Hirschbergerin hilft als Volunteer bei der EM
Karten für die Fußball-Europameisterschaft zu ergattern – dieses Glück haben nicht viele. Sarah Vogelgesang darf zum fünften Mal im Stadion die EM-Atmosphäre genießen. Und das ganz ohne Karte
Die 32-jährige Hirschbergerin ist eine von 16 000 auserwählten Volunteers. Am Montag hat sie ihren letzten Einsatz. Helfen, das sitzt bei der Familie Vogelgesang auf dem Gen. Egal ob Papa Ralf beim TVG Großsachsen, Großtante Ilse im MGV Sängerbund oder Sarah Vogelgesang selbst beim Tischtennisverein Weinheim-West, nicht selten übernehmen die Vogelgesangs Ehrenämter, um das Vereinsleben zu unterstützen. Das läuft nahezu selbstverständlich. Und ist es nicht. Genauso wenig wie ein ehrenamtlicher Einsatz bei der Fußball-Europameisterschaft.
Genau dafür hat sich Sarah Vogelgesang im November 2023 beworben. Denn um das Großereignis in Deutschland schultern zu können, braucht die UEFA 16 000 Freiwillige auf den verschiedensten Gebieten. 146 000 Menschen aus der ganzen Welt schickten ihr Bewerbungsschreiben für einen der 25 ausgeschriebenen Bereiche von der Akkreditierung über das Einrichten der Umkleidekabinen bis zur Zeremonie auf den Fußballfeldern in den zehn deutschen Austragungsstädten. Vogelgesang bewarb sich für den Bereich „Social Responsibility“. Die Aufgabe der Helfer hier ist es, zu einer leichter zugänglichen, barrierefreien und nachhaltigen Veranstaltung beitragen. Volunteers unterstützen die Zielgruppe der Menschen mit Behinderungen und besonderen Bedürfnissen.
Gleiche Möglichkeiten für alle
187 Rollstuhlplätze gibt es beispielsweise in Frankfurt. Auch die Einweisung und Hilfe beim audiodeskriptiven Kommentarservice für Blinde gehört zu den Aufgabengebieten der Volunteers, genau wie der Abholservice mobil beeinträchtigter Personen am Drehkreuz. „Der Weg von einem Eingang zum Stadion kann bis zu 20 Minuten betragen. Das unterschätzen viele. Mir ist es wichtig, dass alle dieselben Möglichkeiten haben. Dass das nicht so selbstverständlich ist, fällt einem ja im nahen Umfeld auf, bei mir waren das die Großeltern, als die beispielsweise Hilfe gebraucht haben.“
Zur Person
Sarah Vogelgesang kommt aus Großsachsen und ist 32 Jahre alt.
Bei ihrem Tischtennisverein, dem TTV Weinheim-West spielt sie bei den Damen III und im Herrenteam, hilft bei den Turnieren mit, wenn sie gebraucht wird.
Als Fan des FC Bayern ist die Chemielaborantin Stadionbesuche gewohnt.
Nach der automatischen Eingangsbestätigung ihrer Bewerbung hörte die Großsachsenerin dann fast drei Monate lang nichts. Bis Ende Januar die Einladung zu einem Gespräch kam. 30 Minuten lang durfte sie in einem virtuellen Gespräch in Deutsch und Englisch erklären, was ihre Motivation war. Dann kam die Zusage, die Anprobe, die Einkleidung, der Workshop mit Stadionrundgang und allgemeinen Infos. „Ich habe mich riesig gefreut! Zum Glück hat Roche, mein Arbeitgeber in Mannheim vollstes Verständnis, gleich die Urlaubstage genehmigt und mir dann auch noch zugestanden, dass ich am Folgetag später anfangen darf.“
Denn so ein Volunteer-Tag startet um 9 Uhr mit der Anfahrt und endet nicht selten erst um 24 Uhr. Geld gibt es dafür keins, nicht einmal die Fahrtkosten werden erstattet. Und zwar keinem der 16 000. „Dafür macht man es ja nicht. Bei mir ist die Anreise ja überschaubar, aber wir haben Leute im Team, die kamen extra aus Australien oder Mexiko geflogen.“ Übertrieben mag manch einer sagen, doch Sarah Vogelgesang weiß inzwischen, dass für solch ein unvergessliches Erlebnis kein Weg zu weit ist. „Schon alleine deshalb, weil ich bei meinem Aufgabengebiet das Privileg habe, im Stadion dabei sein zu dürfen.“
Dankbarkeit als Lohn
Und das nicht einfach nur zum Spaß, sondern um Menschen helfen zu können. „Diese Dankbarkeit, die Wertschätzung, die einem da entgegengebracht wird, das ist etwas ganz Besonderes. Auch ganz junge Leute, die sich vielleicht ein paar Tage vor dem Spiel das Bein gebrochen haben, denen wir dann auf ihren Platz helfen, sind so unfassbar voll des Lobes.“ Unterm Strich ist diese gute Stimmung unter Menschen, die einfach nur gemeinsam einen unvergesslichen Abend erleben wollen, Entlohnung genug.
„Ich bin ja Fußball-Fan des FC Bayern und habe das eine oder andere Champions-League-Halbfinale schon live miterleben dürfen. Aber diese EM-Atmosphäre schlägt einfach alles. Beim Spielen der Nationalhymne im Deutschland-Spiel gegen die Schweiz war Gänsehaut garantiert. Und was die Rumänen bei ihrem Gruppensieg gegen die Slowakei da an Lautstärke ins Stadion gebracht haben, war unfassbar. Die Dänen sind ebenfalls unglaubliche Stimmungsmacher und auch die Schweizer waren extrem gut laut“, lacht Vogelgesang, die einen Stadionbesuch künftig mit ganz anderen Augen sehen wird.
Wehmut beim Achtelfinale
Am Montag steht die vorerst letzte Fahrt nach Frankfurt an, nach dem Achtelfinale zwischen Portugal und Slowenien ist Schluss mit dem EM-Abenteuer. „Ich bin schon wehmütig. Erst habe ich mich sehr lange darauf gefreut, dann wurden alle Erwartungen übertroffen. Nicht nur durch die Stimmung im Stadion, sondern auch in unserer Gruppe. Das werde ich sehr vermissen.“ Denn reguläre Karten für die EM hat sie nicht. Das Finale am 14. Juli wird sie dann im Urlaub mit Freunden im Schwarzwald schauen. Gerne mit einem deutschen Happy End.