Susanne Arnold, die Empfangsdame
Ihr Traum: einmal dabei sein. Seit dem 15. Juli ist sie mittendrin. Die Frau aus Abtsteinach ist Volunteer auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle und würde ihren Jahresurlaub auch 2028 wieder opfern
Lost in Paris – die Befürchtung, in diesen Tagen in der französischen Hauptstadt verloren zu gehen, hatten sicher einige Besucher der Olympischen Spiele. Das erweist sich als völlig unbegründet. Nicht nur, weil sich der Nahverkehr perfekt auf die Olympiafahrer eingestellt hat und die rosafarbenen Wegweiser zu den Sportstätten nicht zu übersehen sind. Steht man doch einmal einen Augenblick ratlos an der Metrostation, ist der nächste Volunteer nicht weit. Überall sind sie zu finden, die vielen freiwilligen Helfer aus aller Welt. Im offiziellen Olympia-Dress sind sie überall in der Stadt verteilt zu finden, haben immer eine Antwort parat.
Jetzt begrüßt sie Sportler, Verantwortliche und Medienschaffende am „Welcome Desk“ des Flughafens. Für den jeweiligen Tag erhalten die Flughafen-Volunteers eine Liste mit den ankommenden Personen, der Anzahl Gepäckstücke sowie deren Zielort. Dann werden die Olympioniken zu den bereitstehenden Autos, Busse und die allgemeinen Busse geleitet. Eventuell werden sie dort von einem weiteren Bergsträßer in einem der „Paris2024“-Fahrzeuge gefahren. Thomas Geißler, Leichtathletik-Abteilungsleiter der TSG 1862 Weinheim, ist ebenfalls als Volunteer vor Ort und als Fahrer im Einsatz.
Deutsche kommen mit der Bahn
Schon vor den Spielen kamen neben vielen Medienmenschen auch Crews der jeweiligen Nationalteams und vereinzelt auch Sportler an, die sich vor Ort auf ihre Wettkämpfe vorbereiten. „Dort, wo die Medienleute sind, ist auch sportliche Prominenz“, sagt die Ober-Abtsteinacherin. „Eine japanische Weltmeisterin im Badminton hatten wir schon.“ Deutsche sind selten dabei, Charles de Gaulle ist der Flughafen für internationale Flüge. „Und die Deutschen kamen wohl überwiegend mit der Bahn“, lacht Arnold.
Zur Person
Susanne Arnold ist eine von 45 000 Volunteers – freiwilligen, ehrenamtlichen Helfern – bei den noch bis 11. August in Paris stattfindenden Olympischen Spielen.
Die Frau aus Ober-Abtsteinach ist im Bereich Transport der Fluggäste, die am internationalen Flughafen Charles de Gaulle ankommen, zuständig.
Die 36-Jährige ist Stepptanz-Weltmeisterin der Erwachsenen II-Formationen bei den Hemsbacher Penguin Tappers und arbeitet im Projekteinkauf bei Hitachi in Mannheim. Für die Spiele nahm sie vier Wochen Urlaub.
Beworben haben sich Hunderttausende, dass Arnold eine der 45 000 zu vergebenden Stellen ergattert hat, fühlte sich wie ein Sechser im Lotto an. Dass sie dann „nur“ im Sektor Transport vorgesehen war, ließ die Abtsteinacherin noch einmal kurz nachdenken, ob sie dafür vier Wochen ihres Jahresurlaubs opfern soll. Doch die Bedenken haben sich längst zerschlagen. „Klar wäre ich lieber in den Sportstätten zugeteilt gewesen. Aber diese Spiele sollen nicht die letzten sein. Es gibt hier viele Volunteers, die das schon zum vierten oder fünften Mal machen und die sagen, wenn man einmal einen Fuß in der Tür hat, dass sich die Chancen bei künftigen Spielen dann erhöhen. Wer einmal dabei war, will immer wieder dabei sein.“ Dieses Gefühl hat sich längst auch bei Arnold eingestellt. Und das Gefühl, Teil dieser Spiele zu sein, sowieso.
Denn anders als in anderen Volunteer-Aufgabegebieten bietet sich für die Frau, die Stepptänzerin der Weltmeisterformation bei den Hemsbacher Penguin Tappers ist, in ihrem Job die Gelegenheit, viel von der Stadt zu sehen. „Wir arbeiten zwei, drei Tage am Stück in drei Schichten zwischen 5 und 23 Uhr, haben dann wieder ein, zwei Tage frei.“ Am Tag der Eröffnungsfeier vor einer Woche war beispielsweise der Flugraum über Paris gesperrt. „Da hatte unsere Gruppe frei. Ich bin dann in die Fanzone ins Deutsche Haus und habe mir mit vielen anderen die Eröffnungsfeier angeschaut. Am Sonntag war ich beim Kanuslalom und hätte fast eine Medaille von Ricarda Funk erleben dürfen. Aber auch so war es eine supertolle Stimmung auf einer beeindruckenden Wassersportanlage mit einem fairen Publikum, das bei französischen Sportlern natürlich noch lauter schreit.“
Vom Trampolin zum Kanusprint
Einen Volunteer-Bonus beim Kauf der Tickets gibt es übrigens nicht, Arnold muss genau wie alle anderen Besucher ihr Glück in der Olympia-Ticket-App versuchen. Doch bislang ging das recht gut. Gestern besuchte sie den Schlosspark von Versailles und nahm das Reitstadion zumindest von Außen in Augenschein. „Das ist schon sehr speziell, allein die Sportstätten einmal live zu sehen, die man normalerweise nur vom Fernsehen kennt.“ Heute geht es zum Trampolinturnen in die beeindruckende Bercy-Arena direkt an der Bercy-Brücke und der Seine gelegen, wo auch die anderen Turner schon ihre Olympiasieger ermittelt haben. Und zur Leichtathletik ins beeindruckende Stade de France, der mit 80 000 Zuschauern größten Sportstätte Frankreichs. „Einmal Stade de France musste sein“, lacht Arnold, die sich für den vierwöchigen Aufenthalt ein Appartement im nördlich von Paris gelegenen Saint Denis gemietet hat. Am Wochenende steht dann noch ein Kanusprint-Besuch und die Handballpartie Deutschland gegen Slowenien an. „Darauf freue ich mich ganz besonders.“ Wenn die DHB-Herren mit dem Reisener Yannick Kohlbacher ihr Achtelfinal-Ticket lösen, geht deren Olympiareise nämlich anschließend in Lille weiter, wo ein Fußballstadion zur 27 000 Fans fassenden Handballarena umfunktioniert wurde. Kanusprint steht am Wochenende auch noch an.
Nur die Penguin Tappers fehlen
„Ich habe mir recht viel vorgenommen. Das Olympische Feuer in den Tuilerien habe ich noch nicht gesehen, da kann man mit einem kostenlosen Ticket ganz nah ran“, sagt die Frau, die bei der Frage nach ihrem bisherigen Highlight, ob der vielen Höhepunkte in Serie, gar keinen Punkt herausheben möchte. „Es gibt so viele. Vielleicht war es der Moment, als es endlich losging. Da direkt live vor Ort zu sein.“
Die Eröffnungsfeier war sehr besonders, schon aus künstlerischer Sicht für die Frau, die sich mit Stepptanz-Gold schmücken darf. Ein Auftritt vom Weltmeister aus Hemsbach im prall gefüllten Programm am Seine-Ufer hätte da vielleicht sogar gepasst. „Das wäre natürlich genial, vor so einem Publikum aufzutreten“, schwärmt die Frau, die ihre gewonnenen Kontakte nun vielleicht ja für Los Angeles 2028 nutzen kann.
Einziger Wermutstropfen der Riesenshow in Paris: Das Rugbystadion Jean Bouin, wo die deutsche Fanzone ihren Sitz hat, schloss noch vor dem emotionalen Höhepunkt mit der auf dem Eiffelturm singenden Céline Dion und dem mit dem Olympischen Feuer aufsteigenden Ballon seine Pforten. „Wohl wegen der Anwohner. Schade, weil im direkt benachbarten Prinzenpark ging es weiter rund, da war es deutlich lauter.“ Der gut gelaunten Atmosphäre rund um die Spiele tat das keinen Abbruch. „Es ist einfach ein riesiges, wunderbares Fest.“