Sennas Erbe: Brasilien fiebert mit «Harry Potter Latino»
Erstmals seit 2016 stehen wieder zwei Brasilianer im Fahrerfeld. Darunter ist ein Debütant, der ausgerechnet in São Paulo seine Premiere gibt. Gemessen werden sie an Brasiliens Formel-1-Übervater.
São Paulo (dpa) - Ayrton Senna ist in Interlagos omnipräsent. Die 1994 gestorbene Formel-1-Legende aus Brasilien blickt auf einem mehr als 2000 Quadratmeter großen Wandgemälde an der Mauer entlang der Laranjinha-Kurve auf die heutige Generation der Piloten. Oder das meterhohe Graffito am Boxengebäude des Autódromo José Carlos Pace, auf dem Senna mit Silberpokal bei seinem erlösenden Heimsieg 1991 zu sehen ist. Das gewaltige Formel-1-Erbe wird hier jedem Brasilianer vor Augen geführt.
Erstmals seit 2016 (Felipe Massa und Felipe Nasr) stehen nun wieder zwei Fahrer aus dem südamerikanischen Land im Feld. Audi-Pilot Gabriel Bortoleto (24) aus São Paulo und Rafael Câmara (21) aus Recife, der für Haas vor seinem Heimpublikum sogar sein Debüt geben darf.
Ocons Aus ist Câmaras Chance
«Ich hätte niemals gedacht, dass ich mein erstes Formel-1-Rennen in Brasilien bestreiten kann», sagte er mit leiser Stimme bei der Pressekonferenz. «Ich möchte es einfach genießen.»
Der Ferrari-Zögling hatte zwar sein Formel-1-Cockpit für 2027 schon sicher. Sein vorzeitiges Debüt verdankt er aber der Ausbootung von Esteban Ocon. Der Franzose hatte seinen Sitz kurzfristig vor dem vergangenen Rennen in Mexiko verloren, wo ihn noch der Japaner Ryo Hirakawa vertrat und auch gleich einen Punkt für den US-Rennstall holte. Gewaltvorwürfe stehen im Raum, die Ocon allerdings bestreitet.
Der 34. Brasilianer in der Formel-1-Historie
Câmara, der die Fahrerwertung der Formel 2 anführt, bekommt nun also seine vorgezogene Chance. Letztmals fuhr er als Junge im Kart auf dem welligen Kurs vor den Toren São Paulos. Der 34. Brasilianer in der Historie der Formel 1 steht als Neuling besonders unter Beobachtung.
«Brasilien kann einem viel abverlangen. Hier gibt es viel Geschichte, eine Menge großartiger Weltmeister», bemerkte der viermalige Champion Max Verstappen von Red Bull. «Man sollte nicht zu viel Druck auf ihn ausüben. Er sollte es einfach Schritt für Schritt angehen. Er hat das Talent, das hat er in allen Juniorenklassen unter Beweis gestellt.»
Kurzsichtigkeit und Hornhautverkrümmung
Verstappen weiß, wie hoch die Erwartungshaltung der Brasilianer an ihre Fahrer ist. Sie werden an Legenden gemessen. Ob an Senna (1988, 1990, 1991), Emerson Fittipaldi (1972, 1974) oder Nelson Piquet (1981, 1983, 1987). Und Letzterer ist schließlich Verstappens Schwiegervater.
Câmara, der wegen Kurzsichtigkeit und Hornhautverkrümmung eine Brille trägt, die ihm wiederum den Spitznamen «Harry Potter Latino» eingebracht hat, hat den Motorsport im Blut. Seine Großmutter mütterlicherseits, Niege Rossiter, fuhr schon in den 1960er Jahren Autorennen in Brasilien und wurde damit eine Pionierin. Sie begleitete ihren Enkel Rafael einst auch zu einigen Rennen in den Nachwuchsklassen in Europa.
Vorbild für die junge Generation
Diese hat Bortoleto lange hinter sich gelassen. Er bestreitet mittlerweile seine zweite Saison in der Formel 1 an der Seite von Nico Hülkenberg. Und viel mehr als Vergleiche mit Übervater Senna beschäftigt ihn, ein Vorbild für den Nachwuchs seines Landes zu sein. «Selbst wenn wir nicht gewinnen, müssen wir doch der jungen Generation zeigen, dass man es trotz der Probleme in unserem Land im Motorsport nach oben schaffen kann», sagte Bortoleto.
Und weitere brasilianische Talente hoffen schon auf ihre Aufstiegschancen. Piloten wie Formel-2-Fahrer Emmo Fittipaldi (19), der Sohn von Emerson Fittipaldi, oder aus der Formel 3 Fefo Barrichello (21), der Sohn von Michael Schumachers langjährigem Ferrari-Teamkollegen Rubens Barrichello. Die Last der Erwartungen kennen sie schon.