Die Weinheimerin Annkathrin Geugjes erklärt die Mentalität der Skandinavier
Warum die Dänen glücklich sind: Die Gemeinschaft steht über allem und deshalb war Dänemark bei der EM kein Außenseiter.
„Velkommen“ steht auf der Haustür der Familie Geugjes. Und das ist wörtlich zu nehmen. Im gemütlichen Reihenhaus in Weinheims Westen ist es hell und freundlich, die Dänen haben es gerne „hyggelig“, gemütlich eben. Im kleinen Wohnzimmer lädt die hellgraue Couch zum Lümmeln ein, der große Fernseher ist das einzige dunkle Möbelstück in der ansonsten weiß gehaltenen Einrichtung. Der TV wird heute wieder eine zentrale Rolle einnehmen, wenn um 21 Uhr das Achtelfinale der Fußball-Europameisterschaft angepfiffen wird. Annkathrin Geugjes ist Halb-Dänin, ihr Mann Dennis Deutscher. Sollte es heute einen dänischen Sieg geben, jubeln aber beide. Denn die dänische Elf hat längst auch das Herz des Mannes im Haus erobert. Und das hat viele Gründe.
Die Dänen nehmen im „World Happiness Report“ – einer Studie, die erfasst, wo die glücklichsten Nationen der Welt leben – regelmäßig einen Spitzenplatz ein. Annkathrin Geugjes wundert das nicht. In Dänemark orientiert man sich am Jante-Gesetz. Und das lebt davon, dass sich niemand über den anderen erhebt. „Denke nie, dass du besser als die anderen bist.“ Niemand soll von sich glauben, dass er etwas Besonderes ist, mehr weiß oder klüger ist als seine Mitmenschen. Das prägt den Sozialkodex der skandinavischen Mentalität und führt zu der für die Dänen typischen Bescheidenheit. Und darin, dass auch im Sport das Team an erster Stelle steht, nicht seine einzelnen Spieler. Egal, ob das ein Welthandballer Mikkel Hansen oder Fußball-Kapitän Christian Eriksen ist.
Lieber hyggelig als Public Viewing
„Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht gewinnen wollen“, lacht Annkathrin Geugjes, die auf einen Sieg der Dänen hofft, aber letztlich kein Problem damit hat, wenn heute Abend die bessere Mannschaft gewinnt. „Selbst mein Mann fiebert mittlerweile mit den Dänen mit. Mein Vater Jan, der in Kopenhagen geboren und aufgewachsen ist, ist ohnehin Dänemark-Fan.“ Geschaut wird gemütlich vorm Fernseher, auch wenn das AC-EM-Fandorf in direkter Nachbarschaft für Partystimmung sorgt. „Die wummernden Bässe beschallen uns hier eh nonstop“, sagt die 35-Jährige. Die sechs- und dreijährigen Kids lägen am Samstagabend schon im Bett, und auch in Dänemark halte man es statt Riesen-Events eher kleiner. „Da wird dann eher zur Grillparty bei Freunden und Familie in den Garten eingeladen.“
Wichtig ist die Gemeinschaft
Nicht fehlen dürfe ein kühles Tuborg-Bier und Knabberzeug. Auch Lakritz werde in Dänemark zu jeder Tages- und Nachtzeit gefuttert. „Wichtig ist den Dänen vor allem die Gemeinschaft. Darum sind auch beim Fußballschauen die netten Menschen drumherum das A und O.“ Das In-der-Natur-Sein und sich auch draußen zu bewegen sei den Skandinaviern ohnehin sehr wichtig. Das Laufen haben die in Hohensachsen aufgewachsenen Schwestern Annkathrin und Marilena Geugjes von beiden Elternteilen, insbesondere auch von ihrem Vater mitbekommen, der auch gerne Rennrad fährt und beim TTC schon Tischtennis gespielt hat.
Annkathrin schwamm in Hohensachsen, war auch Teil des Action-Sportteams von TSG-Trainer Fréd Abbou und übte sich schließlich auch im Triathlon. Ihren Mann Dennis lernte sie im Rahmen der Physiotherapie-Ausbildung im Weinheimer Krankenhaus kennen, inzwischen leiten beide eine Physiopraxis im Dossenheimer Ärztehaus.
Vergangenheit bei SV Schriesheim
„In diesem Rahmen habe ich auch die Schriesheimer Fußballer mal als Physiotherapeutin betreut, als sie noch in der Kreisliga gespielt haben. Da hat Dennis, der ursprünglich aus dem Raum Groß-Gerau kommt und die Frankfurter Fußballschule besucht hat, auch mal gespielt. Die Spiele da habe ich mir immer gern angeschaut. Jetzt sind wir live nur noch ab und an bei den Longhorns. Fußball gibt es im Fernsehen.“
Und da steigt die Vorfreude stündlich, der Glaube ans Team ist überall zu spüren, auch im Königshaus. „Die Dänen verehren das Königshaus, aber eben deshalb, weil auch deren Mitglieder so sind wie du und ich.“ Fußball habe in Dänemark einen hohen Stellenwert. „Jedes Örtchen hat einen Fußballplatz. Da schickst du deine Kinder hin, weil sie vor allem Spaß haben und ohne Druck Gemeinschaft leben können. Das zieht sich schon durch die Gesellschaft, dass es gelassener und entspannter zugeht.“ Nicht zuletzt zeige sich das auch daran, dass die Menschen in ländlicher gelegenen Gebieten ihre Häuser nicht abschlössen. Vorhänge gäbe es nur, um es im Haus „hyggeliger“ zu machen. Erzählungen, die die Urlaubslust wecken.
Sollten es die Dänen ins Viertelfinale schaffen, scheint eine Gartenparty nicht ausgeschlossen. Dann mit Kindern, weil das Spiel am 5. Juli schon um 18 Uhr angepfiffen werden würde. Wobei – den jüngsten Geugjes’ ist die Fußball-EM völlig schnuppe. Hauptsache, man trifft sich draußen, kann sich bewegen und ist einfach zusammen. Und das am allerliebsten gut gelaunt.