Olympische Spiele

Olympia verzaubert auch unsere Teilnehmer

Susanne Arnold, Thomas Geißler und Fotograf Kadir Caliskan als Arbeiter, Yuan Wan und Karl-Peter Schmitt als Akteure: Alle erlebten einmalige Spiele. Oder doch nicht?

Xiaona Shan, Yuan Wan, Annett Kaufmann und Bundestrainerin Tamara Boros nach dem Erreichen des Olympischen Halbfinals in der Paris Arena Süd. Foto: ITTF
Xiaona Shan, Yuan Wan, Annett Kaufmann und Bundestrainerin Tamara Boros nach dem Erreichen des Olympischen Halbfinals in der Paris Arena Süd.

Aus, vorbei. Die Olympischen Spiele 2024 sind Geschichte, auch wenn die Bilder immer nachwirken werden. Paris berauschte nicht nur mit einer grandiosen Bilderflut und mit Sportstätten, die ihresgleichen suchen. Die Hauptstadt Frankreichs präsentierte sich als ausgelassene Partymeile, überraschte sich mit ihrer guten Laune teilweise selbst und setzte sich neben den vielen bauhistorischen Denkmälern ein eigenes. Im Herzen der Besucher. „Games Wide Open“ – das Motto dieser Spiele bezog sich nicht nur auf die Austragungsorte, die wie Tahiti fernab von Paris lagen. Die Stadt zeigte sich als weltoffener, freundlicher Gastgeber.

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Der Rimbacher Kampfrichter Karl-Peter Schmitt in der Champ-de-Mars-Arena. Foto: Torsten Baumgartner
Der Rimbacher Kampfrichter Karl-Peter Schmitt in der Champ-de-Mars-Arena.


Yuan Wan kann wieder lachen


Die 27-Jährige erlebte in den vergangenen Wochen so viel, wie manch ein Sportler sein ganzes Leben nicht. Beim Contender-Turnier in Bangkok, bei dem sich Deutschlands Nummer 1, Ying Han, die Achillessehne riss, war sie selbst dabei. „Das war so bitter für Yin. Und weil weder die Trainerin noch Nina Mittelham mit ihr heimfliegen konnten, habe ich das gemacht“, sagt Wan, die eigentlich direkt aus Bangkok nach China in den Urlaub geflogen wäre. Nur einen Tag später rief die Bundestrainerin an, ob sie bereit wäre, ihren Urlaub zu verschieben und stattdessen als Nummer 4 des Teams im Olympiakader nachzurücken. „Wenn mir das jemand vor ein paar Monaten gesagt hätte, hätte ich ihm nie geglaubt.“


Dass sie dann nach der Rückenverletzung von Deutschlands Nummer 2 Nina Mittelham tatsächlich ran durfte, sieht sie als großes Geschenk. „Nach dem verlorenen Spiel um die Bronzemedaille war es natürlich sehr hart. Mit ein paar Tagen Abstand kann man es aber nur positiv sehen: Wir haben es geschafft, ohne unsere beiden Spitzenspielerinnen unter die besten vier der Welt zu kommen und hoffentlich gezeigt, dass nicht nur die Herren Tischtennis spielen können“, kann Yuan Wan schon wieder lachen. „Das sind Erinnerungen, die bleiben für immer.“ Unter den Voraussetzungen, dass sowohl sie selbst, als auch Annett Kaufmann mental nur ein paar Tage Zeit hatten, sich auf den Olympia-Einsatz vorzubereiten, ist das umso höher zu bewerten. „Andere Nationen machen ein ganzes Jahr nichts anderes, als sich auf Olympia zu konzentrieren. Wir können da schon superstolz sein.“

Im Olympischen Dorf im Tunnel


Bei ihrem Paris-Trip selbst war Yuan Wan voll im Tunnel. „Die ganze Konzentration galt dem eigenen Einsatz, andere Sportarten habe ich nicht gesehen. Den einen oder anderen berühmten Sportler hat man im Olympischen Dorf getroffen. Aber letztlich war ich froh, meine Nervosität in den Griff bekommen zu haben und dass ich mein Leistungsvermögen zumindest im Doppel abrufen konnte.“ Gerade aus Paris zurück, ging es gestern dann in den Urlaub. Nicht mehr nach China, nur zu einem Kurztrip nach Griechenland. Denn in der kommenden Woche fängt schon wieder die Vorbereitung an, auch auf die 1. Bundesliga mit Weinheim, wobei der TTC 46 erst am 27. Oktober in die Saison starten wird.

Kadir Caliskan am Eingang vor der Mensa im Olympischen Dorf. Foto: Kadir Caliskan
Kadir Caliskan am Eingang vor der Mensa im Olympischen Dorf.


Am Tisch mit Novak Djokovic


Keine Zeit zum Durchatmen hat auch Kadir Caliskan. Der Fotograf des Ringer-Weltverbands aus Weinheim war zwei Wochen im Dauer-Fotoeinsatz. „An einem Tag haben wir 30 000 Bilder gemacht, die ja auch sortiert, bearbeitet und beschriftet werden müssen. Mehr als vier Stunden Schlaf gab es nicht“, sagt der Mann, der nach der Zugfahrt im proppevollen ICE am Montag wieder in Weinheim ankam. „Auf die Kerwe bin ich nicht, zu kaputt. Ich wollte eigentlich zur Schlussfeier, aber an dem Tag bin ich einfach nur wie tot ins Bett gefallen.“

Olympia-Legende: Der fünffache Goldmedaillengewinner Mijaín López aus Kuba mit dem Weinheimer Fotografen Kadir Caliskan. Foto: Kadir Caliskan
Olympia-Legende: Der fünffache Goldmedaillengewinner Mijaín López aus Kuba mit dem Weinheimer Fotografen Kadir Caliskan.


Das stand im Olympischen Dorf, wo Caliskan die Ringer auch abseits der Champs de Mars-Arena unterm Eiffelturm ablichtete. „Das war schon cool, wenn du beim übrigens gar nicht so High-Class-Mittagessen dann zwei Plätze neben Novak Djokovic sitzt oder man die deutschen Basketballer sieht. Jede Nation hatte ihr Haus geschmückt, Usbekistan hatte sogar sein eigenes Eis in einer Eistruhe dabei.“

Die immer ausverkaufte Champ-de-Mars-Arena am Fuße des Eiffelturms. Sieben Tage lang Arbeitsplatz des Ringer-Fotografen aus Weinheim. Foto: Kadir Caliskan
Die immer ausverkaufte Champ-de-Mars-Arena am Fuße des Eiffelturms. Sieben Tage lang Arbeitsplatz des Ringer-Fotografen aus Weinheim.

Trotz vollem Programm fand Caliskan noch Zeit und Tickets, um sich Rafael Nadal in Roland Garros anzuschauen und Beachvolleyball im Eiffelturm-Stadion bei Sonnenuntergang zu bewundern. Für die Eröffnungsfeier hatte er sich einen Platz auf einem Hügel ausgesucht, um ein Übersichtsbild zu machen. „Bei vier Stunden langem Regen konnte man das leider vergessen. Letztlich war es eher eine TV-Show.“


Apropos Show: Der persönliche Höhepunkt für Caliskan war der Olympia-Rekord des Kubaners Mijaín Lopez, der sich zum fünften Mal in Folge Gold in derselben Einzel-Disziplin sicherte. Die Medaille des 130-Kilo-Ringers „El Gigante“ durfte sich der Weinheimer auch umhängen. Viel Zeit zum Ausschlafen hat Caliskan nicht. Am Wochenende geht es zur Kadetten-WM nach Jordanien. „Da ist Felix Schmitt aus Rimbach dabei, einer der alles noch vor sich hat.“ Auch da ist der Fotograf ein Wegbegleiter.

Einmalig:  Mijaín López. Foto: Kadir Caliskan
Einmalig: Mijaín López.


Nicht zum letzten Mal Volunteer


Wieder am Schreibtisch sitzt Susanne Arnold aus Abtsteinach. Die Stepptänzerin der Hemsbacher Penguin Tappers war volle vier Wochen als Volunteer in Paris im Einsatz, am Flughafen Charles de Gaulle ging es darum, Gäste zu empfangen oder zu verabschieden und sie zu ihren Bestimmungspunkten zu bringen. Arnold war unter den 9000 der 45 000 freiwilligen Helfer, die nicht aus Frankreich kamen. „Am Flughafen waren wir sehr bunt zusammengewürfelt, wir haben alle viele tolle Kontakte geknüpft. Einige werden jetzt auch noch bei den Paralympics helfen. Es war einfach eine total tolle Stimmung, natürlich auch in der Stadt. Und bei der Leichtathletik im Stade de France wusste man gar nicht, wohin man schauen soll, soviel war da los.“

Längst olympisch entfacht: Susanne Arnold mit der Fackel am Flughafen. Sie will sich wieder als Volunteer bewerben. Foto: Susanne Arnold
Längst olympisch entfacht: Susanne Arnold mit der Fackel am Flughafen. Sie will sich wieder als Volunteer bewerben.


Susanne Arnold war bereits vor ihrem Engagement in Paris ein Riesen-Fan der Spiele, nach der Erfahrung will sie sich wieder bewerben. „Zunächst einmal für die Winterspiele in Mailand. Es war eine tolle Sache, das mal von innen zu erleben.“ Über Gespräche und eine Bekannte, die schon länger in Paris lebt, hat sie auch erfahren, dass viele Pariser und Franzosen, die zunächst nicht zu den Spielen kommen konnten oder wollten, die einmalige Atmosphäre jetzt bei den Paralympics erleben wollen.“

Susanne Arnold genoss den ersten Zehnkampf-Tag und die begeisterten und begeisternden Leichtathletik-Fans im Stade de France. Foto: Susanne Arnold
Susanne Arnold genoss den ersten Zehnkampf-Tag und die begeisterten und begeisternden Leichtathletik-Fans im Stade de France.


Beim Gold-Kampf auf der Matte


Sieben Mal stand Karl-Peter Schmitt vom KSV Rimbach als Kampfrichter beim Ringerturnier auf der Matte, dabei auch bei einem Kampf um Gold. „Die Champ-de-Mars Arena war mit 8500 Zuschauern eigentlich immer voll. Die ohnehin sehr gute Stimmung wurde, insbesondere, wenn die Franzosen kämpften, noch mal getoppt.“

Beeindruckt war er von den Menschenmassen, die sich durch die Straßen drückten und auch von der Abschlussfeier am Sonntagabend, ehe es am Montag wieder zurück in den Odenwald ging. Mit seinen Auftritten war der Rimbacher zufrieden. Bei einer ersten Manöverkritik bekamen auch alle Kampfrichter vom Präsidenten des Weltverbandes und dem deutschen Weltkampfrichter-Boss Antonio Silvestri eine gute Leistung bescheinigt. Natürlich sei es auch vorkommen, dass eine Entscheidung von ihm in der Challenge korrigiert wurde, „doch alles kann man nicht sehen“, so Schmitt.

Selbst im Fernsehen zu sehen

Bis zu sieben Kameras sorgten rund um die Matte, dass dem TV-Auge nichts entgeht. Und auch Karl-Peter Schmitt war öfters im Fernsehen, denn die Kämpfe wurden teilweise von ARD und ZDF gestreamt und von Discovery übertragen. „Ich habe einige Whatsapps von Bekannten bekommen, wenn sie mich gesehen haben“, sagt Schmitt und lacht.

Das Stadion unterm Eiffelturm - besser geht es nicht. Foto: Kadir Caliskan
Das Stadion unterm Eiffelturm - besser geht es nicht.

Zeit hatte er für das Beachvolleyball-Finale der Frauen, die zwei Kilometer vom Hotel der Kampfrichter in die Arena legte Schmitt meistens zu Fuß zurück, weil das schneller ging als im Bus. Möglicherweise gibt es in vier Jahren ja ein Comeback bei den nächsten Olympischen Spielen in den USA. Dann wäre Schmitt mit 59 kurz unterhalb der Altersgrenze von 60 Jahren. „Ja, Los Angeles ist schon mein Ziel. Aber da ist viel Druck dahinter, denn die internationale Konkurrenz von jungen Kampfrichtern wird immer größer“, sagt Schmitt. Der Nominierungsprozess wird 2027 starten. „Wer weiß, was bis dahin ist“, bleibt Schmitt gelassen. Eine Ruhe, die ihn auszeichnet und auch bei den Wettkämpfen vor einem Millionenpublikum half, in sekundenschnelle die richtigen Entscheidungen zu treffen. "Paris war jedenfalls eine Reise wert."

Der Führerschein ist weg


Das findet auch Thomas Geißler, der nach drei Wochen Fahrdiensten als Volunteer direkt aus dem Zug zum Arbeitsdienst am Kerwestand seiner Weinheimer Leichtathleten weiterzog. Und das ohne Führerschein, den er eigentlich behalten wollte. „Das lag aber nicht an meiner Fahrweise, obwohl ich die französisieren musste, um außerhalb der Innenstadt auf der Ringautobahn überhaupt ans Ziel zu kommen“, sagt Weinheims Leichtathletik-Abteilungsleiter. Am vorletzten Tag wurde ihm die Geldbörse mitsamt des Führerscheins in der Metro gestohlen. „Auch diese Plage gehört wohl zu Paris, aber unterm Strich bin ich sehr froh, das gemacht zu haben.“ So froh, dass er sich auch wieder als Volunteer bei der Leichtathletik-WM in Tokio bewerben möchte. Und auch die Spiele in Los Angeles würden ihn interessieren. "Obwohl ich da. realistisch gesehen, bei einer Bewerbung mit denn 67 wohl kaum Chancen haben werde."

Thomas Geißler besuchte auch dreimal das Stade de France - da natürlich nicht im Volunteer-Dress, sondern als bekennender Deutschland-Fan.
Thomas Geißler besuchte auch dreimal das Stade de France - da natürlich nicht im Volunteer-Dress, sondern als bekennender Deutschland-Fan.

Zunächst hatte Geißler, der sich im Sechsbettzimmer einer Jugendherberge eingemietet hatte und in Paris seinen 64. Geburtstag feierte, es etwas bedauert, als Fahrer eingeteilt worden zu sein und nicht als Helfer in einer Sportstätte. Im Endeffekt stellte sich das als genau richtig heraus, auch wenn das Fahren in Paris sehr anstrengend gewesen sei. „Ich habe fast ausschließlich Funktionäre gefahren und da sehr interessante Gespräche geführt, auch mit deutschen IOC-Funktionären“. Es sei gut, dass Deutschland jetzt eine Absichtserklärung abgegeben habe, die Spiele auszurichten. „Die Politik muss aber jetzt Gas geben und nicht den Fehler wie bei den European Games begehen und bei kritischen Stimmen wieder einknicken. „Die Spiele können für Aufbruchstimmung sorgen, sportlich, kulturell, mental. Aber die Fachverbände und Vereine sind gefragt, müssen nachhaltige Konzepte auflegen und umsetzen.“ Wie ambitionierter Sport noch besser umgesetzt werden könne, werde auch er mit seinen Coaches in der TSG-Leichtathletikabteilung besprechen. "Und beim DLV werde ich mal nachfragen, wie es da um unsere Nachwuchsförderung bestellt ist."

Unvergessliche deutsche Momente in Lille: Beim Viertel- und Halbfinale der deutschen Handballer waren auch die DHB-Fans wie im Rausch. Foto: Anja Treiber
Unvergessliche deutsche Momente in Lille: Beim Viertel- und Halbfinale der deutschen Handballer waren auch die DHB-Fans wie im Rausch.


Als Beispiel führte er auch den DHB als größten Handballverband der Welt an. „Da muss es unser Anspruch sein, kontinuierlich zur Weltspitze zu gehören. Das geht nur mit konsequenter Nachwuchsförderung, wie in vielen anderen Sportarten auch.“ Die Deutschen hätten im Ausland immer noch einen "exzellenten Kämpfer- und Schafferruf. Da stehen wir besser da, als es der Realität entspricht." Diesen Ruf gälte es mit neuem Leben zu füllen. Frankreich hat es vorgemacht.