Formel 1

Spektakuläres Duell: «Löwe» Antonelli siegt bei Russell-Aus

Was für ein Zweikampf: Wieder lieferten sich Kimi Antonelli und George Russell ein packendes Duell. Mit Top-Ausgang für den Italiener - vierter Sieg in Serie. Und Russell? Fällt aus, null Punkte.

Antonelli lässt sich auch von zwei Formel-1-Stars feiern. Foto: Bradley Collyer/PA Wire/dpa
Antonelli lässt sich auch von zwei Formel-1-Stars feiern.

Montréal (dpa) - Kimi Antonelli hat im Bluthochdruck-Duell mit George Russell auch vom Motorpech seines Mercedes-Teamkollegen profitiert und mit dem vierten Grand-Prix-Sieg in Serie seine WM-Führung deutlich ausgebaut. Der 19 Jahre alte Italiener leistete sich erneut einen hitzigen Formel-1-Zweikampf mit Russell, ehe der Silberpfeil des Sprintsiegers von Montréal in Führung liegend stehen blieb. 

«Das war nicht die Art, wie ich gewinnen wollte», funkte Antonelli an die Box: «Es wäre ein guter Kampf gegen George geworden.» Einmal aus dem Auto, kannte die Freude aber kaum Grenzen. «Den Sieg nehme ich gerne mit.»

Enttäuschter Russell: «Mir fehlen die Worte»

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Frust dagegen bei Russell. Der hatte den Nackenschutz wütend auf die Strecke geworfen und frustriert auf seinen Mercedes gehauen. «Mir fehlen die Worte», sagte der 28 Jahre alte Brite im Fahrerlager, während Antonelli nach seinen Siegen in China, Japan und Miami auch den Großen Preis von Kanada gewann. Die ersten vier Grand-Prix-Siege nacheinander zu feiern, gelang vorher keinem anderen Piloten. Im Klassement baute Antonelli seinen Vorsprung auf Russell auf 43 Punkte aus.

Zweiter wurde am Sonntag auf dem Circuit Gilles-Villeneuve Rekordweltmeister Lewis Hamilton im Ferrari. Der mittlerweile 41-Jährige hatte 2007 in Kanada den ersten seiner 105-Grand-Prix-Siege geschafft und herzte umgehend innig seine Mama, die wie schon bei seinem dritten Platz in China dabei war. «Jetzt endlich hier den richtigen Punkt gefunden zu haben, ist ein unglaubliches Gefühl für mich», sagte Hamilton. Der Brite ist im Aufwind, auch emotional nach einem schweren ersten Ferrari-Jahr.

Dritter wurde Max Verstappen. Für den Red-Bull-Star war es der erste Podestplatz in diesem Jahr. «Ich hatte ein paar coole Zweikämpfe. Wieder vorn mitzukämpfen, mach immer mehr Spaß», sagte der Niederländer.

Nichts von Sommer in Montréal

Eingehüllt in dicke Parkas bereiteten sich Polesetter Russell und seine Konkurrenten auf das Rennen vor. Gerade mal 12 Grad Celsius zeigte das Thermometer. Schon in der Qualifikation am Tag vorher hatten alle Probleme, die Reifen auf Temperatur zu bekommen. Der Weg zur ersten Kurve sei auch noch kürzer als auf den Strecken in diesem Jahr bisher, betonte Russell: «Deshalb wird die Formationsrunde ganz wichtig sein, die Reifen in das richtige Temperaturfenster zu bekommen.» In den ersten Runden könnte sich einiges ändern.

Kurz vor der WM auch in Kanada ließ sich FIFA-Boss Infantino die Gelegenheit nicht nehmen. Foto: Bradley Collyer/PA Wire/dpa
Kurz vor der WM auch in Kanada ließ sich FIFA-Boss Infantino die Gelegenheit nicht nehmen.

Zumal sich sein Teamkollege den Startplatz direkt neben Russell geholt hatte. Und da war ja auch noch der Zoff vorher im Sprintrennen: Antonelli attackierte Russell hart - auf der Strecke und verbal. «Du kannst nicht erwarten, einen Löwen im Wagen zu haben und einen Welpen außerhalb», beschwichtigte Teamchef Toto Wolff am Samstag.

Verhindern müssen seine beiden Fahrer Kollisionen und auch, dass die Konkurrenz nicht vom Knallhart-Duell profitiert so wie Norris bei Russells Sprintsieg. Antonelli war Dritter geworden. Teamboss Wolff jedenfalls ist bestens erfahren für solche Fälle durch das Zoffduell von Lewis Hamilton und Nico Rosberg einst bei den Silberpfeilen.

Chaos gleich beim Start: Zwei Versuche abgebrochen 

Die Frage unmittelbar vor dem Start: welche Reifen? Slicks, also ohne Profil, oder die Intermediates, die sogenannte Mischreifen für feuchtere Verhältnisse. Bei Mercedes setzten sie auf Slicks, dahinter die beiden McLaren von Norris und Oscar Piastri starteten auf Intermediates - die einzigen mit den Mischreifen unter den Top Ten. Die Niete in der Reifenlotterie? Ja.

Und dann das: Die Roten Ampeln gingen offensichtlich nicht aus, Antonelli zuckte, es gab eine weitere Formationsrunde. Allerdings ohne den starken Racing-Bulls-Rookie Arvid Lindblad - sein Wagen blieb stehen. Auch der zweite Versuch wurde abgebrochen.

Schon wieder Beinahe-Crash der Silberpfeile

Dann klappte es, und Russell kam ganz schlecht weg. Antonelli, bisher oft mit Problemen auf den ersten Metern, schnappte sich den Teamkollegen, aber von hinten schoss Norris an beiden vorbei. Ein Manöver ohne Wert: In Runde drei musste der Weltmeister die Intermediates gegen Slicks tauschen.

Die Reihenfolge auf den ersten vier Plätzen hatte es nun in sich: Vorn Antonelli, dahinter Russell, Hamilton und Verstappen. Die Risiko-Akte der Silberpfeil-Rivalen wurde in Runde sieben um einen weiteren Eintrag reicher: Russell überholte Antonelli, zog vor den Italiener, der beinahe voll aufs Heck des Teamkollegen gekracht wäre. Die Reifen qualmten. Dahinter passierte Verstappen Hamilton ohne Rauch, aber mit einem Top-Manöver.

Rennen im Rennen: Russell gegen Antonelli

Der Kampf um den Sieg wurde zunächst zum packenden Dauerduell der Mercedes-Rivalen. «Die Blutdrücke gingen schon hoch», räumte der stellvertretende Teamchef Bradley Lord bei Sky ein. «Großartig, ich habe es geliebt», kommentierte Russell den Zweikampf: «Darum geht es im Rennfahren.» Er hätte ihn nur gern noch 30 Runden länger geführt.

Antonelli überholte, Russell konterte, Antonelli machte aber weiter Druck. Im vergangenen Jahr hatte der heute 19-Jährige als Dritter seinen ersten Podestplatz in der Formel 1 geholt, in dieser Saison zählen für ihn offensichtlich nur noch Siege. In Runde 22 führte er das Rennen wieder an. Und verbremste sich kurz danach, attackierte aber direkt wieder und es sah so aus, als würden sich die beiden Wagen berühren. Taten sie nach Aussage von Russell aber nicht. 

Antonelli musste jedenfalls abkürzen und lag wieder vorn. Das Team forderte ihn auf, den Platz zurückzugeben. Er gehorchte, warum er das machen sollte, konnte er aber nicht nachvollziehen. Wenig später stand Russell völlig konsterniert hinter der Absperrung und sein Wagen mit Motordefekt auf der Strecke.