Olympische Spiele

Thomas Geißler wird zum Olympia-Fahrer

Als Sportler hat er es nicht geschafft, als Trainer wird es schwierig. Doch den Traum von einer Teilnahme an den Olympischen Spielen erfüllt sich Thomas Geißler dennoch. Dafür schläft der „Macher“ der Weinheimer Leichtathleten auch im Sechsbett-Zimmer einer Pariser Jugendherberge. Und hat ein Ziel: seinen Führerschein zu behalten.

Der Anpacker: Thomas Geißler ist das Gesicht der Weinheimer Leichtathletik-Szene. Der ehemalige Mittelstreckler erfüllt sich jetzt seinen ganz persönlichen Olympiatraum. Foto: Simon Hofmann
Der Anpacker: Thomas Geißler ist das Gesicht der Weinheimer Leichtathletik-Szene. Der ehemalige Mittelstreckler erfüllt sich jetzt seinen ganz persönlichen Olympiatraum.

Fragen über Fragen. 120 waren es am Ende der Bewerbung für einen von 40 000 Plätzen. 350 000 Bewerbungen gingen ein beim Internationalen Olympischen Komitee. Menschen aus aller Welt wollten unter den Volunteers, den freiwilligen ehrenamtlichen Helfern sein, die die Olympischen Spiele ab dem 24. Juli in Paris zu einem unvergesslichen Erlebnis machen wollen. Auch für sich selbst.

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„Ich kann nur vermuten, warum ich unter den Auserwählten war. Vielleicht waren es meine fließenden Französischkenntnisse, vielleicht auch, dass ich schon viele Großveranstaltungen organisiert habe“, sagt Thomas Geißler. Warum der ausgefüllte Fragenkatalog, dessen Fragen psychologisch aufeinander aufbauten, dann die Qualifikation als Fahrer ergab? Völlig egal. Denn er fährt nach Paris. Getreu dem olympischen Motto: Dabeisein ist alles.


Viel Schlaf wird es nicht geben


Das Zugticket ist gebucht, die Unterkunft auch. „Im Sechsbettzimmer einer Jugendherberge, 200 Meter vom Gare de l’Est entfernt. Da bin ich recht jugendlich orientiert“, lacht der 63-Jährige, den der Sport ewig jung zu halten scheint. Viel an Schlaf ist in den knapp vier Wochen seines Paris-Trips eh nicht zu denken sein. Die Frühschicht beginnt schon um 7 Uhr. „Und weil ich das Image des pünktlichen und verlässlichen Deutschen pflegen will, werde ich mich schon eine Stunde vorher auf den Weg machen.“


Geißler, in der Abteilung auch einfach nur „TG“ genannt, bringt die sportlichen Großereignisse nach Weinheim. Hochsprung Gala, Kurpfalz Gala, Herbstlauf – Thomas Geißler ist das Gesicht der Weinheimer Leichtathletik, die Meetings des TSG 1862-Abteilungsleiters haben ihren Ruf weit über die Region und Deutschland hinaus. Und weil der dreifache Familienvater weiß, was es bedeutet, eine Veranstaltung aufzuziehen und dass die Helfer die entscheidende Rolle dabei spielen, nimmt er für sein Olympia-Abenteuer einiges in Kauf.
Die Unterkunft in der Jugendherberge nimmt er gelassen. „Ein Hotelzimmer ist über diesen Zeitraum nicht bezahlbar.“ Auch, dass sein erster Arbeitstag direkt um 7 Uhr mit der Einweisung und einem Fahreignungstest beginnt. Sieben, acht Stunden geht die Schicht am Morgen, oder eben ab mittags bis abends. Ein paar Hürden sieht der Weinheimer Rechtsanwalt: „Es wird sicher ein unvergessliches Erlebnis, aber auch ein teures.“

Geißler ist auch Macher der Hochsprung Gala, einem der hochklassigen Leichtathletik-Events, die es dank seines Engagements in Weinheim gibt. Foto: Philipp Reimer
Geißler ist auch Macher der Hochsprung Gala, einem der hochklassigen Leichtathletik-Events, die es dank seines Engagements in Weinheim gibt.


Ein teures Abenteuer


Das IOC zahlt lediglich die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von der Unterkunft zur Arbeitsstätte, in seinem Fall zum dreieinhalb Kilometer von der Innenstadt entfernt gelegenen Fuhrpark der über 6000 Fahrzeuge, die während der Spiele Sportler, Trainer und Offizielle zu ihren Einsatzorten zu bringen.
„Außerdem gibt es nur eine warme Mahlzeit täglich, um den Rest muss man sich selbst kümmern.“ Schon zu nicht-olympischen Zeiten ist Paris ein teures Pflaster, die Preise werden sich während der Spiele vielerorts mindestens verdoppeln. Gestellt wird den Volunteers auch der Dress: Mütze, zwei T-Shirts, Hosen, Schuhe, Regenjacke. „Zwei T-Shirts sind bei eventuellen Sommertemperaturen nicht gerade viel, schließlich will ich als Fahrer ja einen frischen Eindruck hinterlassen“, sagt Geißler, der sich also auch um die Wäsche kümmern muss.

Das Fahrzeug, sei es Pkw oder Kleinbus, ist ebenfalls zu betanken oder aufzuladen und natürlich sauber zu halten. Kein Problem für den Mann, der vor den Leichtathletikmeetings im Sepp-Herberger-Stadion schon mal selbst das Unkraut neben der Laufbahn jätet, um Weinheim in einem guten Licht dastehen zu lassen.

Der leichtathletik-Nachwuchs der TSG 1862 bestreitet jedes Jahr auch ein Trainingslager in Italien. "Von daher kenne ich mich im Fahren von Neunsitzern aus", sagt Thomas Geißler (oben rechts). Foto: TSG 1862 Weinheim
Der leichtathletik-Nachwuchs der TSG 1862 bestreitet jedes Jahr auch ein Trainingslager in Italien. "Von daher kenne ich mich im Fahren von Neunsitzern aus", sagt Thomas Geißler (oben rechts).

Der Kerwemontag ist heilig


Denn die Pläne, die den Volunteers schon vorliegen, sind größtenteils fix. Wer den Arbeitsplan nicht akzeptiert, wird durch einen Ersatz auf der Warteliste ersetzt. „Nur den Kerwemontag konnte ich rausschlagen, immerhin. Denn eigentlich war ich auch noch für den Tag nach der Schlussfeier eingeteilt. Jetzt muss ich die Kerwevorbereitungen eben vor meiner Zugfahrt am 22. Juli machen.“ Die TSG-Leichtathleten haben ihre Location traditionell am Roten Turm. „Mit den bei der Kerwe erzielten Erlösen finanzieren wir einen wichtigen Teil der Trainingslager für unseren Nachwuchs mit. Und da bin ich ja das Fahren von Neunsitzern gewohnt.“


Fließend Französisch spricht er, weil seine Mutter Lehrerin an einer französischen Schule in Äthiopien war. „Das war ziemlich tough für mich damals, zumal die Bildungssysteme in Deutschland und Frankreich fast gegenläufig sind. In Frankreich herrscht das Prinzip Befehl und Gehorsam, in Deutschland eher der freie Geist.“ Letzteres fördere Entscheidungsfähigkeit und Organisationstalent. Beides hat „TG“.


Zweimal wöchentlich gibt es inzwischen Post vom IOC mit immer neuen Instruktionen. Ein Dutzend Videos hat Geißler bereits geschaut. Für jeden Volunteer-Bereich gibt es auch einen Obmann, der immer erreichbar sein wird. In Paris wird es zwei Arten von Fahrern geben: diejenigen, die vom Olympischen Dorf zur Sportstätte fahren - und die, die als „Taxi“ variabel eingesetzt und über das Diensthandy bestellt werden. „Ich hoffe, beides fahren zu dürfen und so viele Menschen wie möglich zu treffen. Mein Ziel ist es, nach diesen vier Wochen noch einen Führerschein zu haben“, lacht er.

Warum? „Angeblich dürfen wir den Busstreifen nutzen. Ich hoffe, das stimmt.“ Denn Autofahren in der Pariser Innenstadt ist nicht gerade vergnüglich. Viele Sportstätten liegen extrem zentral. Früher waren die Straßen verstopft und die Luftqualität absurd schlecht. In den letzten Jahren wurde die Innenstadt an vielen Stellen verkehrsberuhigt. Seit Jahresbeginn ist Paris eine Umweltzone, aus der Diesel verbannt werden. Der Voie Georges Pompidou am Seine-Ufer ist eine 13 Kilometer lange autofreie Flaniermeile.
„Ja, Paris ist nicht Weinheim“, sagt der Olympia-Fahrer, der dafür bekannt ist, auf die Tube zu drücken, wenn er ein Ziel erreichen will. Und das ist in Paris dann auch nicht anders als in Weinheim.