Kadir Caliskan: der Augenzeuge am Mattenrand
Der "Ourewäller Türk" hält bei den Olympischen Spielen in Paris als Fotograf der Ringkämpfe die besonderen Momente fest und weiß, wo seine Herzensheimat Deutschland in sportlicher Hinsicht noch Nachholbedarf hat.
Im Lagerraum seines Büros in der Weinheimer Bismarckstraße stapeln sich die Kartons in den Regalen, die Umkleidekabine ist direkt nebenan. Kadir Caliskan ist nicht nur für den Social Media Auftritt des Deutschen Ringer-Bundes (DRB), sondern auch für die Olympia-Ausstattung der Athletinnen und Athleten zuständig. Der 37-Jährige, der selbst aktiv beim RSC Laudenbach, Fahrenbach und Seeheim bis 2016 auf der Matte stand, ist der Mann für alle Fälle. Und das inzwischen nicht nur für den DRB. Seit 2019 ist der Fotograf auch Fotomanager des Ringer-Weltverbandes UWW (United World Wrestling). Im Iran macht er eine Dokumentation, in Jordanien gehts demnächst zur U20-Weltmeisterschaft.
Zur Person
Kadir Caliskan wurde in Lindenfels geboren, wuchs dort auf, ehe er beim RSC Laudenbach unter Michael Schmitt den Ringsport erlernte.
Aktiv auf der Matte war er auch in Rimbach, Fahrenbach und bis zu seinem Kreuzbandriss in Seeheim-Jugenheim.
Nach Ende der eigenen Sportkarriere begleitete er das Ringen als Fotograf weiter, zunächst für den Deutschen Ringer-Bund, dann für den Weltverband.
Der inzwischen in Weinheim lebende Fotograf dokumentiert in Paris seine zweiten Olympischen Spiele nach Tokyo.
Wenn er darüber spricht, fängt es an zu kribbeln. Noch zu deutlich sind Caliskan seine ersten Olympischen Spiele vor Augen: 2021 ging es nach Japan. Wie herausragend dieses Erlebnis war, zeigt nicht nur sein rechter Oberarm, auf dem neben Schriftzug Tokyo und den fünf Ringen auch eine Kamera tätowiert ist. „Damals waren es die Corona-Spiele, das war schon eine sehr besondere Atmosphäre. Aber jetzt freue ich mich auf die ersten richtigen Spiele in Paris. Diesmal bin ich ganz nah dran.“
Das ist ohnehin die Devise des ehemaligen Bundesliga-Ringers. Zusammen mit seinem Fotografenteam umzingelt er nicht nur die Wettkampfmatten, er blickt auch hinter die Kulissen, will „seinen“ Sport so vielfältig und vielschichtig zeigen, wie er ist. Es geht ihm nicht nur um den perfekten Moment, die akrobatischste Szene auf einer der drei Wettkampfmatten in der Champ de Mars Arena unweit des Eiffelturms und des Grand Palais.
„Der ehrlichste Sport überhaupt“
„Ringen, das ist der vielleicht ehrlichste Sport der Welt. Und ich fühle den Kampf, habe durch meine Erfahrung den Vorteil, dass ich die nächste Sekunde vorhersehen und den entscheidenden Moment festhalten kann“, schwärmt Kadir Caliskan von einer der ältesten Sportarten der Welt. Ringen war bereits Teil der antiken Olympischen Spiele 708 vor Christus. Jeder Fehler werde direkt bestraft, jedes Gramm Körpergewicht zu viel könne die Startberechtigung kosten.
Auf wenige Sportarten trifft „Blut, Schweiß und Tränen“ so zu wie auf den Nahkampf in den beiden Disziplinen Freistil und griechisch-römisch. Und auch weil das Leiden im Vorfeld beim Gewichtmachen, das Trimmen des Körpers auf Perfektion so extrem ist, brechen nach Kampfende emotional nicht selten alle Dämme. „Dabei sitze ich in der ersten Reihe, andere würden für diesen Platz viel Geld bezahlen“, schwärmt Kadir Caliskan.
„Wenn man sein Hobby zum Beruf macht, braucht man nie wieder arbeiten. So fühle ich das. Als Ringer hätte ich nie diese Orte besucht, die ich jetzt sehe, konnte nach meinen Kreuzbandrissen dem Sport trotzdem erhalten bleiben. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als das zu machen, was ich am liebsten mache. Auch wenn man sich den Stundenlohn nicht ausrechnen darf.“
Bezahlung in Motiven
Er wird mit wunderbaren Motiven bezahlt. „Wir Ringer sind eine große Familie, da kennt jeder jeden. Nicht selten wissen die Sportler sogar, wo ich mit meiner Kamera sitze oder liege und jubeln mir direkt zu“, sagt der Weinheimer, der sich selbst als „Ourewäller Türk“ bezeichnet. „Ich bin Deutscher, bin hier geboren, aufgewachsen, habe die Bildung genossen. Dass sich hier manche nicht trauen, zur deutschen Fahne zu stehen, kann ich überhaupt nicht verstehen. Flagge zu zeigen, nicht nur zur EM, heißt ja nicht, andere nicht zu mögen, sondern stolz auf seine Heimat zu sein und sich ihr verbunden zu fühlen.“
Die Grätsche zum Thema Bundeswehrathlet und Sportförderung ist da nicht weit. Denn leben können Ringer von ihrem Sport nicht, egal wie hoch der Aufwand ist, den sie betreiben. Die Förderung der Randsportarten in Deutschland sieht Caliskan sehr kritisch. „Das ist beispielsweise in der Türkei ganz anders. Da gibt es eine Sportrente, deren Höhe sich an gewonnenen Titeln bemisst. Das ist eine richtige Wertschätzung für überragende sportliche Leistungen. Und eine Absicherung, dass man sich voll und ganz auf den Sport konzentrieren kann, ohne Zukunftsangst haben zu müssen. In Deutschland sind wir in der Ausbildung stark, haben gute und fleißige Talente. Aber danach steht eigentlich jeder Randsportler am Scheideweg. Es wird immer weniger in den Sport investiert, aber trotzdem werden immer mehr Medaillen erwartet.“ Wer nicht gerade Fußball spiele in Deutschland, werde für seine Arbeit nicht adäquat entlohnt. „Trotzdem würde ich zum Beispiel Fußball nicht fotografieren wollen, beim Ringen bist du hautnah dabei.“
Ganz eng mit den Olympiasiegern
Auch an den Athleten. „Alle Ringer auf der Welt sind Freunde. Egal wo man mich ablassen würde, würde mich jemand kennen und aufnehmen.“ Die japanische Olympiasiegerin Yui Suzaki besuchte ihn 2023. Aline Focken und Frank Stäbler durfte Caliskan in Tokyo als einer der wenigen zugelassenen Außenstehenden direkt beglückwünschen und schickte die Fotos der deutschen Ringer-Helden um die Welt. „Jedes Ringerfoto, das dann über die Agenturen geht und in den TV-Nachrichten gezeigt wird, ging vorher über meinen Schreibtisch“, sagt der Mann, der auch schon zwei Bildbände zusammengestellt hat. Von unzähligen Meisterschaften weltweit.
Olympia, das seien sicher die emotionalsten Momente. „Wenn du diese Ringe siehst, das geht unter die Haut. Die Anspannung bei den Spielen ist ganz anders.“ Weltmeisterschaften seien durch die allein zahlenmäßig noch stärkere Konkurrenz allerdings sportlich noch wertiger. Auch deshalb muss Kadir Caliskan bei der Frage nach seinem persönlich emotionalsten Erlebnis nicht lange überlegen: „Der Europameistertitel von Pascal Eisele 2016 und seine WM-Bronzemedaille ein Jahr später. Er kommt ja aus Fahrenbach, wo ich auch selbst gerungen habe. Er ist wie mein kleiner Bruder und ich weiß, was er in diese Erfolge investiert hat.“
Local Heroes
Die Local Heroes liegen Caliskan ohnehin am Herzen, auch die Bronzemedaille bei der U17-Europameisterschaft des Rimbachers Felix Schmitt in Novi Sad dokumentierte er live mit. Apropos Rimbach: Was Caliskan an seinem umtriebigen Leben mit Reisen in die ganze Welt vermisst, sind die Rindswurst, das Spezi und die Fans direkt an der Matte. „Die familiäre Atmosphäre eben. Darum bin ich, wenn ich mal daheim bin, auch gern bei den Kämpfen meiner Ex-Vereine. Zuletzt in Rimbach.“ Dann wenn es im November, Dezember etwas ruhiger auf den Ringermatten zugeht. „Weniger Arbeit gibt es nicht, da geht es dann an die Jahresplanung am Schreibtisch.“
Nächste Station jetzt aber: Paris. Die Koffer sind gepackt für die Ringkämpfe vom 5. bis 11. August, seine drei Wechselkameras mit unterschiedlichen Objektiven sind sicherheitshalber immer dabei. Auch wenn bei den Olympischen Spielen die komplette Ausrüstung im Wert von 60 bis 70 000 Euro kostenlos gestellt wird.
Sportlich lässt sich der historische Erfolg aus deutscher Sicht von Tokyo sicher nicht wiederholen, emotional wird es für den Weinheimer am Mattenrand aber nicht minder als bei seiner Olympia-Premiere. „Wir Ringer sind eine einzige große Familie.“ Da ist es fast egal, wer gewinnt – es sei denn, er kommt aus einer Bergsträßer oder Odenwälder Talentschmiede.