Gesprächs- und Erklärangebote gemacht. Einen Elternabend, an dem uns Fragen gestellt werden können, die wir versuchen würden zu beantworten. Wir haben angeboten, einen Therapeuten einzuladen, der mit dem Thema vertraut ist und Antworten gibt. Das alles wollte die Einrichtung nicht. Wir haben gemerkt, sie haben große Angst, etwas zu manifestieren, womit man ihnen später vielleicht Probleme bereiten könnte.

Also dass Leonie vielleicht doch wieder Leo sein will?

Zum Beispiel. Transgender Kinder, das ist immer noch ein Nischenthema, mit dem sich niemand wirklich auskennt. Wir können ja alle nicht auf Wissen oder Erfahrungen früherer Generationen zurückgreifen. Für uns alle ist das Thema neu.

"Ich darf nicht mehr mit dir spielen. Meine Eltern wollen das nicht"

Wie war die Situation im Kindergarten für euch als Eltern?

Mich hat es sehr aufgebracht, denn durch die mangelnde Kooperation haben die anderen Eltern begonnen, unsere Entscheidung zu hinterfragen. Warum ist das Kind plötzlich anders angezogen, warum heißt das plötzlich anders ... Wir durften uns aber nicht im Rahmen des Kindergartens erklären. Das hatte für Leonie schwere Folgen. Sie musste es alles alleine aushalten. Kinder, die zu ihr sagten: „Ich darf nicht mehr mit dir spielen. Meine Eltern wollen das nicht!“ Erzieherinnen, die demonstrativ den männlichen Vornamen und das männliche Pronomen benutzten. Und irgendwann ist dann alles eskaliert ...

Wie kam es dazu?

Wir hatten inzwischen Leonies kleinen Bruder bekommen, und für ihn war es ganz normal, dass er eine Schwester mit Penis hat. Als er in der Krippe eingewöhnt wurde, hat die Erzieherin gefragt, ob es in der Familie etwas Besonderes gebe. Ja, habe ich gesagt und von Leonie erzählt und darum gebeten, dass darauf geachtet wird, sie als Mädchen anzusprechen. Dieses Gespräch mit mir und der Erzieherin wurde in irgendeiner Weise an den Leiter der Einrichtung herangetragen. Daraufhin wurde ich zu einem Gespräch mit der Personalabteilung und dem Leiter des Amtes für Soziales gebeten. Und bei diesem Anlass wurde mir mitgeteilt, dass mein Verhalten für eine Angestellte der Stadt so nicht tragbar sei. Ich hätte das Gesagte zurückzunehmen.

Wie hast du reagiert?

Ich war unglaublich schockiert. Ich reagiere immer noch sehr emotional, wenn ich an diesen Tag denke. Erstens fand eine Vermischung der Bereiche statt – ich war ja als Mutter und nicht als Angestellte angesprochen worden. Aber in beiden Bereichen wurde ich angegriffen und infrage gestellt. Und: Meine Integrität der Stadt gegenüber, meinem Arbeitgeber, wurde ebenfalls massiv infrage gestellt. Und ganz nebenbei war ich fassungslos, wie eine Stadt, die von sich selber sagt, sie sei bunt, so eine Front von Vorurteilen aufbaut. Die also überhaupt nicht offen und tolerant reagiert – und das auch noch im pädagogischen Bereich!

Wie hat sich das auf den Alltag in Leonies Kindergarten ausgewirkt?

Hier wurde die Situation immer schwieriger. Sodass Leonie für sich den Schluss daraus zog, sich ganz und gar von ihrem alten Selbst zu verabschieden. Mit einer Art Abschiedsfest. Dazu hat der Kindergarten klar gesagt: Das machen wir nicht. Wir haben dieses Fest dann privat bei uns zu Hause organisiert, aber noch nicht einmal die Einladungen durften wir über den Kindergarten verteilen.

Hättest du mit so vielen negativen Reaktionen gerechnet?

Niemals! Natürlich würden wir es für unser Kind jederzeit wieder genauso machen, aber diese Front von Vorurteilen und Ablehnung hat uns nachhaltig schockiert.

Wie hat die eigene Familie, also die Geschwister und Großeltern, auf die Transition reagiert?

Sehr unterschiedlich. Eigentlich sind wir eine sehr offene Familie, die an ungewöhnliche Lebensmodelle gewöhnt ist. Aber das Thema Transition war auch für uns nicht leicht zu verkraften. Meine Mutter hat sich zum Beispiel sehr schwer damit getan. Sie hat immer wieder nachgefragt, ob wir uns wirklich sicher seien, ob das nicht nur eine Phase ist. Sie hat auch sehr lange gebraucht, um sich den neuen Namen zu merken und das weibliche Pronomen. Unsere Großeltern hatten dagegen überhaupt keine Probleme. „Kind ist Kind“, meinte der Vater meines Mannes. Und meine 87-jährige Oma hat schon in dem allerersten Gespräch den neuen Namen benutzt und nie, nie wieder von „er“ gesprochen. Für Leonies Geschwister war auch alles in Ordnung, ihr kleiner Bruder hat sich irgendwann sehr gewundert, als er noch eine kleine Schwester bekommen hat – aber eine ohne Penis. „Die gibt es also auch so“, hat er kommentiert. Für meinen Mann war es am Anfang tatsächlich schwerer zu akzeptieren als für mich. Auch als Paar sind wir an unsere Grenzen gekommen. Aber wir haben es dann gemeinsam geschafft.

Heute ist Leonie zwölf. Wie geht es ihr?

Die Pubertät ist für alle Jugendlichen eine krasse Zeit. Voller Unsicherheiten und Veränderungen. Aber für trans Kinder natürlich doppelt schwierig. Leonie nimmt Pubertätsblocker, seit sie elf Jahre alt ist, sie ist körperlich und psychisch noch nicht in der Pubertät angekommen, und das macht es Leonie in ihrer Klasse und mit den anderen Mädchen nicht einfacher. So richtig Anschluss hat sie seit dem Wechsel auf die weiterführende Schule noch nicht gefunden. Aber sie spielt begeistert Hockey und ist insgesamt sehr sportlich. Seit drei Monaten ist sie in der Ersatzhormontherapie und bekommt Östrogen. Das muss sie täglich nehmen – ein Leben lang.

Wie stehen die Ärzte zu Pubertätsblockern und Hormontherapien bei Kindern?

Die Ärzte sind hier vorsichtig, und das verstehe ich auch. Aber wir mussten viele, viele entwürdigende Stationen durchlaufen, bis wir die Ersatzhormontherapie beginnen durften. Begleitend musste Leonie eine Psychotherapie beginnen und immer wieder vor fremden Ärzten Rede und Antwort zu sehr intimen Themen stehen. Ob sie wirklich tatsächlich ein Mädchen sei und ob ihr die Konsequenzen bewusst seien. Das alles ist für ein zwölfjähriges Mädchen schwer zu verkraften.

Macht ihr euch Sorgen, ob der eingeschlagene Weg der richtige ist?

Welche Alternative hatten oder haben wir? Keine. Wir können Leonie nur nach bestem Wissen begleiten und beschützen.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Wir wünschen uns für Leonie, dass sie einfach sie selbst sein kann. Dass sie aufhören muss, um etwas zu kämpfen, was die Natur anderen Kindern einfach so schenkt: das richtige Geschlecht. Und für kommende Generationen wünschen wir uns, dass sie es einfacher haben. Dass es mehr Wissen und mehr Möglichkeiten gibt. Beruflich wünsche ich mir, dass Transition aufhört, ein Nischenthema zu sein. Dass entsprechende Fortbildungen für Fachkräfte in Kitas und Schulen verpflichtend werden. Dass geschlechtersensible Handlungen Normalität werden. So wie es inzwischen normal und akzeptiert ist, dass es mehr als ein Geschlecht gibt.