Ansah ohne Angst um 100-Meter-Medaille - Hunger auf mehr
Mit bemerkenswerter Nervenstärke sprintet Owen Ansah bei der Leichtathletik-EM zu Bronze. Dabei soll es nicht bleiben - trotz der drohenden Sperre.
Birmingham (dpa) - Die Ehrenrunde schenkte sich Owen Ansah, doch seine Bronzemedaille von den Leichtathletik-Europameisterschaften will der deutsche 100-Meter-Rekordler nicht so schnell wieder hergeben. Und geht es nach dem 25-Jährigen vom Hamburger SV, dann war es in Birmingham am Dienstagabend auch nicht sein letzter Sprint auf das Podium.
Der Fokus liege bereits auf den 200 Metern am Donnerstag, versicherte Ansah, als er noch immer in eine Deutschland-Fahne gehüllt von seinem Lauf auf Platz drei auf der Sprint-Königsstrecke berichtete. Und auch davon sprach, wie er den Wirbel um die drohende Sperre wegen des Vorwurfs einer verweigerten Dopingprobe wegstecke.
Kein Einfluss auf Verfahren
«Keine Angst» habe er, die Medaille nachträglich wieder abgeben zu müssen, versicherte Ansah im Alexander Stadium. Er wiederholte, was er schon Ende Juli bei den deutschen Meisterschaften erklärt hatte. «Ich habe ein super Team hinter mir, das verleiht mir Flügel. Ich kann das andere nicht beeinflussen. Ich kann nur beeinflussen, wie schnell ich auf der Bahn bin, und das habe ich heute gezeigt.»
Riesige Freude über Platz drei
Wie sehr der Antrag der Nationalen Anti Doping Agentur auf eine vierjährige Sperre in ihm arbeitet, war Ansah auch kurz nach dem Endlauf nicht anzusehen. Die Worte sprudelten aus ihm heraus. Er erklärte, dass der Start nicht so gut gewesen sei wie bisher in dieser Saison. 9,98 Sekunden lief Ansah bei seinem deutschen Rekord in Regensburg in diesem Jahr, 10,19 Sekunden waren diesmal gut genug für Bronze hinter den Briten Romell Glave und Jeremiah Azu. Der 25-Jährige holte damit die erste EM-Medaille eines deutschen Sprinters seit 1986, als Steffen Bringmann in Stuttgart für die DDR Silber bejubelte.
«Ich bin mega happy. Ich bin mit dem Ziel hergekommen, das 100-Meter-Finale mit einer Medaille zu verlassen. Am Ende kann ich mich riesig drüber freuen, dass ich Dritter geworden bin», sagte Ansah und traut sich nun auch etwas Ähnliches über die 200 Meter zu. Dort ist er in dieser Saison ebenfalls die Nummer drei in Europa. Der erhoffte erste Schritt, Deutschland wieder auf die Sprint-Landkarte zu bringen, ist ihm gelungen, ein zweiter soll folgen. Starts in den Staffeln sind indes nicht mehr vorgesehen. Mögliche nachträgliche Disqualifikationen würden somit nur Ansah selbst betreffen.
Hummel zieht Hut vor Ansahs mentaler Leistung
Dass er am Nachmittag des 9. Juli eine Dopingprobe verweigert hat, bestreitet Ansah. Abgegeben hat er sie nicht, weil er nach eigenen Worten unter Zeitdruck vor der Abreise zum Diamond-League-Meeting nach Monaco stand. Zudem habe er kurz vor dem Besuch des Kontrolleurs die Toilette besucht und so schnell keine Probe abgeben können.
«Viele Leute in Deutschland stärken mir den Rücken, das war auch ein Stück weit für die», betonte Ansah nun in Großbritannien. Dort äußerte Hammerwerfer Merlin Hummel großen Respekt für die Leistung seines Teamgefährten. «Man gibt sein Bestes, und wir sind Profis und auch Profis mental, hoffe ich. Und ja, was er da gerade gemacht hat, unfassbar mit diesem ganzen Druck. Also ziehe ich meinen Hut davor», sagte der EM-Zweite nach seinem Silberwurf kurz vor Ansahs Sprint.
Lückenkemper: Dinge außerhalb seiner Macht
Die als Team-Kapitänin amtierende Gina Lückenkemper befand, dass der in Mannheim trainierende Ansah das Ganze momentan für sich richtig angehe. «Indem er sich halt einfach auf sich und diesen Wettkampf konzentriert und alles andere erst mal versucht, auszublenden», erklärte die Ex-Europameisterin über 100 Meter und mit der Staffel im ZDF. «Das sind Dinge, die jetzt außer seiner Macht sind, die außer unserer Macht sind.»