Fußball

Die wollen nur spielen

Seit mehr als 50 Jahren treffen sich auf dem alten TuS-Platz im Birkenauer Tal Männer, denen auch der Hartplatz nichts aus macht. Fußball ist Leidenschaft, auch mit einem Durchschnittsalter von über 70

Die Hartplatzkicker stehend von links: Peter Jöst, Wolfgang Hoheisel, Manfred Maier, Martin Säwe, Josef Niggemeier, Manfred Kaupa, Karl-Martin Hildebrand, Ralph-Erich Schmidt, Joachim Gund, Thomas Frindte, Heinz-Hermann Metz, Michael Bayerl, Albrecht Frey, Jürgen Rühl, Michael Höcke und René Scheuermann sowie vorne von links: Harald Schmitz, Joaquin Barrera, Martin Botz, Peter Reinig, Franz Felkel und Peter Krosanke. Foto: Kathrin Oeldorf
Die Hartplatzkicker stehend von links: Peter Jöst, Wolfgang Hoheisel, Manfred Maier, Martin Säwe, Josef Niggemeier, Manfred Kaupa, Karl-Martin Hildebrand, Ralph-Erich Schmidt, Joachim Gund, Thomas Frindte, Heinz-Hermann Metz, Michael Bayerl, Albrecht Frey, Jürgen Rühl, Michael Höcke und René Scheuermann sowie vorne von links: Harald Schmitz, Joaquin Barrera, Martin Botz, Peter Reinig, Franz Felkel und Peter Krosanke.

Auf dem Sportplatz stehen Zielscheiben der Bogenschützen, im ehemaligen Clubhaus haben die Motorradfahrer der Night Riders eine neue Heimat gefunden. Dort, wo einst Weinheims Kultkicker des TuS 02 Weinheim ihre Heimspiele auf einem der letzten Hartplätze austrugen, wächst inzwischen fast schon Gras. Statt den Torschüssen von einst hallen nun Pistolen- und Gewehrschüsse der Sportschützen ins Birkenauer Tal. Nur samstagnachmittags, da lebt der Fußball weiter.

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Es ist 10 Uhr an einem Samstagmorgen, eigentlich zu früh. Doch für den Fototermin machen die Weinheimer Freizeitkicker eine Ausnahme und treffen sich eben vier Stunden vor ihrem normalen Date. Und das ist gesetzt, seit mittlerweile 53 Jahren. Am Wochentag hat sich in all der Zeit nichts geändert, und der harte Kern von damals, als sich Weinheimer Hobby-Fußballer noch am Fischweiher zum Kicken trafen, ist sogar immer noch am Start: Wolfgang Hoheisel, Manfred Maier, Peter Reinig, Peter Krosanke und Albrecht Frey, Gründungsmitglieder von 1969, sind auch heute noch bei Wind und Wetter sportlich mit ihren Freunden unterwegs.

Auch mal beleidigt

Es ist kalt an diesem Samstag vor Weihnachten, der Boden stellenweise gefroren. Für das Mannschaftsbild legen die Männer ihre Mützen und Schals kurz ab, doch als die Tore stehen und die Mannschaften zusammengestellt sind, mümmeln sich die Weinheimer wieder ein. Gekickt wird auf dem hinteren Platzdrittel und dann ruht die Freundschaft. Beim Kicken erwacht der Ehrgeiz – völlig altersunabhängig.

„Es gab schon welche, die sind beleidigt vom Platz gegangen und haben gesagt, sie kommen nicht mehr. Aber am nächsten Samstag standen sie wieder da“, sagt Joachim Gund, Mann der zweiten Stunde. Er gehörte zum zweiten Schwung derer, die sich dem Hobbyteam anschlossen, machte alle Umzüge mit.

Weil sich die Männer zunächst keinem Verein anschließen wollten, trafen sie sich zunächst am Fischweiher, oberhalb der Waldschule. Über den Hartplatz am TSG-Waldstadion ging es auf den Rasenplatz an der Bonhoeffer-Schule. Vor dem letzten Umzug nutzte die Kickgemeinschaft auch den Platz im Stadion hinter den Tribünen. „Zunächst wurden wir geduldet, dann aber vertrieben, auch weil die Plätze samstags immer mehr von den Vereinen beansprucht wurden“, sagt Peter „Pit“ Reinig.

„Vertriebene“ finden eine Heimat

„Inzwischen wären wir ja bereit gewesen, in einen Verein einzutreten. Aber das war nicht gewollt.“ Weil beim TuS 02 kein Jugendspielbetrieb herrschte, bot der damalige TuS-Vorsitzende Siegfried Hartmann dem inzwischen auf 20, 25 Mann angewachsenen Freundeskreis 1988 eine Heimat. Als Hobby-Abteilung wurden sie in den Verein integriert, nahmen, bis das Durchschnittsalter für Wettkämpfe zu hoch wurde, auch immer wieder an Turnieren teil. „Wettkampf war uns aber nie wichtig. Wir wollen einfach nur spielen und Spaß haben.“

Also war und ist das interne Trainingsspiel am Samstagmittag ab 14 Uhr am wichtigsten. Den Kasten Pils danach gibt immer jemand anders aus, zuletzt gab es Weißwurst. Dann werden noch die Bundesliga-Halbzeitergebnisse ausgetauscht. Für die Schalke-Fans in den Weinheimer Reihen oft ein kleiner Stimmungstöter. „Fußball ist Bestandteil unserer Gene, darum besteht unsere Truppe ja so lange.“

Mitglieder bei den Sportschützen

Der Umzug der TuS-Aktiven auf den Sulzbacher Sportplatz und der Auszug des Liga-Fußballs aus dem Tal konnten daran nichts ändern. Mit dem benachbarten Schützenverein unter dem Vorsitz von Thomas Leidner fanden die Kicker eine Lösung, dürfen den Sportplatz an ihrem Samstag dann eben als SSV-Vereinsmitglieder weiternutzen. „So bin ich sogar noch zum Bogenschießen gekommen“, sagt Heinz-Hermann Metz, der sich ansonsten auch mit Wandern und Spazierengehen fit hält. Der spaßige Fitnessteil ist und bleibt aber der Fußball.

Das findet auch Harald Schmitz, der vor 20 Jahren aus Bad Neuenahr-Ahrweiler nach Weinheim kam – und blieb. Mit 52 ist er bei einem Durchschnittsalter von 70 Jahren das Mannschaftsküken. „Ein Freund hat mir damals gesagt, dass sich hier eine Truppe aus Spaß am Kicken trifft. Ich hatte da schon 30 Jahre selbst nicht gespielt. Das passte also super“, lacht er und dribbelt bei unserem Gespräch auf der Stelle, bevor hinter ihm ein Tor fällt – für die Mannschaft in den gelben Leibchen. Sein Team auf dem Platz vermisst ihn schon: „Harald – wir sind einer weniger. Schluss jetzt mit dem Shakern. Das hat später noch Zeit. Jetzt wird gekickt!“

Entweder kicken oder zuschauen

Die Truppe ist gewachsen – und wächst immer weiter. Wenn einer mal wirklich nicht mehr rennen kann, kommt er eben zum Zuschauen vorbei. Jahrzehntelange Freundschaften bleiben schließlich auch mit künstlichem Knie- oder Hüftgelenk bestehen.

Nach der Weihnachtsfeier auf dem Marktplatz nimmt sich die Mannschaft, deren Ältester Heinz-Hermann Metz im 76. Lebensjahr immer noch spielt, heute mal eine Auszeit und pausiert. Es ist eine der wenigen Ausnahmen, normalerweise kickt die Hobbytruppe durch. An Silvester geht es deshalb schon wieder weiter. Zwei Wochen Pause – und das auch noch ohne Bundesliga und WM – das wäre dann doch ein zu langer Entzug gewesen. Samstag, 14 Uhr, ehemaliger TuS-Platz. Da wollen sie eben einfach nur spielen.