Transgender-Spieler beim SV Laudenbach voll akzeptiert
Während sich in den Profi-Ligen Schwule und Transgender-Menschen immer noch verstecken, ist der Fußball in den Amateurklassen offenbar schon weiter. Das zeigt die Geschichte von Lenny Lüger
Von der Oberliga in die B-Klasse: Darauf hat sich Lenny Lüger gefreut. Was sich für manche wie ein Rückschritt anhört, war für den Heddesheimer ein Riesenschritt nach vorn. Von den Fußballerinnen des TSV Amicitia Viernheim ging es für den 24-Jährigen zu den Herren des SV Laudenbach. Als Spieler. Aus Svenja, wie er jetzt noch in der Mannschaftsaufstellung heißt, wird bald endgültig Lenny. Künftig nicht nur im Spielerpass, sondern auch körperlich.
Die Vorbereitung macht der Außenbahnspieler noch mit, zum Trainingsstart im Juli ist er einer von vielen. „Einzig beim Passen fällt es noch auf, kicken kann er. Und auch Zweikämpfen geht er nicht aus dem Weg. Im Gegenteil, er ist wie so ein kleiner Giftzwerg, beißt sich am Gegner fest“, lacht SVL-Trainer Dirk Resnik.
Viele Einsatzzeiten wird es im Sommer für Lenny Lüger trotzdem nicht geben. Denn im September, anderthalb Jahre nach der ersten Testosteron-Spritze, steht die große Operation an. Brust, Gebärmutter und Eierstöcke werden entfernt. Klingt heftig. Und ist es auch. „Ich habe schon Respekt vor dem Eingriff. Aber eigentlich kann mir alles nicht schnell genug gehen“, sagt Lenny.
Outing bringt nur Gutes
Nach seinem Outing fiel ihm ein Riesenstein vom Herzen. „Meine Freunde wussten es zuerst, bei meiner Familie hatte ich Angst, wie die Reaktion ausfallen würde“, erinnert sich Lenny an den Tag, der alles veränderte. „Ich hatte da auch noch Corona, habe es meinen Eltern und meinem Bruder daheim im Hof gesagt. Und meine Eltern haben einfach nur gesagt: Hauptsache, du bist glücklich. Ich habe vor lauter Erleichterung gar nicht mehr aufhören können zu weinen.“
Lennys Erfahrungen bestätigen das. Der Chef in der Logistik bei Edeka hat einfach sein Namensschild geändert, die direkten Kollegen nehmen es mit einem Schulterzucken hin. Der Badische Fußballverband bot ihm die Möglichkeit, sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern zu spielen. „Das war für mich keine Option, weil ich mich ja nicht als Frau fühle. Das wäre nicht richtig gewesen. Zuletzt hatte ich immer wieder Ausreden gesucht, um nicht ins Training oder zu den Spielen zu kommen, obwohl ich mich in der Mannschaft superwohl gefühlt habe. Ich konnte das nicht mehr.“ Die Teamkolleginnen in Viernheim fanden das aus ihrer sportlichen Sicht schade. Die Akzeptanz der Entscheidung selbst war kein Ding. „Da bin ich nach wie vor willkommen, das ist wie nach Hause kommen.“
Volle Akzeptanz in Laudenbach
Auch in Laudenbach gab es dazu bisher noch keine einzige negative Stimme, jedenfalls keine, die ihm zu Ohren gekommen ist. „Obwohl ich gar nicht weiß, ob es alle wissen“, lacht Lüger. Das bestätigt auch sein Mitspieler Benjamin Braun. „Manche kennen ihn nur als Lenny. Mir ist am Anfang immer noch ‚Svenja‘ rausgerutscht. Er hat von Anfang an immer dazugehört. Darum denke ich nicht, dass sich etwas verändern wird, wenn es durch den Artikel jetzt offiziell wird.“ Das meinen auch Roberto Marras und Björn Helly aus dem Trainer- und Betreuerstab. „Wir sind hier absolut multikulti, leben unsere Gemeinschaft auf und neben dem Platz. Bestes Zeichen dafür, dass es stimmt, ist, dass wir keinen Abgang haben.“Vorstand und Trainer hätten ihm bei seinem Wechsel die Entscheidung überlassen, ob er seine Geschichte in der Mannschaft publik macht. „Ich lasse es laufen. Die Jungs sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Ich war ja schon früher bei den Spielen dabei, weil mein Bruder hier kickt. Und wir sind so eng untereinander, da hätte keiner die Scham nachzufragen, wenn er es wirklich genau wissen will.“
Die Veränderung jedenfalls ist frappierend. „Vor allem die Stimme“, sagt der 1,65 Meter große technisch versierte Flügelflitzer. Jeden Monat dreht er ein Video, um den Prozess auch festzuhalten. „Das ist nicht nur spannend, sondern auch für mich persönlich wichtig, wenn meine Familie, meine Kinder später einmal wissen wollen, wie ich zu dem wurde, der ich dann bin.“ Denn dass Lenny eine eigene Familie gründen will, steht außer Frage. „Wenn ich die richtige Partnerin finde“, lacht er.
Zur Person
Lenny Lüger wurde als Svenja 1999 geboren und wuchs mit ihrem älteren Bruder und zwei Pflegegeschwistern bei ihren Eltern in Heddesheim auf.
Bis zu den D-Juniorinnen spielte sie bei der Fortuna, wechselte dann zum TSV Amicitia Viernheim und später zu 1899 Hoffenheim, wo sie fünf Jahre lang bis zum zweiten Frauenteam spielte.
Nach der Rückkehr in den Amateurstatus in Speyer und Viernheim merkte die Offensivspielerin, dass „etwas nicht stimmte“.
Vor zwei Jahren fand sie auch endgültig heraus was: Aus Svenja wird Lenny. Seit Februar 2023 hat er sich auch physisch auf den Weg von der Frau zum Mann gemacht, schloss sich zur Saison 2023/24 den Herren des SV Laudenbach an, wo auch sein Bruder Dominik spielt.
Der 24-Jährige ist Logistikarbeiter bei Edeka in Heddesheim.
Familie – das ist der große Rückhalt. „Sie ist mein Anker und gibt mir Kraft.“ Zusammen mit dem älteren Bruder Dominik, der ebenfalls in Laudenbach spielt, zwei jüngeren Pflegegeschwistern und seinen Cousinen als wichtigen Bezugspersonen wächst er in Heddesheim auf. „Sie sind wie meine großen Schwestern. Meine Cousine wusste noch vor meiner Eröffnung, was mit mir los ist.“
Familie als Rückhalt
Unterstützt wird das Fußballtalent auch von den Eltern. Der Vater, früher selbst Stürmer bei der Heddesheimer Fortuna, begleitet den Weg seines Kindes von der Tochter zum Sohn, von den Fortuna-Bambini über die Jugend des TSV Amicitia Viernheim bis hin ins Leistungszentrum der TSG 1899 Hoffenheim – und wieder zurück. „Nach der Schule hat er mich nachmittags immer in Mannheim abgeholt und direkt nach St. Leon gefahren. Abends bin ich dann direkt ins Bett gefallen.“ Der Sport war allumfassend, da blieb wenig Raum für anderes. "Turniere wie in Kitzbühl haben meine Eltern und Geschwister oft mit einem Familienurlaub verbunden. Sie haben mich überall hin begleitet.“ Lübeck, Frankfurt, Essen, Gladbach, Potsdam oder auch mal Spanien – immer unterwegs im Namen des Fußballs.
Zurück zu den Amateuren
Die Entscheidung, doch nicht den Weg zum Frauenfußball-Profi gehen zu wollen, trugen die Eltern mit. Aus dem B-Juniorinnen-Bundesligateam der TSG 1899 Hoffenheim ging es zurück nach Viernheim. „Irgendwann war klar, dass ich von Fußball nicht werde leben können. Auch in der Bundesliga haben viele Frauen noch einen Zweitjob. Also habe ich mich mehr auf die Schule konzentriert und eine Ausbildung gemacht.“
Alle drei Monate eine Spritze
Und rückblickend war für ihn auch klar, was er wie einen Rucksack mit sich herumschleppte. „Ich habe nie mit Puppen gespielt, immer mit meinem Bruder gezockt und habe geweint, wenn mich jemand als Mädchen bezeichnete. Die Pubertät habe ich durch den vielen Sport quasi nie erlebt, die mache ich jetzt durch.“ Und das durch die hormonelle Umstellung im Schnelldurchgang. Unter psychologischer Betreuung bekommt er vierteljährlich die Testosteronspritze im Heidelberger Hormonzentrum. Sein ganzes Leben lang. „Gel ginge auch, aber da weiß ich, dass ich es vergesse“, lacht Lenny Lüger. Wohl wissend, dass ihn spätestens seine Stimmung daran erinnern würde. „Wenn die Wirkung zum Ende der drei Monate nachlässt, sind Stimmungsschwankungen bis hin zu depressiv drin.“
Die Wirkung zeigte sich vom Beginn der Behandlung im Februar 2023 an sehr schnell. „Wahnsinn und auch ein bisschen gruselig, was eine kleine Spritze da bewirkt.“ Die Stimme wird immer tiefer, der Bartwuchs ist sichtbar und auch körperlich spürt Lenny Lüger muskuläre Veränderungen. „Der Männerfußball ist schon körperlicher und schneller. Und wenn du da einen Tritt abbekommst, tut das mehr weh als bei den Frauen. Es ist auch Fußball, aber das Spiel an sich ist komplett anders als bei den Frauen“, sagt Lüger, der dem Frauenfußball mehr an Ästhetik abgewinnen kann. „Und dass ich weiterhin Fußball spielen will, das war überhaupt nie eine Frage. Ohne Fußball geht es nicht.“
Gänsehaut im ersten Spiel
Das erste gemeinsame Spiel war für die Lügers jedenfalls etwas ganz Besonderes. Dass die Geschwister einmal zusammen in einer Mannschaft spielen würden, war so ja nicht abzusehen gewesen. „Das war schon Gänsehaut. Und dass Dominik dann am Ende gesagt hat, dass er nicht erwartet hätte, dass ich so dagegenhalte, war das größte Kompliment.“ Der doppelte Lüger-Einsatz kam allerdings nicht so oft vor, wie Lenny sich das gewünscht hätte. „Zuletzt bin ich drei Monate wegen eines Schlüsselbeinbruchs ausgefallen. Aber jetzt bin ich wieder fit.“ Und bereit. Für alles.
Der Fußball darf niemanden verlieren
Karlsruhe. „Sie, äh, nein, er ...“ – die Transition, also der Zeitraum der Annäherung zum empfundenen Geschlecht, ist nicht nur für Transmenschen selbst ein oft verwirrender Zustand. Auch das Umfeld muss sich erst an die neue Identität desjenigen gewöhnen, der sich zur Geschlechtsumwandlung entschließt. „Die korrekte Bezeichnung ist übrigens trans*“, sagt Sven Wolf.
Wolf ist im Badischen Fußballverband Ansprechpartner für Sexuelle Vielfalt. Eine Stelle, die der bfv 2013 als erster der Landesverbände besetzt hat. Und das dank Sandra Rixen inzwischen gleich doppelt. „Wir bieten Schulungen an, begleiten bei Podiumsdiskussionen, unterstützen andere Landesverbände im DFB, haben mit der DFB-Projektgruppe Queer auch offene Sprechstunden veranstaltet“, sagt Wolf, der auch Spieler wie Lenny Lüger als bfv-Vertrauensperson auf ihrem Weg begleitet und unterstützt.
Seit zwei Jahren ist das sogenannte inklusive Spielrecht auch in der bfv-Spielordnung verankert. Die Spielordnung des bfv hat das inklusive Spielrecht für trans*, inter* und nicht-binäre Personen in §10, Absatz 6+7 gereglt, in Absatz 8 geht es um das Pilotprojekt „Gemischtes Spielen“, also die Spielrechtserteilung für Frauen in Herrenmannschaften. Jeder der 21 Landesverbände ist dazu verpflichtet, trans*Fußballspielenden die Möglichkeit zu bieten, am geregelten Spielbetrieb teilzunehmen. „In der ersten Saison, in der wir das angeboten haben, gab es lose Anfragen, aber noch keine Anträge. In der abgelaufenen Saison waren es schon drei Anträge“, sagt Wolf, der sich auch gern an den Anruf eines Vaters erinnert, der sich über die Möglichkeiten für sein Kind informiert hat. „Das sind die besonders coolen Geschichten, wenn Eltern so hinter ihren Kindern stehen.“
Das inklusive Spielrecht gilt in Deutschland bis einschließlich zur Regionalliga, die drei Bundesligen, auch die in den U-Bereichen, sind davon ausgenommen. „Die FIFA ist leider noch nicht so weit, eine internationale Regelung anzubieten“, sagt Wolf, bfv-Vizepräsident für gesellschaftliche Verantwortung. Bei 80 Millionen Menschen in Deutschland schätzt er, dass sich die Zahl der Transpersonen im vierstelligen Bereich bewegt. Dass Menschen wie Lenny Lüger ihre Geschichte erzählen, sei extrem wichtig. „Die psychische Belastung ist riesig. Wie lange warten wir schon darauf, dass sich ein aktiver schwuler profi-Fußballer outet? Wer seine Geschichte erzählt, macht auch anderen Mut.“
Der Fußball als „Tanker“ des Sports brauche einen flexiblen Spielbetrieb, dürfe nicht den Weg gehen wie andere Sportarten, die entweder noch gar keine Regelung hätten oder gar Rückschritte machten, indem sie Transpersonen in eigene Wettbewerbe ausgliedern wollten. „Klar ist das in Einzelsportarten schwieriger. Aber letztlich bekommt doch jeder Mensch schon genetisch unterschiedliche Voraussetzungen mit. Im Endeffekt darf der Fußball niemanden verlieren. Das können wir uns gar nicht leisten.“
Zustimmung der Eltern bei Minderjährigen
Lenny Lüger ist 24, geht den Weg der Transition von der Frau zum Mann eigenverantwortlich. Trans-Menschen wie die noch 16-jährige Dana, die relativ spät bemerkt hat, dass sie sich als Mann fühlt, brauchen das Einverständnis der Eltern, um zunächst einmal die Hormontherapie zu starten. Die psychologische Begleitung ist ohnehin obligatorisch. Erst mit Gutachten und der Entscheidung eines Ethikausschusses wird die Therapie genehmigt.
Ab 18 kann Jannik (Name von der Redaktion geändert), wie er sich seit seinem Outing nennt, eigenständig entscheiden. „Vor allem meine Mutter hat etwas länger gebraucht, bis sie akzeptiert hat, was ich bin. Aber jetzt stehen meine Eltern voll hinter mir. Sie wollen einfach, dass ich glücklich bin.“
Dass er anders ist, hat Jannik schon früher bemerkt. „Aber erst als ich in den sozialen Medien von Menschen gelesen habe, die dasselbe fühlen wie ich, wusste ich, was mit mir nicht stimmt.“ Seine Vermutungen äußerte er vor der besten Freundin, die ihn auf dem Findungsweg auch begleitet. Dann erklärte er sich den Eltern, seinen Mitschülern, den Lehrern und am Ende auch dem Fußballteam.
„Es war ein Riesenschritt, sich zu offenbaren. Aber jetzt fühle ich mich massiv wohler, es geht mir deutlich besser. Und schlechte Reaktionen gab es auch keine.“ In der Schule war die Namensänderung kein Problem, im Frauenfußballteam will er auch als Jannik weiterspielen. „Hier fühle ich mich wohl und angenommen.“